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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 13:17

    Anne-Laure Bondoux: Die Zeit der Wunder

    16.05.2011

    Zeit der Lügen

    Lügen gilt als eklatantes Fehlverhalten, trotzdem ist es aus dem Leben nicht wegzudenken. Es gibt Dutzende Varianten und Dutzende von Gründen dafür. Einigkeit herrscht nur darüber, dass Lügen schaden, selbst wenn sie nützen. Anne-Laure Bondou erzählt in Zeit der Wunder gleich von einem ganzen Lügengewebe, in das ihr junger Protagonist eingesponnen wird. Mit gutem Grund, der zugleich ein wirklich schrecklicher ist. Das Doppelgesicht der Lüge eben. Von MAGALI HEIßLER

     

    Koumaïls Erinnerungen reichen kaum vor sein siebtes Lebensjahr zurück, er ist ein Kriegskind, verschreckt, verunsichert, häufiger hungrig als satt. Er lebt zusammen mit Gloria in einer Gruppe von Flüchtlingen in einer Stadt im Kaukasus. Gloria ist sein Halt in einer lebensbedrohlichen Umwelt, Familienersatz, Retterin und Trösterin und diejenige, die seine wahre Geschichte kennt. Koumaïl trägt zwar einen ortsüblichen Namen, aber von Gloria weiß er, dass er anders heißt, Blaise, und mit Nachnamen Fortune. Er ist eigentlich Franzose, der bei einem Zugunglück verloren ging und von Gloria gerettet wurde. Sie hat sogar einen Pass, mit dem sie das beweisen kann. Allein der Krieg verhindert, dass Koumaïl und Gloria nicht schon in Frankreich sind und Koumaïls Mutter suchen. Aber eines Tages werden sie nach Frankreich gelangen, das versichert ihm Gloria immer wieder, mit felsenfester Überzeugung. Und an Gloria kann man nicht zweifeln, egal, was passiert. Es passiert viel, darunter so viel Schreckliches, dass Koumaïl zwischendurch doch von der Verzweiflung befallen wird, die Gloria so verachtet und so entschlossen bekämpft. Die Katastrophe aber kann auch Gloria nicht verhindern. Es dauert viele Jahre, bis ein inzwischen erwachsener Koumaïl die Ereignisse seiner Kindheit richtig zusammensetzen kann.

     

    Seite 16 im grünen Atlas

    Koumaïl hat ebenso wenig wie Gloria viel persönlichen Besitz, aber unter ihren Habseligkeiten befindet sich ein grüner Atlas, in dem der Junge oft und oft blättert. Auf den Landkarten ist ihr Fluchtweg zu sehen, durch den Kaukasus, über das Schwarze Meer bis nach Frankreich, genauer nach Mont St. Michel, auf Seite 16. Wie der französische Pass ist der Atlas etwas Handfestes, er beweist, dass es Frankreich gibt und damit ein Leben weit weg von den kriegerischen Verwirrungen im Kaukasus. »Den Kaukasus kann niemand erklären«, sagt Gloria nicht nur einmal. Ihre Empfehlung, eigentlich eher ihr Befehl, lautet, nicht über den Kaukasus nachzudenken, nicht über Vergangenes und auch möglichst wenig über die schlimme Gegenwart. Was zählt, ist die Zukunft. Wenn es ein »Prinzip Hoffnung« gibt, dann muss es Gloria heißen. Ihre Geschichten über die längst zerstörte Obstplantage ihrer Familie, über ihren Liebsten, ZemZem, und über Frankreich, helfen Koumaïl über Hunger, Angst und Einsamkeitsgefühle hinweg. Vor allem Letztere bedrücken ihn, denn als Flüchtling kann man keine Bindungen eingehen. Alle sind immer unterwegs, hierhin und dorthin getrieben von Mächten, die undurchschaubar sind. Was immer kleine Flüchtlingsgruppen aufbauen, kann im nächsten Moment zerstört sein, sei es eine Art Schule, sei es die erste Liebe zu einem Mädchen. Aber Seite 16 im Atlas bleibt, auch wenn das reale Frankreich zeitweilig so fern scheint, wie die Sterne über dem Kaukasus.

     

    Der Preis der Sühne

    Bondoux läßt Koumaïl erzählen, er hat den eingeschränkten, aber genauen Blick eines Kindes, dessen Wahrnehmung durch die Härten seines Lebens zusätzlich geschärft ist. Sein Blick erweitert sich nur langsam. Das liegt nicht allein daran, dass die Schwierigkeiten des Alltags, die er bewältigen muss, genaueres Nachdenken verhindern, sondern auch an Gloria, die den Jungen mit ihren Geschichten gleichzeitig bindet und befreit. Koumaïls Erlebnisse werden vorgeblich einfach erzählt, die eigentlich komplizierte Konstruktion ist dabei ebenso geschickt verborgen, wie die Wahrheit hinter Glorias Geschichten. Die Zweifel schleichen sich beim Lesen ganz gemächlich ein, immer wieder verschwinden sie hinter aufregenden Abschnitten im Verlauf der Haupthandlung. Man erfährt viel und Genaues über Gloria aus Koumaïls Mund, seine kindliche Unfähigkeit aber, ihre Handlungen eindeutig zuzuordnen, lassen auch Leserinnen und Leser meist so lange in diesem Zustand der Naivität, bis die Autorin selbst bereit ist, den Schleier zurückzuziehen.

     

    Mit der eindrücklichen Schlusssequenz erweist sich dieser Roman nicht nur als die Geschichte eines Flüchtlingskinds, sondern auch als die Geschichte Glorias, einer Frau, die einmal eine falsche Entscheidung getroffen hat. Es geht um Schuld in dieser Geschichte, um die Frage, ob man wieder gutmachen kann, um Sühne und um ihren Preis. Natürlich geht es auch um Hoffnung, um Liebe und um Freiheit. Die ebenfalls ihren Preis haben. Entsprechend den großen Themen ist die Geschichte voller großer Gefühle. Das aber kann bei einer Geschichte von einem Wunder gar nicht anders sein.


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