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Peter van Olmen: Odessa und die geheime Welt der Bücher

10.01.2011

Fantasy mit einer gehörigen Portion Klassik

Was wäre, wenn alle berühmten verstorbenen Schriftsteller in einer Stadt zusammenleben würden, mit all ihren Vorlieben, Marotten, Eitelkeiten? Und wie sähe die beste aller Welten aus? Diesen Fragen spürt der Belgier Peter van Olmen in seinem ersten Fantasyroman für Jugendliche Odessa und die geheime Welt der Bücher nach. Von BEATE MAINKA

 

Odessa ist zwölf, als ihr Leben völlig aus den Fugen gerät. Ihre gerade von geheimnisvollen Schattenwesen entführte Mutter entpuppt sich als die Muse Kalliope, in deren Bibliothek stellt sich ein sprechender Kanarienvogel als Helfer in der Not vor und sie gerät nach Scribopolis, dem Ort, an dem alle berühmten Schriftsteller der Welt an einer besseren Zukunft basteln. Doch das vermeintliche Paradies ist bedroht durch einen Abtrünnigen, Mabarak, der das eine Buch besitzen will, dass sich nun in Odessas Besitz befindet und das seinem Autor die Möglichkeit verleiht, den Lauf der Welt auf ewig festzuschreiben.

 

Scirbopolis - das Paradies für Bibliophile?

Mitnichten, denn auch unsterblich berühmte Schriftsteller sind nur Menschen. Der Ort, an den Odessa gerät, entpuppt sich als ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, an dem unter anderen die Herren Kafka, Shakespeare, Flaubert und allen voran der jähzornige, unbeherrschte Dostojewski auch angesichts der Bedrohung ihrer Welt nicht an einem Strang ziehen. Und genau daraus bezieht dieser fantastische Roman seinen Reiz. Die Grundkonstellation ist die gleiche wie in fast allen anderen Genrevertretern, der ewige Kampf um die bedrohte Welt der Guten durch das Böse, aber die Umsetzung ist vielschichtiger, witziger und voll neuer Ideen.

 

Peter van Olmen verleiht den Göttern des Autoren-Olymp menschliche Züge, die sich in ihren Werken wiederfinden, erweckt literarische Figuren zu neuem Leben und lässt sie agieren zur Rettung Scribopolis‘. Da setzt zum Beispiel Sherlock Holmes seinen kriminalistischen Spürsinn ein, um die noch unbekannte Retterin der Stadt zu identifizieren und kommt der Lösung trotz weniger Indizien erstaunlich nahe. Die Ritter der Tafelrunde schwingen sich zu Heldentaten auf, nur Lancelot ist wegen seiner unerfüllten Liebe zu Guinevere nicht ganz bei der Sache. Und Zitate aus klassischen Werken finden sich immer wieder, teils in amüsant anderem Zusammenhang.

 

Die beste aller Welten

Ein wenig philosophisch kommt die Geschichte dann auch noch daher, denn Odessa ist in Besitz von Buchus, dem leeren Buch, in dem mit der Lauf der Welt beeinflusst und bestimmt werden kann, ein reizvolles und zugleich beängstigendes Machtinstrument. Und Odessa scheitert auch gleich bei ihrem ersten Versuch, Schicksal zu spielen. Kann und darf man die Welt nach dem eigenen Willen formen? Mit dieser Frage muss Odessa sich zunehmend auseinandersetzen, je größer die Bedrohung wird und stößt zunehmend an ihre Grenzen. Damit findet van Olmen ein schönes Bild für die Herausforderungen des Erwachsenwerdens, des Übernehmens von Verantwortung für das eigene Handeln mit allen Konsequenzen.

 

Somit ist Peter van Olmen eine intelligente und mitreißende Geschichte gelungen, die auch erwachsenen Literaturliebhabern ein Aha-Erlebnis nach dem anderen ermöglicht und jungen Lesern vielleicht sogar Appetit auf den einen oder anderen klassischen Schriftsteller macht. Und wem das alles zu gebildet und bildungsbeflissen klingt, dem sei versichert, dass die respektlosen, frechen Bemerkungen des ständigen gefiederten Begleiters der Heldin für die nötige Portion Humor und Abstand sorgen. Für eine adäquate und gelungene Übersetzung zeichnet zudem Mirjam Pressler verantwortlich und alle Literaten und literarischen Figuren werden in einem anschließenden Glossar kurz vorgestellt. Somit bietet dieser Titel Lesevergnügen vom Feinsten, für die ruhigen Abende nach den Feiertagen!


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