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Keto von Waberer: Mingus

26.11.2012

Die Krone der Forschung

In einer fernen Zukunft ist es geschehen: Mensch und Tier sind erfolgreich gekreuzt, das erste Mischwesen lebt und wächst heran. Doch es ist nur ein Exemplar der neuen Gattung, die alte Gattung Mensch dagegen ist in der Überzahl. Und nicht nur das, sie hat der Welt ihre Spuren aufgedrückt, unauslöschlich und tödlich. Wenn nicht so etwas wie ein ganz altmodisches Wunder geschieht. Keto von Waberer hat sich mit ihrem Jugendroman Mingus auf das aktuell sehr beliebte Spielfeld der Dystopien begeben. Von MAGALI HEISSLER

 

Der Mann, den Mingus ›Papa‹ nennt, ist tot. Mingus hat ihn getötet, allerdings war das eher ein Unfall. Mingus ist stark, stärker als ein Mensch, denn er hat noch eine andere Seite. Mit Papas Tod steht Mingus ganz allein da. Das ändert sich, als er in dem verbotenen Raum ein weiteres Lebewesen findet, klein, dünn, schwach. Er hat so etwas noch nie genauer gesehen, er nennt es ›kleiner Bruder‹. Das Wesen spricht nicht mit ihm, aber es wandert mit, als Mingus aufbricht, fort zu den fernen Wäldern.

 

Eines Tages jedoch treffen die beiden auf Menschen und auf einmal sind sie nicht mehr Mingus und ›kleiner Bruder‹, sondern ein Löwenmensch und ein einstmals entführtes Mädchen der herrschenden Oberschicht, Nin. Sie werden getrennt, auf Nin warten ihre Eltern, auf Mingus die Forscher des größten Konzerns fürs Gentechnologie. Aber noch andere sind an der Neuschöpfung interessiert, die Existenz von Mingus kann die ganze Welt verändern. Die Welt interessiert Mingus nicht besonders, er will nur eins, Nin. Und Nin merkt, dass ihr eigentlich nur an Mingus liegt. Oberschichtangehörige sind jedoch ebenso Gefangene ihrer Kaste wie Mingus in den Fesseln derer, die große Pläne mit ihm haben. Wenn die beiden wieder zusammenkommen wollen, müssen sie sich einiges einfallen lassen und eine Menge Mut beweisen, Löwenmut.

 

Düsterste Zukunftsvisionen

Die Welt, in der von Waberers Geschichte angesiedelt ist, ist ein klassisches Science-Fiction Modell, eine düstere Vision von zerstörter Natur und einer gigantischen Metropole, in der eine kleine, abgeschirmt in höchstem Luxus lebende Oberschicht und eine Mehrheit Verarmter und Abhängiger leben. Die Regierungsform ist Diktatur mit handelsüblicher Polizeigewalt, vornehmlich von Robotern ausgeübt. Gentechnik und Klone sind Normalität in dieser Gesellschaft, ihre Ergebnisse aber hauptsächlich der Oberschicht vorbehalten. Zu Geld und Ansehen zu gelangen bzw. sich eben diese zu erhalten scheint die Haupttriebkraft der Menschen zu sein.

Da hinein stellt von Waberer nun Mingus, das junge Wesen, das halb Mensch, halb Löwe ist.

 

Als Leserin nehmen wir die Welt zunächst nur mit Mingus’ Sinnen wahr. Das ist spannend genug, wenn auch fast von Anfang an ein Problem auftritt, das sich im Lauf der Geschichte dann ballt: Man muss sehr viel selbst erschließen. Die Autorin gibt kaum Hilfestellung. Ereignisse in der Vergangenheit der vorgestellten Gesellschaft wie auch im Handlungsverlauf, aber auch die neuen Technologien gerade im Alltag der Figuren werden nur angedeutet, die Indizien letztlich zu sparsam verteilt. Auch die aufmerksamste Leserin kann nicht verhindern, dass sie hin und wieder im Nebel stochert. Das mag in dem einen oder anderen Fall zum Grauen beitragen – wollen wir wirklich genau wissen, was in ›Papas‹ Labor mit Nin geschah? – in anderen Fällen aber bald irritierend wirkt. Dazu trägt der gewählte Stil bei, knapp, oft lapidar, auf wesentliche Informationen beschränkt, wirken die Sätze so schroff wie die Gesellschaft, die sie beschreiben. Es gibt kaum Ruhepunkte. Das wirkt auf Dauer einebnend, Figuren fangen an, sich zu ähneln. Vor allem für jüngere Leserinnen ist die Herausforderung bald zu groß, das Schreckgespenst der Langeweile erscheint und breitet sich aus.

 

Vielstimmig banal

Abwechslung bringt zunächst der Aufbau. Sieben Figuren erzählen abwechselnd, ihre Erfahrungen, ihre Wünsche und Lebensziele beeinflussen sich gegenseitig. Sie sind Vertreterinnen und Vertreter bestimmter politischer Überzeugungen, die in von Waberers Zukunftswelt herrschen. Geldgierige Wissenschaftler, religiöse Fanatiker und ihr weibliches Pendant, Machthungrige, Weltverbesserinnen. Ihre Interaktion bringt eine Menge Gewalt in die Handlung, ihre Bemühungen, sich Nins und Mingus’ zu bemächtigen immer wieder neue Bündnisse wie neue Gegnerschaften. Einige Figuren sind durchaus interessant angelegt, die Frauenfiguren dabei die Gewinnerinnen.

 

Dass in der zweiten Hälfte des Buchs die Spannung dann abflaut, verhindert das alles aber nicht. Zum einen liegt es daran, dass sich die Handlung über eine viel zu lange Zeit zieht, fast zwei Jahre verstreichen. Zum anderen bleiben die Aktionen der verschiedenen Gruppen, die einen Umsturz wollen, recht nebulös und enden oft einfach damit, dass Mingus und Nin sozusagen die Käfige wechseln, worauf eine neue Aktion ins Planungsstadium kommt. Mingus lernt viel über die Welt der Menschen, am Ende muss er sich bewähren. Die Bewährung ist leider keine besondere. Es gibt einige Bösewichte, die von Stufe zu Stufe fallen, wie auf dem Spielbrett, in der Regel von anderer Hand. Am Ende bleibt Mingus nur, den schlimmsten Unhold ins Jenseits zu befördern. Wie es geschieht, enthält einen kleinen Witz, aber der rettet das fade Szenario nicht mehr. Ungünstig für eine jugendliche Leserinnenschaft wirkt sich schließlich aus, dass außer Mingus und Nin nur ältere und alte Figuren auftreten. Identifikationsmöglichkeiten für eine junge Leserinnenschaft fehlen damit fast ganz.

 

Tatsächlich wird hier keine Vision entworfen, die moralische Erkenntnis liegt irgendwo im vagen ›Seid lieb zueinander‹ und ›am Ende werden die Bösen bestraft, irgendwie‹. Eindeutigkeit herrscht, ein Entwurf für eine Welt, das eigentlich Wichtigste für eine Dystopie, liegt hier nicht vor. Das Ende ist entsprechend romantisch-banal. Die Natur ist schön und die Liebe auch. Alles andere wird sich schon richten.

 

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