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Montag, 27. März 2017 | 06:52

Katja Brandis: Libellenfänger

19.11.2012

Ein bisschen Nervenkitzel

Was für filigrane, geheimnisvoll schillernde Kostbarkeiten so Libellenflügel doch sind. Faszinierend, geheimnisvoll – und bedrohlich. Zumindest in dem Thriller von Katja Brandis. ANDREA WANNER ist gespannt der Spur der Flügel gefolgt.

 

Der Prolog fasziniert. Schildert er doch genau jene anmutige, zerbrechliche Schönheit einer Libelle und ihrer zwei Flügelpaare. Und verstört durch einen brutalen Akt der Zerstörung. So leicht ist es, ein Insekt zu zerstören. So leicht ist es, Schönheit zu vernichten. So leicht ist es, einen Menschen zu töten. Die Bestsellerautorin Katja Brandis hat einen Köder ausgeworfen, auf den man sich nur allzu gern erwartungsvoll stürzt, um den rätselhaften Libellenfänger zu entlarven.

 

Von Menschen und Insekten

Szenenwechsel. In den Blick gerät die Heldin der Geschichte, Ricky Mayer, 17 jährige Schülerin und Mitarbeiterin in der KidsNews-Sendung. Sie wundert sich über einen Libellenflügel auf dem Weg ins Schulstudio. Die Frage, wo er herkommt, soll schon bald ihr kleinstes Problem sein. Am Abend desselben Tages  stirbt ihre Mitschülerin Antonia, ein blondgelocktes Wesen, über das niemand viel zu wissen scheint, in der Disco. Ricky versucht sich gemeinsam mit Mitschüler und Kameramann Marek noch an Wiederbelebungsversuchen. Erfolglos.

 

Die Polizei legt den Todesfall zu den Akten: die gerichtsmedizinische Untersuchung von Antonia ergab nichts. Es war wohl ein natürlicher Tod. Alle bis auf Ricky scheinen das zu akzeptieren. Sie wittert ein Verbrechen und macht sich gemeinsam mit Marek eigenmächtig auf die Suche nach dem Täter.

 

Mysteriöse Irrwege

Die Story hat durchaus Potenzial, Brandis erliegt allerdings der Versuchung, viel zu viel in ihren Thriller zu packen. Antonia war auf einem Engel-Trip, beschwor die himmlischen Mächte in geheimnisvollen Sessions – und so skeptisch Ricky ist, auch ihr gelingt eine Verbindung zu den Geistwesen. Aber dann gibt es auch noch ein dunkles Geheimnis in Rickys Leben: ihre Mutter ist eine Mörderin, Ricky ist während der Untersuchungshaft geboren und im Knast bis zu ihrem 4. Lebensjahr aufgewachsen. Damit nicht genug: es gibt noch Valentina, eine ehemalige Mitgefangene ihrer Mutter, zu der Ricky noch immer Kontakt hat. Und Valentina ihrerseits hat Kontakt zur Russenmafia. Nein, das reicht noch nicht. Wir brauchen natürlich noch eine Liebesgeschichte. Auch die gibt es: Ricky und Marek, so unvorstellbar das anfangs scheint, finden Gefallen aneinander. Aber auch da gibt es Hindernisse ohne Ende. Brandis lässt nichts aus und statt einer spannenden Spur zu folgen, verliert sie sich im Labyrinth der falschen Fährten, ausgelegt, um die Lösung vermeintlich so spannend wie möglich zu machen.

 

Schade, dass ihr das nicht gelingt, denn zwischendurch gelingen fast magische Momente der Hochspannung, sensibel gestaltet und dennoch nicht ohne Ironie und Humor. Ein Wechsel der Perspektiven sorgt für Neugier und Erwartung – die Kunst hätte darin gelegen, auf einen Teil der Ideen einfach zu verzichten. Das Schlimmste: Ricky, die Heldin, verliert dadurch an Glaubwürdigkeit. Nicht nur die Polizei, die Lehrer und Mitschüler schütteln den Kopf über sie – auch Leserinnen und Leser halten sie irgendwann für eine überspannte Psychopathin. Man kann es ihr mit ihrer Vorgeschichte verzeihen – für die Geschichte ist es wenig zuträglich. Und das süßliche Ende hat nur noch einen faden Nachgeschmack. Ach ja, die Libellenflügel hätte es eigentlich gar nicht gebraucht.

 

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