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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 23. Juni 2017 | 21:08

    Mette Jakobsen: Minous Geschichte

    08.10.2012

    Gaukeleien und Täuschungsmanöver

    Die Kindheit als Zustand der Poesie, eine ferne Insel, geheimnisumwittert, das ewige Rauschen des Meeres, Gespinste aus alten Erinnerungen an Märchen und Gespenstergeschichten, Zaubertricks und Zirkusmagie und darüber ein kräftiger Schuss klassischer Philosophie, das alles wird wunderschön zusammengerührt und in diesem Debütroman serviert. Mette Jakobsen, Minous Geschichte ist ein unverdauliches Gericht fand MAGALI HEISSLER.

     

    Minou, die kleine Protagonistin, lebt auf einer Insel, die so winzig ist, dass das Kind sie innerhalb einer Stunde umrunden kann. Meist ist es kalt dort, das Meer ist grau, wie auch der Himmel. Auf der Insel leben eine knappe Handvoll Menschen, drei Männer, einer davon Minous Vater, und eben unsere Heldin. Die Inselbewohner gehen ihren höchsteigenen höchst eigenwilligen Beschäftigungen nach. Einer baut Kästen für Illusionisten, ein anderer, ein ehemaliger Priester, kümmert sich um die kleine Inselkirche, gibt geistlichen Beistand und bäckt Brezeln. Minous Vater versorgt alle mit Fischen und beschäftigt sich ansonsten eingehend mit Philosophie, nicht nur, weil es ihn interessiert, sondern vor allem, weil er fest davon überzeugt ist, ein Nachfahre René Descartes’ zu sein. Auch Minou liest Texte von Descartes, seit sie lesen kann. Liest sie nicht, geht sie mit dem Hund Namenlos spazieren, besucht Schildkröte oder beobachtet die Raben, die sich beim alten Leuchtturm aufhalten. Aber Minou hat ein Geheimnis. Ein Jahr zuvor ist ihre Mutter verschwunden. Niemand weiß, warum und wohin. Minou ist fest überzeugt, dass ihre Mutter zurückkommen wird.

     

    Allein unter Egomanen

    Die Geschichte beginnt mit einem Schrecken, der Leichnam eines Jungen wird an den Strand gespült. Da das Versorgungsschiff erst in ein paar Tagen wieder kommt, nehmen Minou und ihr Vater den Leichnam mit nach Hause. In einem der Zimmer dort ist es so kalt, dass sich der Tote hält. Minou, sichtlich daran gewöhnt, dass es nichts Ungewöhnliches gibt, vertreibt sich bald die Langeweile damit, dem Toten vorzulesen, eigens geschriebene Geschichten, Kinderbücher gibt es nicht auf der Insel, ebensowenig wie anderes Altersgerechtes. Dafür gibt es die Welt der Erwachsenen. Diese leben ihren Träumen und das schon ihr Leben lang. Sie scheiterten damit, aber dafür gibt es ja die kleine Insel, wohin man (man ist sehr versucht, an dieser Stelle ‚Mann’ zu schreiben) flüchten kann. Einen Eigennamen trägt keiner von ihnen, sie heißen nach dem, was sie tun, Priester, Kistenmann und Papa. Das klingt eigenartig kindlich für eine Zwölfjährige. Auch dass niemand die Brezeln, die Priester backt, essen will, außer Hund Namenlos oder Schildkröte, ist normal. Priester backt trotzdem, Kistenmann baut Kisten und Papa fängt Fische.

    Eine Mama gab es auch. Sie tauchte, den Erzählungen nach, ebenso unvermutet auf, wie die Männer, verliebte sich in einen und blieb. Später verschwand sie wieder. Mit Minou spricht niemand darüber, ebenso wenig, wie über anderes. Papa gibt Philosophisches von sich oder berichtet obsessiv von seiner Überzeugung, von Descartes abzustammen, Kistenmann erzählt von Magiern, Bühnenheldinnen und Zirkuswelten, Priester hat Gott, Maria und den Himmel parat. Irgendwo gab es irgendwann einen Krieg, an dem sie alle laborieren. Irgendwie. Das soll dem Ganzen wohl Gewicht durch eine vage empfundene Betroffenheit geben. Die Betroffenheit ergibt sich jedoch eher beim Lesen über den egozentrischen Umgang der Erwachsenen mit der kindlichen Heldin, aber das ist nicht Thema des Buchs.

     

    Oberflächliche Schönschreiberei

    Beschrieben ist es schön, nahezu perfekt. Ein Zauber liegt über allem, egal, ob Landschaft oder Bewohner geschildert werden, oder jene tiefsinnigen Sätze formuliert, die die Personen von sich geben. Beim näheren Hinsehen erweisen sich die schönen Sätze allerdings als bloße Verzierungen um der Zierde Willen. Sie sind so stabil wie die Schneeflocken, die zwischendurch dekorativ hernieder schweben. Was es mit Descartes zu tun hat, wird auch nicht deutlich. Tatsächlich ist in dieser Geschichte die Irrationalität Siegerin und Minou zeigt eher stoische Seelenruhe in ihrer Akzeptanz des Geschehens.

    Es gibt Seltsames, sehr viel davon. Auf fast jeder Seite findet man etwas neues Entzückendes. So z.B. die Geschichte von der ersten Besitzerin der Insel mit ihrer Krone, ihren Ziegen und dem Tor, das mitten in der Landschaft steht. Man kann hindurchgehen, aber auch außen herum. Das scheint der tiefste Kern der Art von philosophischem Denken zu sein, das die Autorin anpreist. Auf etwas tiefer Schürfendes wartet man vergeblich. Dazu werden Metaphern und Symbole aufgehäuft, die Menge macht es, scheint die Parole gewesen zu sein. Auf einen neuen Blick auf die Dinge wartet man vergeblich.

     

    Beliebigkeit regiert

    Entdecken lassen sich die Fäden nicht weniger Geschichten, die meisten davon traurig, von Menschen, die einander nicht verstehen und meist nicht einmal sich selbst. Aber die Fäden verwirren sich, laufen ins Nichts oder reißen einfach ab. Nichts passt richtig zusammen an diesem Konstrukt. Beliebigkeit regiert. Ihre Erkenntnis sowohl der Vorgeschichte als auch vom eigentlichen Verbleib ihrer Mutter, teilt Minou wieder nur dem Toten mit. Nie war ein Kind in einer Geschichte so einsam unter Menschen, wie Minou. Aber auch das ist nicht Thema der Autorin. Am Ende gießt sie papiernen Trost aus, bunt, wie Seidenblumen aus Kistenmanns Zirkuswelt und ebenso unwahr. Diese Geschichte ist ein einziger Irrtum, selbst eine Seifenblase ist ehrlicher.

    Wer eine Geschichte über ein Kind in einer höchst seltsamen Welt lesen möchte, rätselhaft, beängstigend, aber dennoch durchdacht, die nehme Verena Stoessingers Reise zu den Kugelinseln zur Hand. Nur, um zu sehen, wie man so etwas richtig macht.

     

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