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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 13:15

    Meg Rosoff: Davon, frei zu sein

    31.01.2011

    Freiheit hat ihren Preis

    Ihr Schicksal scheint vorbestimmt: heiraten, Kinder kriegen, schuften, ohne je wirklich etwas zu erreichen. Was das Leben zu bieten hat, sieht sie an ihrer eigenen Mutter,  die neun Kinder zur Welt gebracht hatte, wovon vier bereits wieder gestorben waren. Alles ist geregelt: Pell wird den Nachbarjungen Birdie Ridley heiraten. Meg Rosoff erzählt von einer jungen Heldin und ihrem großen Ziel: Davon, frei zu sein. Von ANDREA WANNER

     

    An dem Morgen des Tages, an dem die Hochzeit stattfinden soll, sattelt Pell ihr Pony Jack und reitet einer ungewissen Zukunft entgegen. Man hätte daraus ein spannendes Abenteuer spinnen können, wie sich ein hübsches junges Mädchen, in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Südwesten Englands unter ärmlichen Umständen aufgewachsen, in die Welt hinaus wagt und ihr Glück findet. Man hätte all die Klischees, samt dem Pferd in einen Topf werfen können und einen historischen Roman für Jugendliche daraus komponieren können, der den Mut der Heldin mit einem Happy End belohnt. Die US-amerikanische Schriftstellerin Meg Rosoff, 2008 für ihren Roman „Was wäre wenn“ mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, tappt in keine dieser Fallen.

     

    Eine mutige Entscheidung

    Wer als Mädchen allein unterwegs ist – Pell wird nur von ihrem jüngsten Bruder, der nichts das leibliche Kind ihrer Mutter ist, dem stummen Bean, begleitet - wird schnell zum Freiwild. Selbst die spärlichen Mahlzeiten daheim, der kalte Raum, in dem die Geschwister die Nächte verbrachten, die Geborgenheit einer Familie, in der von Zärtlichkeit nichts zu spüren war, sind Luxus gegen das, was Pell erwartet. Pell nimmt alles in Kauf: „frei und hungrig, frei und frierend, frei und nass, frei und allein – wer hätte über solche Bedingungen geklagt in Anbetracht der Alternativen?“. Aber wer von den vielen jungen Frauen, die sich illusionslos in genau diese Alternativen fügen, hätte den Aufbruch gewagt?

     

    Pell reitet durch die Heidelandschaft im Südwesten Englands. Alles, was sie besitzt, ist ein bisschen Geld – ihre Aussteuer -, ein wollenes Tuch, Jack, ihr Pony, ihr Geschick im Umgang mit Pferden, ein Vogelbuch  und ihr unerschütterlicher Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das ist nicht viel, aber es muss ihr und ihrem kleinen Bruder reichen. Die Katastrophen lauern überall: sie verliert ihr Pferd, sie verliert ihren Bruder und wird um ihr Geld, dass sie sich als Beraterin im Pferdekauf verdient hatte, betrogen. Ihren Mut verliert sie nicht.

     

    Die endlose Straße

    Pells Aufbruch führt ins Ungewisse, erst der Verlust gibt der Reise ein Ziel: sie will ihren Bruder Bean und ihr Pony Jack wiederfinden. Meg Rosoff begleitet das Mädchen und liefert uns Eindrücke von einem uns fremden Leben. Was wie ein tastendes Annähern wirkt, ein Aneinanderreihen von Naturbeobachtungen, belanglosen Kleinigkeiten, Momentaufnahmen, verdichtet sich zu einem atmosphärisch eindringlichen, überzeugenden Bild. Für sentimentalen Kitsch gibt es hier keinen Platz, die Wirklichkeit ist viel zu hart und zu grausam. Pell hat Gefühle, aber viel wichtiger ist, woher sie etwas zu essen bekommt. Und Bean, der in einem Waisenhaus landet, entkommt dem Grauen dort nur, weil er beschließt, dass er am Leben bleiben will. Erinnerungen an Schönes sind Luxus und Loslassenkönnen, weil man jedem das Beste gönnt, das er in seinem armseligen Leben erreichen kann, ist eine Kunst, die niemand so gut versteht wie Pell.

     

    Die Leichtigkeit, mit der diese Odyssee geschildert wird, täuscht über die exakt recherchierten Details vom Beschlagen eines Pferdes, über die Wundversorgung und Alltagskleidung bis zum Leben in einem Armenhaus hinweg. Rosoff streut ihre Information unauffällig, erzeugt einen Erzählsog auf so raffinierte Weise, dass man über die Mühelosigkeit, mit der sich die Erzählstränge zu einem Ganzen verweben, nur staunen kann. Pell bleibt immer in gewisser Distanz und kommt uns beim Lesen doch Seite um Seite näher. Alles, was uns selbstverständlich ist, erlangt sie nur durch unermüdlichen Einsatz. Eigentlich gibt es keine Spielräume für eine Heranwachsende in dieser Welt, aber Pell schafft sie sich. Ist Freiheit am Ende noch ihr größter Wunsch? Oder besteht für sie die Freiheit nicht eben darin, ohne Zwang zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen zu können und vielleicht dabei sogar einen Teil ihrer Freiheit zu opfern?

     

    Pell zu begleiten, heißt, sich auf eine ungewöhnliche Geschichte und eine besondere Art des Erzählens in knappen, lakonischen Sätzen einzulassen. Eine Geschichte, die historisch exakt zu verorten ist und die dennoch durch eine merkwürdige Zeitlosigkeit besticht. Der Abschied aus dieser Welt nach 240 Seiten fällt schwer. Aus dem Mädchen ist eine Frau geworden. Gern würde man einen Blick in ihr neues Leben werfen, sich versichern, dass es ihr darin gut geht. Dass sie frei ist – und vielleicht sogar so etwas Ähnliches wie glücklich.


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