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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 09:32

    David Walliams: Kicker im Kleid

    01.11.2010

    Auf der Suche nach...

    Der Männerhaushalt, in dem der 12jährige Dennis mit seinem zwei Jahre älteren Bruder John und seinem Dad lebt, ist trist und von Mangel an Wärme geprägt. Das war einmal anders, als die Mutter noch da war. Sie hat die Familie verlassen. Seither ist nicht nur ihr Name tabu, es wurden auch sämtliche Erinnerungsstücke aus dem Haushalt verbannt, Weinen ist strengstens verboten und Zärtlichkeiten gibt es nicht. Nur beim Fußball wird gejubelt und man fällt sich um den Hals, wenn ein Tor fällt. Dennis genügt das nicht. Von ANDREA WANNER

     

    Von der ersten Seite an vermeidet David Walliams jegliche Art von Sentimentalität. Er lässt den Leser zwar die Verzweiflung des Jungen spüren, wenn er immer wieder das einzige Foto, das er heimlich retten konnte, betrachtet. Es zeigt die Mutter, wunderschön im gelben Blumenkleid, mit ihren beiden kleinen, Eis schleckenden Söhnen.  Der Autor erzählt, bindet den Leser ein, spricht ihn direkt an und verspricht, während Dennis schluchzend im Bett Tränen tiefster Verzweiflung weint, dass uns dieser Junge „in einem stinknormalen Haus in einer stinknormalen Straße in einer stinknormalen Stadt“ noch verblüffen wird.

     

    Strategien

    Wie überlebt man diese Tristesse? Für Dennis gibt es zum einen den Fußball. In diesem Sport ist er wirklich gut, schießt Tore, kämpft für seine  Mannschaft und bekommt auch ein kleines bisschen Anerkennung von seinem Vater – ohne dass der je bei einem Spiel als Zuschauer dabei wäre.  Das andere, das ein bisschen Glanz in Dennis‘ Leben bringt, ist die Vogue. Die aufwändig inszenierten Fotostrecken bekannter Fotografen mit der neuesten exklusiven Damenmode auf Hochglanzpapier lassen sein Herz höher schlagen. Raffinierte Schnitte, schimmernde Stoffe, Luxus, Schönheit und Makellosigkeit betören ihn – und das unterscheidet ihn wahrscheinlich von den meisten 12jährigen Jungs.

     

    Es bleibt seine geheime Traumwelt, die eines Tages wie eine Seifenblase zerplatzt, weil der Vater (auf der Suche nach seinem geheimen Traummagazin, das sich John ausgeliehen hat) das Modeheft entdeckt, und es angeekelt und irritiert in der Mülltonne entsorgt. Aus der Traum.

     

    Gelebte Träume

    Ausgerechnet da taucht beim Nachsitzen (wegen einer beim Fußballspiel zerschossenen Scheibe im Büro des fürchterlichen Schuldirektors) die zwei Jahre ältere Lisa auf, eine schulbekannt Schönheit, die sich mit sicherem Griff stylisch zu kleiden versteht. Ein Wort gibt das andere, Dennis und Lisa entdecken ihre gemeinsame Vorliebe für die Vogue und sitzen schon bald einträchtig bei Lisa zuhause über das neueste Heft gebeugt. Da hat Lisa einen Vorschlag: Dennis soll selbst einmal ein Kleid anprobieren. Und mit einem Paillettenkleid, hochhackigen Schuhen und ein bisschen Schminke wird aus Dennis Denise. Ein Spiel, das nicht ohne Folgen bleibt.

     

    Cross-Dressing

    Der in den frühen 1970er Jahren in den USA geprägte Begriff „Cross-Dressing“ bezeichnet schlicht das Tragen andersgeschlechtlicher Kleidung. Für Mädchen und Frauen heutzutage weitgehend kein Problem, für Jungs und Männer immer noch mit einem Tabu belegt und in die Nähe von Transvestitismus und Schwulsein gerückt. So kann man auch beim Lesen ein merkwürdiges Schaudern nur schwer vermeiden. Um was geht es Dennis? Nur die Kompensation des Verlustes seiner Mutter? Nur um das Ausprobieren schmeichelnder Stoffe? Nur um das Spiel? So wie Walliams das erzählt: ja. Nicht umsonst wagt er am Ende gleich mehrere Szenen, die Cross-Dressing innerhalb der Geschichte quasi salonfähig machen. Dafür ist es ja schließlich auch eine Geschichte.

     

    Ob man das mag oder nicht: Walliams gelingt ein erfrischend neues Spiel mit alten Klischees. Und Schauspieler und Comedian der er ist, ist er selten um witzige Kommentare, schräge Szenen und einen verblüffend anderen Blick auf die Welt verlegen. Was den leisesten Verdacht ausräumt, dass Dennis doch nicht so recht weiß, ob er nun ein Junge oder lieber ein Mädchen sein will, sind die kongenialen Zeichnungen von Quentin Blake. Sie bestätigen Strich um Strich was Dennis seinem Vater auf die Frage nach dem Warum antwortet: „Es macht mir einfach… Spaß.“

     

    Spaß macht auch das Buch – aber irgendwie ist es auch eine gnadenlose Herausforderung an die Frage nach der Toleranz seiner Leser. Denn wie lautet der erste Satz des Romans: „Dennis war irgendwie anders.“


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