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Donnerstag, 30. März 2017 | 20:35

Jon Ewo: Am Haken

22.07.2010

XXL!

Mit sechzehn hat zuweilen alles Übergröße: die Figur, die Eltern, die Schule, der Alltag mit seinen Problemen - und natürlich die Liebe. Da kann man sich durchaus als Maus fühlen. Aber auch die kann große Erkenntnisse haben. Und auf einmal ist Übergröße genau richtig. Bud hat’s erlebt. Von MAGALI HEISSLER

 

Bud ist sechzehn, 1,87 m groß und wiegt 105 kg. Seine Eltern sind Gesundheitsapostel und überzeugte Nudisten, seine kugelrunde Schulfreundin Selma will per Reality-Show vor den Augen der ganzen (norwegischen) Welt eine Diät machen und sein quicklebendiger gleichaltriger Vetter Jerry ist fest entschlossen, in diesem Sommer den geheimnisumwitterten größten aller große Hechte im Waldsee zu fangen. Der Sommer kann nur eine Katastrophe werden.

 

Buds anfängliche Einschätzung erfüllt sich in jeder Hinsicht. Mit jedem Tag, den Jerry mit ihm verbringt, wird es schlimmer. Jerry ist ein Genie darin, in Klemmen zu geraten und noch begabter dafür, Bud dazu zu bringen, sie auszubaden. Bud greift auf sein altgewohntes Hilfsmittel zurück, er versteckt sich. Als aber die schöne Anglerin Maggie auftaucht und Jerry wieder einmal droht, das Rennen zu machen, hilft Weglaufen nicht mehr. Handeln ist gefragt. Buds erwachender Aktionismus scheint die Sache jedoch nur schlimmer zu machen. Erst als er begreift, dass es nicht genügt, groß zu sein, sondern dass man manchmal auch im großen Stil handeln muss, ändert sich die Lage. Aus der Maus Bud wird Ein-Mann-mit-einem-Plan. Und am Ende stellt sich heraus, dass man durchaus das Recht hat, große Ansprüche an das Leben zu stellen. Übergroße, wenn es sein muss. Glück ist eben so.

 

Von Null auf Hundertzehn in sieben Tagen

„Ein Überraschungsei mit einem sehr merkwürdigen Inhalt“, so beschreibt der Autor selbst seinen Jugendroman, und er hat recht damit. Was auf den ersten Buch nur eine Sommer-Liebeskomödie mit Slapstickeinlagen zu sein scheint, entpuppt sich als recht intelligent gebauter und ebenso erzählter Roman über einen Sechzehnjährigen, der das Pech hat, mit einem großen Herzen und sanftem Gemüt mitten in eine Familie von Egomanen hineingeboren worden zu sein. Bud ist ein altmodischer Charakter. Er ist gescheit, empfindsam, liebevoll, ruhig, hilfsbereit, praktisch. Diese Tugenden sind offenbar nicht gefragt in seiner Umgebung. Gefragt sind Aktivität rund um die Uhr, große Worte und Angepasstheit, die sich als ‚alternativ’ maskiert. Bud, der sich genau umgekehrt verhält, wird mit Liebesentzug gestraft. Seine Signale werden nicht bemerkt, nicht einmal sein Auszug vom Kinderzimmer in die leerstehende Kellerwohnung. Als er zum ersten Mal Aufstand probt, läuft natürlich alles schief und zwar böse. Das ist auch eine Angelegenheit, die er in dieser Sommerwoche regeln muss.

 

Bud schützt sich mit kindlichem Verhalten und seiner Speckschicht vor der feindlichen Umgebung. Das kindliche Verhalten legt er ab, sein Aussehen aber, das ist eine der Überraschungen, die Ewo bietet, ist die Grundlage zu einem eigenen Wertsystem. Bud findet Übergewicht schön. Auch bei Mädchen. Gerade bei Mädchen. Etliche Kilo zuviel bedeuten für ihn Anmut und Kraft. Seine Überzeugung wird eingehend demonstriert, ein echter Pluspunkt in einem Jugendbuch. Selma und Maggie als ihre Hauptvertretrinnen sind Figuren, die im Gedächtnis bleiben. Der magere und hyperaktive Jerry ist Buds Gegenstück. Die Rollenverteilung scheint klar, bis Ewo den Spieß umdreht. Das geschieht so elegant und vor allem so schnell, dass nicht einmal Bud es richtig bemerkt.

 

Die Untiefen des Lebens wagen

Erzählt wird mit viel Witz, allerdings neigt der Autor dazu, redselig zu werden. Slapstickszenen sind nicht seine starke Seite, das Timing stimmt nie, aber zum Lachen bleibt allemal genug. Die Geschichte des Hechts und des Hechtangelns wird nicht nur Angel-Enthusiasten erfreuen; unauffällig eingefügt, trägt sie tatsächlich den dramatischen Höhepunkt des Geschehens. Man ist gut beraten, die Beschreibungen aus dem Anglerbuch, die in unregelmäßigen Abständen eingefügt sind, nicht zu überblättern.

Der Sommer-Liebes-Roman, der dieses Buch durchaus auch ist, endet nicht mit dem erwarteten Kuss. Er endet mit einem Bud, der zu sich gefunden hat. Seine Probleme sind kaum kleiner geworden, grundsätzlich gelöst hat sich nur wenig. Aber er hat gelernt, sie anzupacken. ‚Ab und zu mußt du es einfach wagen’, sagte er und er wagt es. Die allergrößten Ansprüche zu stellen, nämlich. Maggie wird staunen.

 

Etwas zu lang geratener, aber trotzdem überzeugender Jugendroman, mit originellen Figuren und originellen Sichtweisen, der bei allem Humor nie vergessen lässt, dass das Leben voller Probleme ist, die wie die scharfen Zähne eines Hechts gleich unter der Wasseroberfläche jederzeit auf einen lauern.


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