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Emily Diamand: Flutland

18.03.2010

Ein echtes Abenteuer!

Wenn man durch böse Umstände plötzlich allein dasteht in einer feindseligen Welt, helfen nur noch Mut und ein entschlossenes Herz. Nicht zu vergessen ein geheimnisvoller Schiffskater. Lilly entdeckt, dass sie alles drei besitzt. Von MAGALI HEISSLER

 

Die Geschichte spielt in England in ca. 200 Jahren. Aber was für ein England! Eine nicht näher beschriebene Katastrophe, nur "der große Kollaps" genannt, hat weite Teile der Küsten überflutet. Übrig geblieben sind drei Reiche: das technisierte Großschottland, die Zehn (eher absolutistisch regierten) Grafschaften im Süden und das gefährliche Piratengebiet an der Ostküste. Lilly, die dreizehnjährige Heldin und eine der beiden Erzählstimmen, ist ein einfaches Mädchen aus einem Fischerdorf im Süden.

 

Sie möchte Fischer werden, aber das ist nicht so leicht in der Gesellschaft der Grafschaften. Allerdings wurde Lilly von einer Schiffskatze, kurz "Kater" gerufen, ausgewählt. Wer eine Schiffskatze besitzt, hat die besten Voraussetzungen, aufs Meer zu fahren, denn diese besonderen Katzen wissen alles über die See und teilen das "ihren" Menschen mit. Natürlich muss man diese Katzen verstehen, eine Kunst, die echte Fischer beherrschen. Lilly versteht Kater! Jedenfalls hin und wieder beinahe.

 

Dieses Problem erweist sich jedoch als ihr geringstes, als sie nach der Rückkehr von einer Fahrt mit ihrem winzigen Segelboot feststellen muss, dass Piraten ihr Dorf überfallen haben. Bei dem Überfall wurde ihre Großmutter getötet, nun ist Lily allein auf der Welt. Doch auch das Dorf muss leiden, denn die Piraten haben die Tochter des Premierministers entführt und dieser bestraft das ganze Dorf dafür. Alle Männer werden in den Kriegsdienst gezwungen.

 

Durch Zufall stößt Lilly auf eine Möglichkeit zur Rettung: Es gibt ein Juwel, das wertvoll genug ist, um damit die Tochter des Premierministers freizukaufen. In höchster Verzweiflung stiehlt sie es und macht sich mitsamt Kater und Boot auf den Weg zu den Piraten. Sie ist jedoch keineswegs die einzige, die das wertvolle Stück haben möchte, und das Juwel entpuppt sich darüber hinaus als etwas ganz anderes als ein funkelnder Edelstein. In kürzester Zeit steckt Lilly in Schwierigkeiten, bei denen sich selbst Kater nur noch das Fell sträubt.

 

Klassischer Schmöker mit 21. Jahrhundert-Touch

Dieses Buch ist reiner Unterhaltungsstoff für Kinder. Die schiere Lust, mit der die Geschichte ausgedacht wurde, teilt sich den Leserinnen und Lesern so unmittelbar mit, dass man seinem Charme erliegt. Es gibt zwei äußerst geschickt ineinander geflochtene Erzählstränge, die die Geschichte von zwei Seiten präsentieren und von denen jede ihre eigene erzählerische Legitimation entwickelt. Das geschieht so mühelos, dass man kaum glauben kann, dass man einen Romanerstling vor sich hat.

 

Die beiden Hauptfiguren sind ungemein lebendig und überzeugend, vor allem dadurch, dass sie keineswegs als Heldin und Held angelegt sind, sondern tatsächlich als zwei recht junge Teenager, die spontan, unüberlegt, überempfindlich und zugleich zutiefst unsicher sind und folgerichtig genau dann das schlimmste Unheil anrichten, wenn sie die allerbesten Absichten haben. Der Weg durch die wenig schöne Welt der Erwachsenen ist für beide Kinder voller Schrecken und Schmerzen, seelischer wie körperlicher. Nichts davon wird dem jungen Lesepublikum erspart.

 

Positiv wirkt sich überdies aus, dass die Handlung liebesgeschichtenfrei bleibt. Dass überdies Witz und herzerwärmende Komik nicht zu kurz kommen, verdankt diese eigentlich konventionelle Abenteuergeschichte dem Geheimnis, das sich hinter dem Juwel verbirgt - eine überraschende Nebenhandlung, die ihre eigene pfiffige Logik hat.

 

In nicht allzu ferner Zukunft, nicht allzu fern

Eine ganz neue Welt eröffnet die Autorin mit den Schilderungen der untergegangenen Küstenstriche Englands. Das halb unter Wasser liegende London - "Lunden" - entwickelt nicht nur für eine kindliche Leserschaft die zauberische Anziehungskraft bizarrer Naturformationen. Unheimlich und zugleich berückend schön sind die Beschreibungen von Wasserlandschaften, in Nebel, im Sturm, aber auch die völlig bewegungslos daliegende See, unleugbar schreckenerregend schließlich die Seeschlacht.

Schlaglichtartig eingefügt sind immer wieder Hinweise auf vergangene Zeiten, letztlich unsere, durch die Katastrophe untergegangene Zivilisation, was das Ganze mit dem Firnis einer sanften Schwermut versieht. Überhaupt beherrscht die Autorin die Kunst, Altvertrautes mit Zukunftsvisionen so zu vermischen, dass eine/n beim Lesen die Ahnung einer unheimlicher Prophezeiung nie verlässt.

 

Im Vordergrund steht dennoch immer das Abenteuer. Und das ist fast durchgängig atemberaubend spannend. Zur Spannung trägt wesentlich bei, dass die Autorin ihre kindlichen Hauptfiguren selbständig agieren lässt, im Guten wie im Schlechten. Kein weiser Erwachsener, auch Kater nicht, deutet ihnen die Welt. Die Kinder müssen sich mit dem Gegebenen auseinandersetzen und ihr Bestes daraus machen. Sie scheitern zwangsläufig und siegen trotzdem - ganz wie im richtigen Leben.

 

Kritisch anzumerken ist, dass die Geschichte auf mehrere Bände angelegt ist. Eine bedauerliche Entscheidung, weil Serien das einzigartige heilige Staunen, das eine gute Erzählung in sich birgt, zerstören. Bekanntes lässt eine/n bald nicht mehr staunen.

 

Ebenfalls kritisch zu sehen ist auch die verwendete Sprache, die allzu stark an der Sprechsprache orientiert ist. Das ist gefährlich, gerade für das angezielte recht junge Publikum, das sich keineswegs darüber im Klaren ist, dass Sprache darstellerisches Mittel ist. Beschränkung der Sprechsprache auf Dialoge und ansonsten strikte Einhaltung der geltenden grammatikalischen Regeln wären hier vorzuziehen gewesen.

 

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