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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 13:16

    Kristin Cashore: Die Flammende

    21.02.2011

    Das Ungeheuer in der Schönen

    Schönheit ist ein böser Zauber von altersher. Sie blendet, verführt, bringt am Ende gar denjenigen den Tod, die ihr begegnen. Hin und wieder allerdings fällt der Fluch auf die Schönen selbst zurück. Kristin Cashore nimmt sich in ihrem zweiten Fantasy-Roman "Die Flammende" einer solchen fluchverbreitenden und zugleich verfluchten Heldin an. Das Ergebnis weist beträchtliche Schönheitsfehler auf. Von MAGALI HEISSLER

     

    Fire heißt Cashores siebzehnjährige Heldin, Lady Fire, denn wir befinden uns in der Adelsgesellschaft der Dells, einem Landstrich zwischen Gebirge und Meeresküste, in dem sich machtgierige Adlige und ein König, dessen Zentralgewalt bröckelt, bekriegen. Fire ist ein sogenanntes Monster, das letzte in Menschengestalt. Monster sind üblich in der Fauna der Dells, es sind Wesen in eigentlich vertrauter Gestalt aller möglicher Tiere, allein ihre Farbgebung unterscheidet sie von den anderen. Es gibt rosa - und lilafarbene Greifvögel, silberblaue Panther, smaragdgrüne Katzen und goldene Mäuse. Sie sind aggressiv und immer tödlich, wer sie sieht, wird ihr Opfer, weil der Bann ihrer Schönheit jede Gegenwehr verhindert.

     

    Auch Fires Schönheit zieht andere an, Menschen wie auch Monster. Die Tiere wollen sie fressen, die Menschen, vornehmlich Männer, wollen Fire besitzen. Dementsprechend lebt das Mädchen abgeschieden. Ihre Schönheit ist aber nicht ihr einziges Problem. Fire hat darüberhinaus die besondere Gabe, die Gedanken anderer zu lesen und zu manipulieren. Der junge König der Dells weiß von dieser Gabe und wünscht sich Fire an seine Seite, um sie gegen seine Feinde einzusetzen. Fire willigt ein und gerät in der Hauptstadt in ein undurchsichtiges Geflecht aus politischen Intrigen und bald auch Liebesverwicklungen. Dass ihre eigene Lebensgeschichte bis zu diesem Zeitpunkt alles andere als leicht war, trägt zu ihrer Bürde nur bei. Und dann gibt es da noch eine unheimlich-geheimnisvolle Gestalt im Hintergrund, die nur ein Ziel hat: Fire für sich zu haben.

     

    Von den Gefahren, für Monster und andere

    Die junge, in den USA als neue Stimme der Fantasy vor allem für Jugendliche hochgelobte Autorin beginnt ihren zweiten Roman aus ihrem ureigenen Fantasy-Kosmos mit zwei Erzählsträngen. Spannend und geheimnisvoll werden zwei Figuren eingeführt, ein kleiner Junge und ein weiblicher Teenager, die unabhängig voneinander damit fertigwerden müssen, dass sie sehr anders sind als andere. Während der Junge seine unheimliche Gabe zu seiner Befreiung nutzt, wird sie Fire zum scheinbar ewigen Gefängnis. Eine Gefahr für sich und andere, muss sie abgeschieden leben, nur von wenigen Vertrauten umgeben, die sie schützen. Es gibt auf den ersten sechzig, siebzig Seiten genug Rätselhaftes, attraktiv Fremdartiges und Anzeichen für Herzensverwicklungen, um sich auf unterhaltsame Lesestunden einzustellen. Dies umso mehr, als sich durch den Hilferuf des regierenden Königs der Blick schlagartig auf das ganze Land und vor allem einen weit größeren Personenkreis ausweitet, die natürlich allesamt wundersam romanhaft miteinander verstrickt sind.

     

    Wer sich leider auch verstrickt, ist die Autorin. In einem recht frühen Stadium ist sie bei einem sehr hohen Grad der Aufgeregtheit angelangt, von dem es kein Zurück mehr gibt. Zum zweiten hat sich der Fokus bei der ersten Begegnung Fires mit dem Bruder des Königs, Brigan, ebenso unverrückbar auf den neuen Mann in Fires Leben verschoben und damit auf die Frage, wann sie ein Paar werden. Nicht nur der zweite Erzählstrang wirkt plötzlich bemüht, auch Fire, die zunächst vielversprechende Hauptfigur, verliert an Leben. Ihre Schöpferin schiebt sie nach Lust und Laune nur noch planlos herum. So sind sie allesamt gefangen, die Figuren, die Handlungsstränge, die Konflikte, mitsamt der Autorin.

     

    Lost in Words

    Die verbleibenden gut vierhundert Seiten des Romans sind weniger Beweis für das vielgelobte Erzähltalent der jungen Autorin, als vielmehr Beleg ungebremsten Rededrangs. Auf eine Entwicklung, sei es der Handlungsorte, sei es der Ereignisse, sei es der Figuren, wartet man vergebens. Dafür gibt es Ersatz, von erschreckender Oberflächlichkeit. Gut und Böse sind klar verteilt, das Königtum muss verteidigt werden, die Angreifer sind im Unrecht. Sei es Krieg, sei es Folter, seien es politische Entführungen und Morde, wenn sie vom Königshof ausgehen, sind sie gerecht. Die Problematik solcher Verhaltens wird ein bisschen angerissen, geht aber schnell unter, zum einen, weil das Thema die Autorin eigentlich nicht interessiert, zum anderen, weil sie ihre Figuren mit einem guten Dutzend weiterer Probleme überhäuft. Vatermord, Kindermord, Ehebruch, Vergewaltigungen, Machtgier, Wahnsinn mit und ohne Methode, kaum hat man einen der Schrecken auch nur halb erfasst, folgt schon die Enthüllung des nächsten. Reicht das nicht, gibt es ein bisschen Krieg, Angriffe von Tiermonstern oder wenigstens Beziehungsprobleme, so tiefgehend, wie Kratzer im Nagellack. Von Szenarien, die in der klassischen griechischen Tragödie zu verorten wären, wird man kopfüber in ein billiges High-School-Drama geworfen, auf Hochglanz poliert für den abendlichen TV-Konsum, und gleich wieder zurück.

     

    Die Gefühle der Figuren werden verlagert auf die Empfindung körperlicher Schmerzen. Die Autorin findet kein Ende, vor allem Fire zu einer Schmerzensfrau zu stilisieren. Wenn sie nicht gerade blutet, halb erfriert, verdurstet, verhungert oder sich erbricht, weint sie. Die Tränenmengen, die Fire produziert, würden ausreichen, den Boden der Dells auf Jahre hinaus zu versalzen.

     

    Politische Korrektheit als Alibi für Schwulst

    Diesem Grauen entgegengesetzt ist Positives von solcher politischen Korrektheit und verstaubter Spießigkeit, dass es gleichermaßen zu einem Grauen verkommt. Alle Guten sind irgendwie gut und sehr nett. Natürlich haben sie ihre Fehler, etwa so, wie leicht schiefsitzende Nähte bei Kuscheltieren.

    Fire selbst ist die Netteste. Sie ist musikalisch, sie spielt Flöte und Geige, sie unterrichtet auch, aber in der Handlung geht das alles über den Zweck, Fire weiblich empfindsam erschienen zu lassen, nicht hinaus. Sie soll eine hervorragende Bogenschützin sein, da aber in Cashores Welt so ziemlich jede und jeder irgendwie mit Pfeilen um sich schießt, hat das auch keine Bedeutung. Fire liebt schöne Kleider und Blumen und Tiere (sogar kleine Monster) und natürlich Kinder. Rechtzeitig entdeckt sie ihre Liebe zum Heilen. Sie wird zwar nicht Heilerin, aber sie setzt ihre Gabe des Gedankenlesens fürderhin für gute Zwecke bei der Heilung Kranker ein. Merke: eine wahre Frau hat keinen Beruf, sondern eine Berufung.

     

    Ein rundum sentimentales Mutterbild ist es, das dann die allerletzte Möglichkeit erstickt, einen von Fires urpersönlichen Konflikten, nämlich die Frage ihrer Mutterschaft, in die Handlung einzubringen. Fires Problem wird knapp abgehandelt, eine Beschreibung der anschließenden Tränenfluten erspart die dramaturgische Umsetzung. Etwaige Schuldgefühle der Autorin angesichts des heiklen Themas werden mit einer plötzlich ausbrechenden Schwangerschaftswelle in Fires engstem Umkreis und einem Appell der Hauptfigur an alle Frauen, möglichst viele Kinder zu bekommen, beschwichtigt. Dass das vor dem Hintergrund eines Kriegs geschieht, gibt dem Aufruf einen seltsamen Beigeschmack, wie im übrigen vielem, was der junge Autorin in ihrer wirklich ergreifenden Naivität aus der Feder fließt.

     

    Der Mann an Fires Seite ist entsprechend perfekt, die Szenen, die ihn als vorbildlichen Papa einer kleinen Tochter, als Bruder eines etwas schwierigen Königs sowie als Liebenden zeigen, der die leidgeprüfte Heldin immer und ewig und unter allen Umständen verstehen wird, stammen direkt aus populär-pädagogischen Ratgebern für junge Väter und von der ‚Zehn-Punkte, wie mein Traummann sein soll’ - Liste einschlägiger Teenager-Zeitschriften.

     

    Denkerische Anspruchslosigkeit und unausgereiftes Erzähltalent beeinflussen sich in diesem Roman gegenseitig negativ. Jugendliche Leserinnen sind damit gleichermaßen unterfordert und überfordert und werden sich daher an Vertrautes halten, nämlich die simple Frage: wann kriegen sie sich? Sobald diese Frage geklärt ist - und das ist sie bald - können sie das Buch geistig zuklappen, mit einem befriedigten Seufzer, der ebensowenig echtem Gefühl entspricht, wie Saccharin Zucker.

    Alles beim Alten, also, bei diesem neuen Star der Fantasy-Szene. Auf einen richtig guten Fantasy-Roman für Jugendliche werden wir weiter warten müssen.

     

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