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Holly Goldberg Sloan: Sam und Emily. Kleine Geschichte vom Glück des Zufalls

25.09.2012

Alles hängt zusammen

Ein Stein, den man ins Wasser wirft, verändert die Wasseroberfläche. Die Bewegung eines Flügels löst eine Veränderung der Luft aus, durch die es, weit entfernt und viel später zu einem Sturm kommen kann. Ein sanfter Stoß gegen den ersten von vielen aufgestellten Dominosteinen lässt sie allesamt der Reihe nach umkippen. Ein Wort, ein Blick hin zu einem anderen, kann die Welt für viele verändern. Märchen oder das Wirken von Naturgesetzen? Holly Goldberg Sloan hat in Sam und Emily. Kleine Geschichte vom Glück des Zufalls diese Grundfrage gestellt und eine Geschichte daraus gebastelt. Von MAGALI HEISSLER

 

Zwei Teenager um die siebzehn, sie aus ordentlichem Haus, er aus verwahrlosten Verhältnissen, treffen sich, verlieben sich und lösen damit Strudel aus, die ihr Leben gehörig durcheinanderwirbelt. Das haben wir schon gelesen, so oft sogar, dass es geradezu peinlich wäre, die genaue Zahl solcher Geschichten anzuführen, gleich, welcher Güte sie waren. Das schreckt die Autorin nicht im Mindesten, im Gegenteil veranlasst es sie, aus dem Vollen zu schöpfen. Sie hat präsentiert nicht nur die beiden Liebenden und deren engste Umgebung, Eltern, Geschwister, Freundinnen und Freunde, nein, sie macht auch vor Fremden nicht Halt. Wer immer mit Sam und Emily, den Hauptpersonen, in Berührung kommt, deren Reaktionen werden gleichfalls in die Geschichte hineingeflochten. Auf diese Weise entwickelt sich vor den Augen der staunenden Leserin ein immer umfangreicher werdendes Gebilde mit zahlreichen Personen von der Friseurin über Putzfrauen, Polizisten, Lehrerinnen und Paläontologen bis zum Cowboy und ebenso zahlreichen Handlungssträngen- und orten, unablässig in Bewegung bis hin zum groß orchestrierten Ende.

 

Diskussionsbedürftige Konventionen

Nichts an dieser Geschichte ist neu, Unkonventionelles findet man nicht. Warum auch, würde Sloan argumentieren, schließlich geht es hier um das Leben und die Liebe und was bitteschön ist neu daran? Emily also trifft Sam. Er ist ein begabter Musiker, wenn auch ungeschult wegen seiner chaotischen Familienverhältnisse. Sein Vater ist ein psychisch kranker Krimineller und dient zu Gruseleffekten, der kleine Bruder Riddle asthmakrank und durch das unstete Leben, das sie mit dem gewalttätigen Vater führen müssen, traumatisiert. Natürlich verschweigt Sam Emily dieses alles, er schämt sich und fürchtet sich gleichermaßen. Emily, haltlos verliebt, sieht nur Sam und hat das Denken weitgehend eingestellt. Emilys Eltern, misstrauisch aber liberal, zeigen sich offen und entwickeln bald Zuneigung zu Sam und dem kleinen seltsamen Jungen, den er immer mitbringt.

 

Störend auf die aufkeimende Familienidylle wirkt sich aber nicht nur Sams gefährlicher Vater, sondern auch ein Schulfreund von Emily aus, der seinerseits in sie verliebt ist und sie für sich haben möchte. Neugier, Misstrauen, Egoismen, Wahnsinn, Zuneigung, Abneigung, Eifersucht und Großzügigkeit wechseln sich immer rascher im Denken und Handeln der Personen ab. Kleinste Gesten haben große Folgen. Aber wer denkt schon nach, wenn er oder sie verliebt, ängstlich, überglücklich oder wütend ist? Zur Diskussion gestellt wird keines der Stereotype, es wird freundlich auf Nächstenliebe gesetzt.

 

Optische Täuschung

Erzählt wird in einem vorgeblich sachlichen Berichtston, wie bei einer Doku-Soap etwa. Das verwundert nicht, ist Sloan von Haus aus doch Drehbuchautorin. Die auftretenden Personen, vor allem die zahlreichen Nebenfiguren, werden mit kurzen Lebensläufen und Einschätzung ihres Wesens vorgestellt, um die jeweilige Logik ihres Handelns zu verdeutlichen. Das liest sich ungewöhnlich und macht wirklich Spaß, sogar schon ohne die Komik, die Sloan geschickt untermischt und immer wieder auftischt.

 

Ob die ganze, recht verrückte Handlung dem Glück oder dem Zufall geschuldet ist, steht als große Frage immer im Hintergrund. Da denkerisch Konventionelles und ebenso konventionell Emotionales das Konstrukt bestimmen, sieht man aber zu leicht darüber hinweg, dass das Ganze nur gelingen konnte, weil das, was in dem Roman ein Abbild der zahllosen Facetten des Lebens sein soll, von der Autorin so aufgebaut wurde, dass am Ende eben alles zusammenstimmt. Das ist Blick auf einen Laboraufbau, nicht auf die Realität. Die Geschichte von Emily und Sam hat mit dem Leben soviel zu tun, wie ein Gummibärchen mit einem Butterbrot. Natürlich gibt es auch Filmmusik, I’ll be there von den Jackson Five spielt unablässig im Hintergrund.

 

Der Roman ist ein groß angelegtes Täuschungsmanöver, hier geht es nicht um Philosophisches, sondern um Gefühle. Die Bilder, von denen es viele gibt – die Autorin denkt streckenweise ausgesprochen stark in Filmszenen –, sind altbekannt. Die Gefühle, die sie wecken sollen, ebenso. Die Geschichte ist ein klassisches Trompe l’oeil in Buchform und erweist sich am Ende einfach als gut erzähltes hochromantisches Märchen zum Schwelgen. Denken ist hier sicher nicht gefragt. Ein Kuschelbuch, mit charmantem Selbstbewusstsein präsentiert.

 

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