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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 16:56

    Craig Silvey: Wer hat Angst vor Jasper Jones?

    10.09.2012

    Vom Ende einer Kindheit

    Der 13jährige Charlie Bucktin ist ein aufgeweckter Junge, der davon träumt, Schriftsteller zu werden. Schmächtig, mit Brille und einer Insektenphobie verkörpert er nicht gerade einen Helden. Warum soll ausgerechnet er Jasper Jones helfen können? Von ANDREA WANNER

     

    In den 1930er Jahren wird in einer kleinen Stadt in Alabama ein Schwarzer beschuldigt, eine junge weiße Frau vergewaltigt zu haben. Der Abgeordnete und Anwalt Atticus Finch wird zum Pflichtverteidiger bestellt und versucht, inmitten der intoleranten Welt des bornierten Rassismus die Wahrheit ans Licht zu bringen. Harper Lees 1961 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Roman ist nicht nur das Lieblingsbuch von Charles, sondern dient gewissermaßen als Schablone für die Ereignisse, die im Jahr 1965 über das australische Bergarbeiterstädtchen Corrigan hereinbrechen.

     

    Dort klopft mitten in der Nacht eines drückend heißen Sommers der Außenseiter Jasper Jones an das Fenster von Charlie und bittet ihn um Hilfe. Jasper steht als Halbwaise mit einer früh verstorbenen Aborigine-Mutter und einem Säufer als Vater außerhalb der Gesellschaft. Geduldet wird er nur im Team der Footballmannschaft, ansonsten ist der nur ein Jahr ältere Junge das vielzitierte mahnende Beispiel, wie tief ein Mensch sinken kann, dem alles, was in Corrigan geschieht, in die Schuhe geschoben wird. Und jetzt sucht er Hilfe.

     

    Ein grausiger Fund

    Ohne Ahnung, was auf ihn zukommt, und irgendwie auch geschmeichelt, stiehlt sich Charlie von zu Hause fort und folgt Jasper an dessen geheimen Platz, einer paradiesischen Lichtung mitten im Wald. Was er dort findet, übersteigt seine schlimmsten Befürchtungen: ein totes Mädchen im Spitzennachthemd hängt mit einem Seil um den Hals am Ast eines riesigen Jarrah-Baumes. Laura Wishart ist tot, ihr Gesicht voller blauer Flecke und Blut. Jasper gelingt es, Charlie davon zu überzeugen, den Leichnam des Mädchens verschwinden zu lassen, weil er weiß, dass andernfalls ihm die Tat in die Schuhe geschoben würde. Jasper war mit Laura befreundet, sie hatten sich heimlich an diesem, Jaspers Ort und eigentlichem Zuhause getroffen; sie hängt an dem Seil, das ihm gehört. Die einzige Chance, die dem verzweifelten Jungen bleibt, ist gemeinsam mit Charlie den wahren Täter zu finden. Der lässt sich darauf ein, bereits ahnend, wie sehr in das entsetzliche Geheimnis, das er mit keinem außer Jasper Jones teilt, quälen wird.

     

    Ein mörderischer Sommer

    Es ist dieser Sommer, der alles verändert, der den Dingen die Unschuld raubt, der Charlie hinter die Fassaden wohlgehüteter Geheimnisse blicken lässt. Auf die Suche nach der Antwort, nach dem Warum beschäftigt er sich mit anderen Gräueltaten, deren furchtbare Details er den Zeitungsberichten entnimmt. Es ist aber auch der Sommer, in dem er Eliza, der jüngeren Schwester der toten Laura, näher kommt, der gegenüber er sich voll schamhafter Schuld nicht richtig zu verhalten weiß. Es ist der Sommer, in dem in Vietnam noch immer der Krieg tobt und auch australische Soldaten fallen und in dem die vietnamesische Nachbarsfamilie die Wut der Bürger trifft und sein bester Freund Jeffrey Lu Niederlagen und Siege erleidet. Es ist der Sommer, in dem der Machtkampf zwischen Charlie und seiner Mutter ihren endgültigen Höhepunkt erlebt und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn in eine neue Balance kommt.

     

    Von diesen Veränderungen erzählt Charlie mit einem feinen Gespür für Subtiles, mit einem untrüglichen Sinn für Lügen, mit vielen Fragen und mit dem Mut, die Dinge zu entlarven. Dass dies nicht die Sprache und Reflektionsfähigkeit eines knapp 14jährigen ist, dass die tatsächlich naive Annäherung an die Ereignisse einer ebenso wortgewandten wie ergreifenden Beschreibung und Analyse Platz macht, verzeiht man dem Buch schnell. Die Huckleberry-Finn-Anklänge (auch ein Lieblingsbuch von Charlie, so wie Mark Twain überhaupt ein Autor ist, der von ihm und seinem Vater, einem Literaturprofessor gleichermaßen geschätzt wird) verebben schnell, die jugendliche Unbefangenheit bei den Blödeleien mit Jeffrey wirken auf der anderen Seite nicht weniger authentisch als das philosophische Hinterfragen der Ereignisse, die kühnen Formulierungen und sprachgewaltigen Wortbilder. Es ist eines jener Bücher, das eine ungeheure Sogwirkung erzeugt. In Australien wurde der Roman nach seinem Erscheinen im Jahr 2009 mit Preisen überhäuft und die noch fehlende Wikipedia-Seite über den 1982 geborenen Autoren und Musiker Craig Silvey wird sicher nicht lange auf sich warten lassen.

     

    Es ist eine ungeheure Verschwörungsgeschichte, ein vielsträngiges Meisterwerk, das man an keiner Stelle aus der Hand legen kann und das erstaunlicherweise der Vielzahl seiner Themen und Problematiken scheinbar mühelos gerecht wird. Vielleicht hätte man sich gewünscht, dass auch im Deutschen auf die merkwürdige Anspielung auf das Stück Wer hat Angst vor Virginia Woolf des US-amerikanischen Dramatikers Edward Albee verzichtet worden wäre, sondern, dass wie im Original, der schlichte Name eines der drei Helden genügt hätte: Jasper Jones. Wobei auch Charlie Bucktin, der mit leeren Taschen dasteht, in einer Stadt »in der Sport die soziale Währung darstellt« und tatsächlich über sich selbst hinauswächst oder Jeffrey Lu, der stoische Cricket-Spieler, schlichtweg unvergessene Helden sind.

     

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