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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 09:33

    Do van Ranst: Mütter mit Messern sind gefährlich

    03.01.2011

    Flügge werden

    Der Sprung über den Nestrand ist bei weitem nicht so leicht, wie es aussieht. Dies gilt umso mehr, wenn man schon unter schwierigsten Umständen lebt und sich vermeintlich bestens mit ihnen arrangiert hat. Die verstreichende Zeit aber fordert Veränderungen. Do van Ranst erzählt in Müttern mit Messern sind gefährlich von der Herausforderung, erwachsen zu werden unter erschwerten Bedingungen. Von MAGALI HEISSLER

     

    Jef, Iene und Bekka, Sohn, Tochter, Mutter, sind eine nahezu vollständige Familie. Der Vater fehlt, das ist nicht unbedingt etwas Besonderes in den heutigen Zeiten. Jef hat seinen Vater nie gekannt, auch das ist nicht selten, und ebensowenig der Umstand, dass die Familie von Sozialhilfe lebt. Besonders allerdings ist die sechzehnjährige Iene, sie ist geistig und körperlich schwerstbehindert. Ihre Mutter und Jef betreuen sie liebevoll, ihr Leben ist auf Iene konzentriert. Jef mit seinen vierzehn Jahren findet das völlig richtig, es ist seine Vorstellung von einer funktionierenden Familie. Nichts darf sich daran ändern.

     

    Tatsächlich aber ist Jef eben infolge seiner Lebensumstände ein traumatisiertes Kind. Den Weggang seines Vaters verkraftet er nur, in dem sich an die erfundene Schreckensgeschichte klammert, dass seine Mutter Bekka seinen Vater ermordet hätte. Das Hobby der Mutter, hochwertige Küchenmesser, stützt diese fantastische Geschichte.

     

    Aber im Leben seiner Mutter gibt es nicht nur ihren Messerclub, es gibt neuerdings auch Harry. Ihn will Jef unbedingt loswerden. Zugleich spürte er die ersten heftigen Regungen der Pubertät. Körperliche Veränderungen, die wachsende Bedeutung des Themas Sexualität, die aggressiver werdenden Wortgefechte mit seinem besten Freund Süleyman sprechen ihre eigene Sprache. Jef will sie nicht hören, er will kindlich bleiben, im längst abgesteckten sicheren Gehege. Kindliches Verhalten bei einem Vierzehnjährigen schlägt jedoch leicht in kindisches und letztlich verantwortungsloses Verhalten um. Rettung bringt nur das Akzeptieren gewisser Realitäten. Das gilt nicht nur für Jef.

     

    Erwachsenwerden tut weh

    Ranst hat sich hier zweier schwieriger Themen angenommen, zum einen das Leben mit einem schwerstbehinderten Geschwisterkind, zum anderen das Loslösen aus einem altvertrauten und deswegen Sicherheit spendenden Raum. Die beiden Themen sind kunstvoll ineinander geflochten, der Komplexität der Thematik entspricht in jedem Satz die Komplexität der Motivik und der Konstruktion. Es ist ein Kammerspiel, eigentlich ein Zwei-Personen-Stück um Jef und seine Mutter. Jefs Mordgeschichte, die aus Bekka eine starke Frau macht, wird von ihr durchaus gestützt, nicht nur, um Jefs Sinn für Abenteuerlust nachzugeben, wie sie selbst sagt, sondern weil auch Bekka den gelegentlichen Trost braucht, aktiv die Trennung herbeigeführt zu haben und keine passive Verlassene zu sein. Zugleich leidet sie mehr und mehr unter Jefs Weigerung, selbständig zu werden. Jef, das gesunde Kind, engt sie ebenso ein, wie Iene, das pflegebedürftige. Jefs Weigerung, die Kinderzeit hinter sich zu lassen korrespondiert mit dem Kampf seiner Mutter um ein eigenes Glück mit einem neuen Mann.

     

    Jefs Freund Süleyman ist eine hervorragend konzipierte Nebenfigur. Er ist brüderlicher Freund, Partner im meist kruden Teenager-Sex-Talk, der eigentlich nur die Unerfahrenheit und Schüchternheit der beiden Jungen demonstriert, Opfer von Jefs Aggressionen, aber auch gelegentlicher Ratgeber. Zugleich hat er ein Eigenleben, das seinerseits sowohl auf die pubertären Konflikte, als auch auf die Konflikte zwischen Eltern und erwachsen werdenden Kindern verweist. Dass Harry, der neue Mann im Leben von Jefs Mutter, blass erscheint, liegt allein daran, dass man ihn vor allem aus Jefs Augen sieht und wie bei so vielem weigert sich Jef auch in Harrys Fall, überhaupt hinzusehen.

     

    Beispielhaft sind die Schilderungen des Umgangs mit der behinderten Iene. Fürsorge, innige Liebe und Abneigung, Zorn auf das Schicksal und liebevolles oder auch ergebenes Akzeptieren der Situation werden gezeigt. Die schönsten und alle poetischen Beschreibungen finden sich im Zusammenspiel der Geschwister, sein Höhepunkt das Glasflaschenfeld, Birnbäume mit Flaschen, in die Birnen hineinwachsen, und die im Wind singen.

     

    Die Komplexität der Themen, die anspruchsvolle Figurenzeichnung und der raffinierte Aufbau machen die Lektüre zu einer beträchtlichen Herausforderung. Jugendliche können sich darin aber durchaus wiederfinden und werden mit einer Geschichte ganz besonderer Art belohnt.


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