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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 07:08

    Manfred Theisen: Ohne Fehl und Makel

    27.09.2010

    Dem Führer ein Kind

    Das war das Motto, unter dem der eingetragene Verein „Lebensborn“ arisch reinrassige Menschen hervorbringen wollte. Dass die Nationalsozialisten auch hierbei keine Rücksicht auf Verluste nahmen, setzt Manfred Theisen in seinem neuen Jugendroman eindrucksvoll in Szene. Von BEATE MAINKA

     

    Fritz ist 14 Jahre und liebt Marie, Marie ist genauso alt und liebt Fritz. Das ist aber auch schon das Einzige, was die beiden gemeinsam haben, den Fritz‘ Vater ist im Jahre 1944 der leitende Arzt in einem Lebensborn-Heim im annektierten Luxemburg, während Marie und ihre Mutter als Einheimische in der Wäscherei schuften müssen. Fritz gilt als kränklich und darf deshalb den HJ-Dienst nicht ausüben, sein Vater wacht streng über ihn, ebenso wie der kriegsversehrte SS-Offizier Michels. Der Alltag im Lebensborn-Heim zwischen ständigen Entbindungen, Säuglingsgeschrei und wechselnden, oft blutjungen Müttern ist für den mutterlosen Fritz etwas Selbstverständliches, seine Beziehung zum Vater, der überzeugt ist von dem, was er tut, geprägt von einer Mischung aus Angst und Zuneigung.

     

    Unwertes Leben

    Die ersten Risse in Fritz‘ vom Vater geprägten Weltbild entstehen, als die ältere Schwester Maries zur Entbindung ins Heim kommt. Fritz entdeckt, dass das mit Down-Syndrom geborene Kind als Totgeburt ausgegeben wird und informiert die junge Mutter, die daraufhin mit ihrem Kind flieht, gemeinsam mit Marie und dem Hausmeister des Hauses. Zudem erfährt er von Maries Mutter, dass offensichtlich der SS-Offizier Michels der Vater des Kindes ist und die Zeugung ein Akt der Gewalt an der 17jährigen war. Allmählich begreift Fritz den schrecklichen Mechanismus der Lebensborn-Heime, schließt sich den Flüchtenden an, wird aber wieder aufgegriffen. Doch sein Verhältnis zum Vater ist für immer zerstört.

     

    Der Nationalsozialismus - ein abgegrastes Thema?

    Mitnichten, wie uns bereits im Frühjahr Jürgen Seidel mit „Blumen für den Führer“ bewiesen hat und nun Manfred Theisen mit seinem neuen Roman eindrucksvoll bestätigt. Ursprünglich geplant als Auftragsarbeit für cbj (s. auch das Interview), hat Theisen das Thema so in seinen Bann gezogen, dass nicht nur eine berührende und historisch sorgfältig recherchierte Geschichte, sondern auch noch ein umfangreiches Glossar und ein diskussionswürdiges Nachwort entstanden sind. Denn Theisen sieht Parallelen in unserer Zeit. Während die Nationalsozialisten behinderte Kinder schlicht selektierten, verfügen wir heutzutage durch die pränatale Diagnostik und die Humangenetik über die Möglichkeit, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Und müssen uns damit die Frage gefallen lassen, wo die Grenzen zu ziehen sind. Dass Theisen dieses vielschichtige und heikle Thema so gekonnt und packend gerade für junge Menschen aufbereitet, ist ihm hoch anzurechnen. Denn er fordert sie auf, Stellung zu beziehen, zeigt erst in seiner Geschichte auf, was einst passiert ist und selbstverständlich nie wieder passieren darf, um dann die heutige Praxis, auch anhand von Fallbeispielen, aufzuzeigen. Und das lässt keinen Leser kalt.

     

    Ein Buch gegen das Vergessen

    Es gibt sie immer wieder, die Argumente, die Vergangenheit doch endlich ruhen zu lassen, das Thema ad acta zu legen, die heutige Generation hat damit doch gar nichts mehr am Hut. Wirklich nicht? Das rege Interesse Jugendlicher, die immer wieder fragen: Wie war das eigentlich?, muss in zunehmendem Maße durch aktuelle Literatur unterfüttert werden, denn die Generation, die noch aus eigenem Erleben berichten kann, stirbt langsam aus. Zudem gibt es immer noch neue Aspekte, die es zu beleuchten gilt, wie beim Thema Lebensborn, das auch heute noch durch zahllose, nicht verifizierbare Gerüchte belebt wird. Theisen berücksichtigt gerade diesen schwierigen Forschungsstand mit besonderer Sorgfalt und ohne in Spekulationen abzugleiten. Und noch eines sei lobend vermerkt: die preiswerte Erstausgabe im Taschenbuchformat macht es Lehrern fächerübergreifend möglich, diesen bemerkenswerten Titel als Schullektüre einzuführen. Es gibt nämlich wieder Neues zum Thema, endlich!


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