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Tamara Bach: Was vom Sommer übrig ist

03.12.2012

Das Ende der Sommerzeit

Es gibt Bücher, die schleichen sich ganz unmerklich ins Herz und treffen einen im Innersten. Tamara Bachs Geschichte gehört dazu. Von ANDREA WANNER

 

Zwei Mädchen haben die Sommerferien vor sich. Die eine, vermeintliche Hauptfigur der Geschichte ist Louise, 17 Jahre alt. Irgendeine Beziehungsgeschichte – mit Paul, einem Jungen, mit dem sie eigentlich den Sommer verbringen wollte – ist schief gelaufen. Jetzt hat sie sich die Ferien vollgepackt mit Hundesitten, einem Job in der Bäckerei, Zeitungen austragen und der Führerscheintheorie. Sie ist fest entschlossen, das alles durchzuziehen – und wir ahnen schnell, dass das nicht so reibungslos funktionieren wird.

Die andere ist Jana, 13, aber den 13. Geburtstag haben die Eltern verpasst, wie so vieles in Janas Leben. Denn Jana hat einen älteren Bruder, der nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus im Koma liegt.

 

Begegnungen

Louise und Jana fühlen sich fremd in ihrem Leben, nicht mit dem Rest der Welt verbunden, irgendwie orientierungslos in diesem heißen Sommer. Und dann stolpert Jana in das Leben von Louise, macht sich darin breit, getrieben von der Hoffnung, einen Menschen zu finden, der ihr irgendwie Halt gibt. Das scheint so ziemlich das Letzte zu sein, was Louise braucht. Aber dann taucht Jana hartnäckig immer wieder auf und es entwickelt sich eine seltsame Freundschaft.

 

Sommerblues

Tamara Bach, Jahrgang 1976, die für ihr Debüt Marsmädchen 2004 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, verschränkt die Geschichten von zwei Mädchen so, dass sie beiden zu einer Person verschmelzen zu scheinen. Dabei zeichnet sie sensibel und genau die Empfindungen, Kränkungen und Verletzungen jeder einzelnen. Jedes Wort wirkt ein präzis gesetzter Farbtupfer auf einem Bild, kein überflüssiger Schnörkel, stattdessen zwingende, poetische Präzision. Mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit fängt sie die Atmosphäre dieses Sommers ein, zeichnet ein Bild dieser ungleichen Freundschaft, die beiden gut tut – und lässt sie in einem fantastischen Ausflug gipfeln, der auf wenigen Seiten die Abenteuer und Erlebnisse eines ganzen Roadmovies schildert. Louise und Jana verwandeln sich. In ein zweiköpfiges Monster. In Meerjungfrauen. Für kurze Zeit entkommen sie dem Rest der Welt – Jana wird die Realität kurz darauf brutal einholen. Aber da wird sie dann bereits eine Freundin haben, die weiß, was zu tun ist.

Dann ist nicht mehr viel vom Sommer übrig. Was nach dem Lesen bleibt, ist das Gefühl, zwei ganz besondere Mädchen getroffen zu haben – und ein Buch gelesen zu haben, das in keine der üblichen Jugendbuchschubladen passt.

 

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