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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 22. Mai 2017 | 23:25

    Ingrid Olsson: Als würde man mit den Fingern schnipsen und schon ist es vorbei

    22.10.2012

    Eine Geschichte vom Sterben. Und vom Leben

    »Der Tod gehört zum Leben ist ein Satz«, der sich leicht sagt, setzt man ihn in Relation zu dem emotionalen Aufruhr, den er tatsächlich beinhaltet. Der Tod ist endgültig, der Weg dahin, das Sterben, unaufhaltsam. Es als junger Mensch aus nächster Nähe mitzuerleben lässt einen fast ersticken. Wie kann es sein, dass es trotzdem noch Luft zum Atmen gibt? Etwas Schönes? Lachen? Und Liebe? Ingrid Olsson hat sich in dem Jugendroman Als würde man mit den Fingern schnipsen und schon ist es vorbei mit diesen paradoxen Fragen auseinandergesetzt. Und zwar auf sehr überzeugende Weise, fand MAGALI HEIßLER.

     

    Calle musste schon früh mit dem Tod in der Familie fertig werden. Sein Vater war erst Ende dreißig, als er starb, und es war Calle, der ihn beim Nachhausekommen fand. Inzwischen ist Calle siebzehn. Nun liegt seine Großmutter im Krankenhaus. »In einer Woche ist sie bestimmt wieder zuhause«, meint seine Mutter. Aber Calle glaubt das nicht so recht, die Apparaturen, das Verhalten von Ärztinnen und Pflegepersonal, sprechen eine andere Sprache. Ebenso die Veränderungen, die er an seiner Großmutter sieht. Aber sein Alltag besteht nicht nur aus Sorgen um die geliebte Großmutter. Calle hat eine liebevolle Mutter und einen lebhaften kleinen Bruder. Und er hat sich verliebt. Aber wie kann er diesem Gefühl nachgeben angesichts des nahenden Todes?

     

    Momentaufnahmen

    Calle ist Hobbyfotograf. Seit er seinen Vater tot auf dem Küchenboden gefunden hat, faszinieren ihn Augenblicke. Ein Lichtfleck auf dem Fußboden, ein Blick von einer Brücke, ein roter Wollschal um den Hals des gleichaltrigen Mädchens aus der Nachbarwohnung. Momente, in denen etwas aufblitzt, hell wird. In denen man glauben kann, etwas zu verstehen. Wenn er nicht fotografiert, betrachtet er Fotos. Sie enthalten den Schlüssel zu Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Menschen und ihrer Umgebung. Calles Beziehung zu seinem Vater, etwa. Bilder trösten. Aber sie verraten auch, was Menschen ausmacht, solange sie lebendig sind. So wie das Bild von Oma mit einer ihrer geliebten Zigaretten zwischen den Fingern. Eben den Zigaretten, die sie am Ende umbringen. Bilder warnen, Bilder sind Verräter.

     

    Mit Bildern kann man auch erfassen, dokumentieren, sezieren. Deswegen fotografiert Calle immer wieder die tote verstümmelte Taube auf dem Dach. Aber das Bild ist zugleich arrangiert. Unter Calles Einfluss scheint das Tier zu schlafen. Wie viel Leid erträgt man, ehe man eingreift, um sich selbst zu trösten?

     

    Mut finden

    In Kurzkapiteln, einige nur wenige Sätze lang, vermittelt Olsson eine eindringliche Geschichte über die inneren Nöte eines Teenagers in einer Extremsituation. Was Calle fühlt, sagt er nicht. Olsson zeigt es, etwa, wenn der Junge auf der Brücke steht und hinunterstarrt, wenn er verbotenerweise auf das ungesicherte und windige Dach des Hochhauses klettert, in dem er wohnt, wenn er den Unterricht schwänzt. Beim Lesen muss man sein Ringen mit der Sterblichkeit von Menschen erschließen. Bilder auch hier, Form und Inhalt sind streng durchgearbeitet, was das Lesen trotz des schweren Themas zu einem Genuss macht.

     

    Ergänzend beobachten wir den kleinen Bruder Örjan, der mit der Innigkeit sehr junger Kinder an seinem Meerschweinchen hängt. Es scheint ihm näher zu stehen als die Großmutter. Aus Calles Geduld, mit der er mit der Meerschweinchenschwärmerei des Kleinen umgeht, erschließt sich wiederum sein Verständnis für das Verhalten seines Bruders, das ebenso von Schutzbedürfnis wie altersbedingtem Nicht-Verstehen geprägt ist. Was Calle prägt, ist seine Liebesfähigkeit. Dabei ist er ein ganz normaler Teenager, unordentlich, auf Selbstständigkeit bedacht, schüchtern und übermütig von einem Augenblick zum nächsten. Und verliebt in das namenlose Nachbarsmädchen mit dem roten Wollschal. Rot wie das Leben, Wie die Liebe. Calle findet den Mut, der zum Leben dazugehört, wenn man verstanden hat, dass alles nur aus Augenblicken besteht und im nächsten Moment schon anders sein kann. Vorbei. Oder beginnen.

     

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