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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 09:35

    Keith Gray: Ostrich Boys

    22.11.2010

    Ein tragischer Fall von Betriebsblindheit

    Keith Gray erzählt in Ostrich Boys von Vieren, die zusammenhielten wie Pech und Schwefel. Und jetzt ist einer tot, vor ein Auto gelaufen. Der Fahrer behauptet, mit Absicht, aber das ist doch völlig unmöglich, oder? Von BEATE MAINKA

     

    Schon die Trauerfeier entspricht überhaupt nicht dem Bild, das sie von ihrem eingeäscherten Freund Ross haben, der da in einer Urne auf dem Tisch des Elternhauses steht. Und weil Kenny, Blake und Sim das alles so furchtbar ungerecht finden und ihre Wut und Trauer so überhaupt nicht kanalisieren können, klauen sie kurzentschlossen die Urne und begeben sich auf eine völlig schräge Reise quer durch Großbritannien hinauf ins einsame Schottland zu einem Ort namens Ross, denn da wollte der tote Freund immer schon einmal hin.

     

    Roadmovie zum Lesen

    Leider läuft überhaupt nichts rund auf diesem Trip, da ist der verlorene Rucksack mit der Reisekasse noch das geringste Problem. Doch die Freunde beschwören immer wieder ihre unumstößliche Gemeinschaft und irgendwie lavieren sie sich durch, bis Kenny es nicht mehr aushält und doch zu Hause anruft, um zu erfahren, wie tief sie sich hineingeritten haben. Was von den anderen als Verrat empfunden wird, führt dann auch zum Bruch, denn sie müssen sich der Tatsache stellen, dass Ross‘ Abschied vom Leben ein freiwilliger war und auch sie, wie alle anderen, den Kopf in den Sand gesteckt haben vor den Nöten des Freundes.  Nur am Rande sei erwähnt, dass für das Verständnis des Titels (ostrich (engl.) = Strauß) eine pfiffige Übersetzung vielleicht hilfreich gewesen wäre.

     

    Trauer zum Totlachen

    Ein schwieriges, immer noch tabuisiertes Thema geht der bei uns bisher relativ unbekannte britische Autor mit bewundernswerter Leichtigkeit an. Jüngst veröffentlichte Zahlen untermauern dessen Aktualität, denn im vergangenen Jahr stiegen die Suizide unter Jugendlichen an. Und dennoch klagt Gray nicht an, sondern er durchleuchtet, von verschiedenen Seiten und insbesondere aus der Perspektive der Jugendlichen, denn Kenny ist der Erzähler der Geschichte. Genau darin liegt der Reiz des Buches, denn bei aller Ernsthaftigkeit entfaltet sich die ganze pubertäre Unbeholfenheit und Überforderung der Freunde angesichts der ungeheuerlichen Situation und entlädt sich in teils absurder Komik. Sie können nicht anders und man sieht es ihnen nach.

     

    Die Spannung der Geschichte liegt allerdings noch auf einer ganz anderen Ebene, denn Gray führt seine Leser gemeinsam mit seinen jungen Wilden an der Nase herum. Dass Ross‘ Tod ein freiwilliger war, erahnt auch der Leser erst ganz allmählich. Der Diebstahl der Urne, der zunächst als Dummer-Jungen-Streich daherkommt, entwickelt ganz allmählich eine so ungeheuerliche Dimension, dass den Jungen zunehmend mulmig wird. Zu Recht, wie sich herausstellt, da tröstet auch die vielbeschworene Freundschaft, jetzt über den Tod hinaus, nicht mehr. Denn letztlich müssen sich auch die Freunde der grausamen Tatsache stellen, dass sie wie alle anderen Menschen aus Ross‘ Umfeld nicht genau hingeschaut haben, eigenes Verhalten fragwürdig war, Verletzungen verdrängt wurden.

     

    Grays Perspektive auf die Ursache eines Selbstmordes ist ungewöhnlich, denn obwohl Ross in Form seiner Asche omnipräsent ist, verblasst sein reales Leben durch die Interpretationen und Spekulationen seiner Freunde. Die bittere Wahrheit er- und bekennen sie erst am Schluss, und da ist es für Ross schon längst zu spät. Doch Gray bietet gerade dadurch seinen jugendlichen Lesern Auswege an, denn er motiviert zum genauen Hinschauen, zum Überdenken eigener Verhaltensmuster, und zwar, bevor jemand diesen letzten bitteren Schritt tut.


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