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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 21:08

    Werner Heickmann: Die Vogelinsel

    15.10.2012

    Die Einsamkeit der Verlassenen

    Dass Eltern sich trennen, gehört zu den Dingen, die Kinder offenbar zu akzeptieren haben. Neue Beziehungen entstehen, auch neue Familienverbände. Kinder lernen, sich bei beiden Seiten einzurichten. Was aber geschieht, wenn ein Elternteil geht und fortbleibt? Nichts mehr von sich hören lässt? Verlassen werden heißt, in tiefe Einsamkeit gestürzt zu werden. Werner Heickmann hat in Die Vogelinsel, seinem ersten Roman für Kinder eben eine solche Einsamkeit beschrieben. Von MAGALI HEISSLER

     

    Hinnerk leidet an Sehnsucht. Sein Vater hat ihn und seine Mutter verlassen. Hinnerk versteht den Grund, die Eltern haben viel zu oft gestritten. Aber das ändert nichts daran, dass er seinen Vater vermisst und unter dessen Schweigen leidet. Das Leiden stört seine Beziehungen zu anderen und zur Welt, alles ist anders ohne den Vater, brüchig, leer, jemandem zu vertrauen wird auf einmal zu einem unüberwindbaren Problem.

    Als eines Tages doch eine Postkarte kommt, scheint die Welt auf einmal besser auszusehen. Aber der Vater hat keinen Absender auf die Karte geschrieben. Ihr Bild jedoch zeigt ein weißes Haus. Auf einmal ist Hinnerk fest davon überzeugt, dass sein Vater in diesem Haus auf ihn wartet. Er muss das Haus nur finden. Tatsächlich scheint eine Lösung zum Greifen nah. Kaum keimt die erste Hoffnung, wagt Hinnerk auch wieder auf andere zuzugehen. Auf Paul, den Schulkameraden, der sich immer feindselig zeigt. Hinnerk mag Paul. Paul hat auch keinen Vater mehr.

     

    Vatersuche

    Heickmann konzentriert sich auf seine Hauptfigur. Hinnerk ist ein empfindsamer Junge, aber er schweigt lieber, als dass er spricht. Er tastet sich an Menschen heran, immer auf Ablehnung gefasst. Zugleich ist er hartnäckig. Er weiß, was er will. Er weiß ebenso genau, dass er zur Durchsetzung seiner Pläne Verbündete braucht. Sein Werben um Pauls Freundschaft ist gleichermaßen freundlich-vertrauensselig wie raffiniert.

    Überraschend und poetisch eingewoben sind die Falken, Realität und Metapher zugleich. Heickmanns Stil ist knapp, fast karg, aber er versteht es, über die bloße Information hinaus eine starke Gefühlswelt zu beschreiben. Im Mittelpunkt steht immer das Thema des Vaterverlusts und der Vatersuche. Sehr genau beobachten die beiden Jungen die männlichen Erwachsenen. Die beiden suchen Schutz, Führung, Vorbilder und wissen zugleich, dass sie auch auf sich allein gestellt mit dem Leben fertig werden müssen. Ihre Flussfahrt wird zum Aufbruch aus dem Nest.

     

    Väter sind wichtig

    Die Flussfahrt, der Aufenthalt auf der kleinen Insel und die überraschende Begegnung mit einem Falkner ist gleichermaßen Sommerabenteuer, freies Jungenleben in einer gemäßigten Wildnis wie Erkenntnisgewinn. Hinnerk und Paul sind ein Freundespaar, wie es selten geworden ist in der Kinder- und Jugendliteratur. Ihnen begegnen weder Feen noch Drachen, sie jagen auch keine Verbrecher oder retten die Welt. Sie kämpfen mit der Unbill einer gezähmten, aber trotzdem eigenen Gesetzen unterliegenden Natur, probieren aus, wie weit sie Versatzstücken aus Abenteuerbüchern trauen – selbstgefangene Fische töten? O Schreck! – , genießen die Ungebundenheit und lernen doch Sozialverhalten. Sie streiten und raufen sich. Auch Konflikte und ihre Bewältigung gehören zum Leben. Sie trennen sich von Träumen und entwickeln neue.

    Trotzdem sind die Erwachsenen nicht ausgeschlossen, im Gegenteil enthält Heickmanns Geschichte den Appell an Erwachsene, die Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Väter sind wichtig, sagt Paul einmal, und er hat recht. Auch wenn es nicht die biologischen Väter sind, Unterstützung und Anleitung geben sollen sie trotzdem. Auch Wahlverwandtschaften sind Bindungen.

     

    Eine neue Stimme, eine originelle Auffassung des Themas und eines der seltenen Bücher für Jungen.

     

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