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Johanna Thydell: Entschuldigung, dass man ein bisschen geliebt werden will

09.07.2012

Erwachsenwerden mit Hindernissen

Was soll man nur tun, wenn man 17 ist und so normal, dass man gar niemandem auffällt. Nora Jonasson ist wunschlos unglücklich, glaubt nicht daran, dass sich in ihrem ereignislosen Leben je etwas ändern wird – und irrt sich. ANDREA WANNER hat ihr zugehört.

 

»Und ich bin Nora. Es geht mir eigentlich, könnte man sagen, ziemlich gut.« Objektiv gesehen vielleicht, denn an Noras Leben ist auf den ersten Blick nichts auszusetzen. Alles ist normal. Total normal; und genau darin sieht Nora ihr Problem. Sie möchte so gern etwas Besonderes können, jemand Besonderes sein – oder jemanden finden, der sie dafür hält, für den sie jemand ganz Besonderes sein kann. Wie stellt man so was an? Nora erzählt, atemlos, assoziativ, ungeschminkt und – fast immer – ziemlich ehrlich. Aber manchmal ist auch das schwierig, ehrlich zu sein, vor allem zu sich selbst.

 

Durch Dick und Dünn

Die Schwedin Johanna Thydell, Jahrgang 1980, hat Film und Literatur an der Universität Stockholm studiert. Ihre Nähe zum Film spürt man Seite um Seite. Mit wenigen Sätzen, alle aus der Perspektive von Nora, skizziert sie Situationen, Orte und Personal. Es ist eine kleine Welt, in der Nora sich bewegt: Schule, Familie, Freundinnen. Davon gibt es vor allem zwei: Jossan und Lisa, ein unzertrennliches Kleeblatt seit Kindertagen, die alles miteinander unternommen haben, was Freundinnen gemeinsam tun. Auch die pubertäre Phase konnte der Freundschaft nichts anhaben, auch wenn Jossan sich engagiert und ihr Schwimmtraining absolviert und Lisa der Schwarm aller Jungs ist. Immer wieder verbünden sich die Drei gegen den Rest der Welt, trösten sich, helfen sich, retten sich. Und wenn es in dieser Freundschaft ein winziges Ungleichgewicht gibt, dann das, dass vor allem Nora und Lisa alles teilen.

 

Oder gibt es da unter der harmonischen Oberfläche doch so etwas wie Spuren von Neid und Eifersucht? Nora weist es weit von sich. Fast zu heftig, zu empört.

 

Der oder der oder der?

Und plötzlich tauchen in Noras männerlosem Leben gleich mehrere auf: Sylvester, der ihr Ibsens Nora schenkt und mit ihr in Französisch sitzt; Stoffe, der Freund ihres Bruders, den sie schon ewig kennt und der schon über 20 ist. Und Jacob, der Freund von Lisa. Irgendwie läuft alles aus dem Ruder und Nora verpasst die Frage an sich selbst, was sie denn eigentlich will.

 

Beim Lesen lernt man Nora ganz gut kennen, sieht sie in Sackgassen rennen, sich selbst von Dingen überzeugen, die sie so gar nicht will. Thydell findet die richtigen Worte für diese ungeordneten Gefühle, dieses Dazugehören- und Geliebtwerdenwollen – um jeden Preis.  Für ihr Buch An der Ecke leuchten die Sterne wurde sie mit dem August-Strindberg-Preis ausgezeichnet, dagegen ist Noras Geschichte unspektakulär. Wie wird man glücklich? Die Antworten auf diese banale, aber so existentielle Frage probiert Nora der Reihe nach aus – um am Ende vor einem Scherbenhaufen zu stehen und dabei irgendwie glücklicher zu sein, als zu dem Zeitpunkt als scheinbar alles noch in Ordnung war. Man nimmt es ihr ab.

 

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