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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 19:42

    Marit Kaldhol: Allein unter Schildkröten

    25.06.2012

    Das schwarze Loch

    Der Tod junger Menschen trifft besonders hart, sterben Junge durch eigene Hand macht das nahezu sprachlos. Marit Kaldhol gibt in Allein unter Schildkröten dem neunzehnjährigen Mikke Worte und eine besondere Stimme und schafft damit dem Thema, das unverändert nahezu ein Tabuthema ist, neuen Raum. Von MAGALI HEISSLER

     

    Mikke steht kurz vor dem Abitur. Er liebt Biologie und das bestimmt auch seinen Ausbildungswunsch, ein Biologie-Studium. Mikke liebt auch Siri, glücklich, wie sich herausstellt, schnell sind sie ein Paar. Er geht mit offenen Augen durch die Welt, interessiert sich für Umweltschutz und Tierschutz. Er bemüht sich, soziale Verantwortung zu zeigen, mehrmals in der Woche kümmert er sich intensiv um Sverre, einen jungen Mann mit Down-Syndrom, der für Mikke zuweilen eine Art kleiner Bruder ist, an dem er gleichermaßen herumerzieht, wie er mit ihm herumalbern kann.

    Nicht glücklich ist Mikke darüber, dass sein Vater ihn und seine Mutter vor vielen Jahren verlassen hat. Dass Liebe enden kann, kann Mikke nicht fassen, es verstört ihn. Die Verstörung wächst, langsam wird die Welt bedrohlich und dunkler. Am Ende ist alles so dunkel, dass Mikke keine Möglichkeit mehr sieht, in der allumfassenden Dunkelheit weiterzuleben.

     

    Hinter der gläsernen Scheibe

    Die erste Hälfte des gerade 134 Seiten langen Romans besteht aus Tagebucheinträgen Mikkes, sie beschreiben seine letzten Monate. Auf den ersten Blick scheinen es Augenblickseingebungen zu sein, Gedanken und Gedankenfragmente, die so perfekt und bestechend präzis formuliert sind, dass man die dahinterstehenden wachsende Sprachlosigkeit völlig überlesen kann. Überlesen wird man zunächst auch die kleinen Signale für Mikes tatsächlichen Zustand, er leidet an einer Form von Depression, die ihn immer stärker beherrscht. Er wird empfindlicher, ängstlicher. Jede Erkenntnis über die vielfältigen Formen des Lebens zeigen ihm nur seine Zerbrechlichkeit. Atmen – nicht mehr atmen, die Anpassungsfähigkeit von Tieren an eine immer feindlicher werdende Umwelt, nur um am Ende vom Menschen ausgerottet zu werden. Stundenlang kann er Meeresschildkröten auf dem Bildschirm zusehen, beherrscht von der Erkenntnis, dass es sie möglicherweise bald nicht mehr geben wird. So, wie sich die Tiere auf dem Bildschirm oder hinter den Scheiben eines Aquariums bewegen, bewegt sich bald Mikke durch die Welt, abgeschottet, abgeschlossen. am Ende auch von den verfolgten Kreaturen, denen er sich zunächst zugehörig fühlte. Hinter dickem Glas hört man seine Worte nicht, aber auch er kann andere nicht mehr hören.

    Dass sich seine Eltern getrennt haben, ein altes Wissen, versetzt ihn schließlich in solche Panik, dass er sich von Siri trennt. Schimpft er mit Sverre, kommt er sich wie in Monster vor, selbst wenn er Grund zum Schimpfen hatte. Mikke verliert jedes Maß.

    Liest man seine Tagebucheinträge langsam und genau, spürt man eben das beklemmende Gefühl aufsteigen, das Mikke erfasst haben muss. Trotzdem bleibt er uns fern. Das ist schriftstellerisch gelungen, aber hartes Brot gerade für eine jugendliche LeserInnenschaft.

     

    Ein Requiem

    Der zweite Teil des Buchs zeigt die Reaktionen auf Mikes Selbsttötung. Zuerst hören wir Mikkes Mutter. Schmerz und Trauer springen einem aus den Seiten entgegen, zum Teil mit solcher Wucht, dass man eine Weile braucht, bis sich man begreift, wie sich allmählich die Geschichte seiner Eltern herauskristallisiert. Hier gibt es den einen oder anderen Hinweis auf einen möglichen Grund von Mikkes Depression. Siri spricht, Mikkes Stiefvater, Schulfreunde, am Ende auch Sverre. Tatsächlich aber bietet Kaldhol keine Lösung. Als LeserIn bleibt man ebenso hilflos, wie die, die um Mikke trauern.

    Die Autorin selbst hat das Thema gewählt, weil sie es als gesellschaftliches Problem ansieht. ›Mikke‹ ist kein Einzelfall einer Selbsttötung eines jungen Mannes, ohne erkennbaren Grund und ohne Erklärung. Dennoch gibt es Ansatzpunkte, die Fragen aufkommen lassen. Siri etwa, die Mikke nach eigenem Bekunden sehr liebte, nahm die Trennung hin, von einem Moment zum nächsten. Als Mikke einige Tage nicht in der Schule auftaucht, meldet sich keine und keiner bei ihm, um nachzufragen, wie es steht. Kann man heute nicht mehr unterscheiden, was Einmischung und was einfaches Sozialverhalten ist? Der kurze Text ist reich an solchen Ansatzpunkten für ausgiebige Diskussionen. Den Leserinnen und Lesern bleibt sehr viel selbst überlassen.

     

    Ein wenig zu viel, möchte man sagen. Gerade der zweite Teil ist so wunderschön poetisch formuliert, dass die Trauer nahezu schön wird, ein klassisches Requiem in nahezu vollendeter Harmonie aller Stimmen. Hier fehlen sämtliche Widerhaken, der Zorn, Schuldzuweisungen, Vorwürfe, das schlechte Gewissen und noch mehr Zorn. Eigentlich ergeben sich die, die von Mikes Tod getroffen werden, diesem Schicksal ebenso demütig, wie sich Mikke wehrlos in das seine ziehen lässt.

     

    Wie beschreibt man das Unbeschreibbare? Kaldhols Buch ist ein Ansatz. Es liegt an den Leserinnen und Lesern, alles aus dem Text herausholen, in dem sie sich Satz für Satz an ihm reiben. Mühsam, gewiss. Aber mit einem sehr wichtigen Buch zu einem wenig behandelten Thema.

     

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