• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 10:53

    Ann Dee Ellis: Alles in Ordnung

    13.05.2010

    Der schönste Mensch auf der Welt

    Ein schreckliches Unglück ist passiert: Die vierköpfige Familie ist jetzt nur noch zu dritt, und der brutale Schicksalsschlag wirft sie gnadenlos aus der Bahn. Da jeder in seiner stummen Trauer gefangen ist, droht die Familie auseinanderzubrechen. Von SUSANNE MARSCHALL

     

    „Er sagte, dass er nur eine Woche weg sein würde, aber dann waren es zwei Wochen und dann drei. Er kam für einen Tag nach Hause, aber dann war er wieder weg.“ Er hat sie im Stich gelassen, deshalb geht Mazzy jetzt auch ins Kunstzimmer, obwohl ihr Vater es ihr verboten hat: weil es ihrer Mom gehört und darum tabu ist. Aber er hat sein Wort nicht gehalten, also braucht Mazzy ihres auch nicht zu halten: Sie macht die Vorhänge auf, lüftet, räumt die Sachen ihrer Mutter zur Seite, auch die Staffeleien und wischt den Boden: „Ich eröffne mein eigenes Kunstatelier und tue, was immer ich will. Genau.“

     

    Versuchte Normalität

    Seit ihr Dad in einer anderen Stadt arbeitet, wohnt Mazzy mit ihrer Mutter allein. Ab und zu kommt Bill, ein Golf-Freund ihres Vaters, und hilft: Er wäscht ihre Mom und besorgt auch die Tabletten: „Als Dad wegging, brauchten wir ihn kaum, weil es uns gut ging. Jetzt brauchen wir ihn dringend.“ Fürs Einkaufen hat Bill eine Freundin engagiert: Sie heißt Lisa und riecht nach Haarspray. „Sie sollte eigentlich jede Woche kommen, aber manchmal vergisst sie es.“ Dann braut Mazzy seltsames Zeug zusammen aus Resten, die sie noch in der Küche findet: Etwa ein Shake aus Spaghettis, das ihre Mutter sofort wieder auskotzt: Weil sie nur Sorbet und Cola Light möchte. 

     

    „Mom heißt Roxie, weil sie ihren Namen von Luella in Roxie geändert hat, nachdem sie Künstlerin wurde. Sie lebt in Utah. Sie hat jetzt nur ein Kind. Das Kind bin ich.“ Früher ist sie viel gereist und hat dann Bilder von den Landschaften gemalt, die sie gesehen hat. Und im Shoppen war sie gut, weil sie Stil hatte und elegant war. Selbst Olivia war in den Läden immer brav, und „wir beide beobachteten den schönsten Menschen auf der Welt.“ Jetzt ist ihre Mom nicht mehr so schön, weil sie kaum noch isst, nur noch apathisch ist und schweigt. Trotzdem liebt Mazzy ihre Mutter abgöttisch und möchte einmal so sein wie sie: „Ich will das immer noch, selbst wenn ich dafür im Bett liegen muss.“

     

    Ann Dee Ellis Ann Dee Ellis

    Ein einziger Scherbenhaufen

    Kein einfaches Thema, das die Autorin Ann Dee Ellis in ihrem zweiten Buch „Alles in Ordnung“ einem da vorsetzt. Sofort kommt sie zur Sache in ihrem beeindruckenden und vielschichtigen Jugendbuch, und wirft den Leser ins eiskalte Wasser: Schon auf den ersten Seiten wird drastisch klar, dass Mazzys Familie ein einziger Scherbenhaufen ist und in einer Ausnahmesituation lebt: Der Vater hat sich ausgeklinkt und arbeitet wie ein Besessener weit weg von seiner Frau und Tochter, die Mutter ist in einer schweren Depression gefangen, siecht teilnahmslos vor sich hin und findet nicht mehr zurück ins Leben. Und Mazzy? Die versucht mit aller Gewalt die Fassade aufrecht zu erhalten, tut so als sei nichts geschehen und alles beim Alten. Schottet sich ab und wehrt sich gegen jegliche Hilfe. Sie kann sich nämlich sehr gut allein um ihre Mom und sich selbst kümmern: Sie ist ja stark. Die Sozialarbeiterin, die sie bissig „Titten-Behördenfrau“ nennt, lässt sie nur ins Haus, weil die auf dem Ausweisfoto so krank aussieht. Dann aber ist sie störrisch und abweisend, gibt patzige und einsilbige Antworten. Und was der Teenager überhaupt nicht leiden kann, ist Mitleid: „Alle in der Schule sagten, es tut uns so leid wegen deiner Schwester. Geht es dir gut? Es tut uns so leid, so leid. Meine drei besten Freundinnen aßen immer noch mit mir zu Mittag, aber sie redeten nicht mehr so wie früher. Sie bissen nur in ihr Sandwich. Und kauten drauf herum.“

     

    Was die Familie so traumatisiert hat, enthüllt die amerikanische Autorin erst nach und nach. Langsam setzt sie die Geschichte aus kurzen Kapiteln zusammen, die von früher erzählen, von neulich, von jetzt. Es ist ein Geflecht aus Rückblenden und Jetztzustand, in das sie immer wieder kleine Hinweise streut. Die sprachlich oft so subtil sind, dass man sie schnell überliest. Erst einige Seiten später pieken die Wortwiderhaken ins Bewusstsein. Dann wird die dumpfe Ahnung zur grausamen Gewissheit, dass etwas ganz Schreckliches passiert ist. Etwas überaus Tragisches mit Olivia, der kleinen Schwester, das die drei mit Wucht aus der Welt, dem normalen Leben geschleudert hat. In die sprachlose Einsamkeit.

     

    Wo Mazzy ihre Gefühle einsperrt, nichts raus- und nichts reinlässt. Ruppig ist und abweisend, auch gemein. Alles ablehnt und sich, erstarrt in ihrem Trauernetz, verweigert. Nur Norma lässt sie an sich ran. Aber die bohrt auch nicht, drängelt nicht. Ist einfach nur da und genauso zuverlässig wie fett. Und als sie Mazzy umarmt, wird ihr klar, „dass Norma Dinge in Ordnung bringen kann.“ Gegen Colby, den Nachbarsjungen, hat sie auch nichts: Weil der ein bisschen schräg ist, vor allem aber keine doofen Fragen stellt und meistens macht, was Mazzy will.

     

    Ann Dee Ellis lässt ihre Protagonisten keine großen Worte machen. Sie reflektieren Olivias Tod nicht, treiben eher so dahin, jeder auf seine Weise. Versinken nicht in pathetischen Gefühlsduseleien, sondern werden umso authentischer durch die reduzierte Sprache mit dem schroffen Staccatorhythmus und der borstigen Kantigkeit: Mazzys Seelenleben wird greifbar und kommt ganz nah, und am Schluss flimmert ein zartes Licht. Unbedingt lesenswert!   

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:
    Super dieses buch lese ich gerade!!!
    | von Kelly♥♥♥♥, 27.09.2010

    Ein Geheimnis in einer Graskugel

    Auf die ganz großen Katastrophen im Leben kann man sich selten vorbereiten. Das geht nicht nur den Großen so, auch die Kleinen müssen solche Erfahrungen bewältigen. ANDREA ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Zum Ausklang

    Hier schließt sich der Kreis
    genießt sich (wer weiß)
    läuft jedenfalls heiß
    sein Leben als Preis

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter