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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 07:08

    Martín Blasco: Ist das Leben eine Abfolge einzelner Punkte?

    11.10.2010

    Kleines Buch, große Gedanken

    Die Frage nach dem Sinn zu stellen, gehört zum Menschsein. Gleichfalls dazu gehört, dass man sich diese Fragen erst dann stellt, wenn man durch eine Katastrophe gründlich durchgerüttelt wurde. Allerdings ist eine Katastrophe kein Garant für eine Antwort. Eine Frage auch nicht. Dass das Ganze trotzdem einen Sinn hat, ist so seltsam, wie das Leben an sich. Und das nicht nur mit sechzehn. Von MAGALI HEISSLER

     

    Ein Buch über einen Teenager und den Tod des Vaters ist das, glaubt man dem Umschlagtext, was der Carlsen-Verlag fast unangenehm farblos in gedecktem Beige und Grau präsentiert. Mit seinen gerade 85 großzügig gedruckten Textseiten ist es überdies kaum ein Buch zu nennen. Ein Büchlein ist das, schmal, eine kleine Erzählung. Sehr klein, denkt man auf den ersten Blick. Aber man sollte sich nicht täuschen lassen. Was hier ganz schlicht und still daherkommt, entwickelt eine Wucht besonderer Art.

    Damiáns Vater ist gestorben, aber schon wenn der Ich-Erzähler diese einfache Tatsache aussprechen will, kommt er ins Stolpern. Er hat nämlich keinen Namen für den Verstorbenen. ‚Vater’ klingt so fern, ‚Papá’ zu kindisch für einen reifen Teenager von 16, 17 Jahren, der Vorname zu respektlos. Wer also ist gestorben? Damián kann es nicht sagen.

     

    Was er darüberhinaus verliert, ist die Fähigkeit, Freude am Musikhören zu empfinden. Musik war eng mit seinem Vater verbunden, dieser war ein Liebhaber klassischer Rock - und Popmusik vornehmlich angelsächsischer Herkunft. Es gibt kein Album, keine Single seit den Beatles, die Damiáns Vater nicht besaß. Damián ist Experte für diese Musik bis hin zu zeitgenössischem Techno, nicht nur in der Familie, sondern auch im Freundeskreis und in der Schule. Das alles ist plötzlich zuende, ein weiterer Verlust.

    Aber das ist nicht der letzte Schlag. Im Lauf der Wochen nach der Beerdigung, verändert sich seine Mutter, sie wirkt fern und entwickelt eine Art von Paranoia. Auch der kleine Bruder verändert sich, außerhalb der Familie reagiert er mit brutaler Gewalt auf andere Kinder. Damián sieht sich plötzlich von allen Seiten gefordert.

     

    Etwas anderes als das Leben gibt es nicht

    Blasco hat einen Helden eigener Art entwickelt. Damián erzählt genau, aber zurückhaltend, er beschreibt eher, als dass er kommentiert, er nimmt auf, er analysiert wenig, weil er nicht versteht. Er ist kein passiver Held, aber einer, der zunächst nur reagiert. Es dauert lange, bis er wieder agieren kann. Der Tod des Vaters hat die Familie auseinandergesprengt, es geht dem Autor durchaus darum zu zeigen, wie sie wieder zusammenkommt. Tatsächlich aber schildert Blasco die Auseinandersetzung Damiáns mit seinem Vater, etwas, das er zu dessen Lebzeiten nie getan hat, weil es nie nötig war.

    Damián versucht, den Verlust zu bewältigen, indem er verschiedene Rollen ausprobiert, die bis dahin sein Vater innehatte. Abwechselnd tritt er auf als Versorger, Musikexperte, der Hüter. Nichts davon passt zu ihm, nicht nur, weil er zu jung ist, sondern eben weil er nicht sein Vater ist. Erst als Damián erkennt, dass er sein eigenes Leben führen muss, auf dem Platz, den er sich selbst erobert, kommt er mit dem Schock zurecht.

     

    Ebenso vermeintlich anspruchslos wie die Handlung ist die Sprache. Blasco arbeitet mit äußerster Sparsamkeit, einige entscheidende Szenen bestehen nur aus Dialogen, sein Hintergrund als Drehbuchautor kommt ihm dabei zustatten. Was Damián erlebt, ist nicht selten absurd, aber niemals so grotesk, dass es zu realitätsfern würde. Die Gespräche, die er z.B. mit seiner Mutter führt, sind geradezu beispielhaft für die labyrinthischen Verschlingungen, die sich aus den klassischen Missverständnissen zwischen Eltern und halberwachsenen Kindern unweigerlich ergeben, und die beide Parteien in der Überzeugung zurücklassen, dass die jeweils andere ein Opfer geistiger Verwirrung ist. Dass all das bei all der Traurigkeit, die die Geschichte schmerzlich übermittelt, auch noch äußerst komisch ist, ist ein weiteres Verdienst des jungen Autors.

     

    Die Sprache ist dabei überaus sorgfältig, streckenweise literarisierend und das so unaufdringlich, dass man nicht einmal ins Stolpern gerät. So wünscht man sich mehr Hinführungen jugendlicher Leserinnen und Leser an komplexere Texten.

     

    Am Ende hat Damián nicht nur seine eigene Musik gefunden, sondern auch endlich einen Namen für seinen Vater. Und so lautet der vorletzte Satz der Erzählung fast genauso, wie ihr allererster. Steckt tatsächlich ein Sinn hinter allem? Eine Antwort gibt es nicht. Man kann nur staunen.


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