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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 19:46

    Rolf Lappert: Pampa Blues

    11.06.2012

    Ein unmodernes Märchen

    Unter den Hinterlassenschaften des heftigen Zusammenpralls von DDR und BRD befinden sich auch verödete Landstriche im Osten, die in letzter Zeit vermehrt herhalten müssen, um einen passenden Hintergrund für die Sinnsuche pubertierender Romanfiguren abzugeben. Weite, Stille, Leere werden wenig anspruchsvolle Sinnbilder für jugendliche Orientierungslosigkeit, aber auch einfallslose Möglichkeit, im hohen Gras der vermeintlich endlosen Steppe das Pflänzchen Hoffnung zu finden, wie die weiland Romantiker die blaue Blume. Rolf Lappert läßt in seinem Jugendroman Pampa Blues einen knapp Siebzehnjährigen nach dem Sinn seines Daseins forschen. MAGALI HEISSLER hat sich gefragt, was das soll.

     

    Ben lebt bei seinem Großvater auf dem platten Land, in den Resten dessen, was einmal die blühende Gemeinde Wingroden in Mecklenburg war. Ben ist Halbwaise, sein Vater, Mitarbeiter eines Zoos, starb bei einem Flugzeugabsturz in Afrika. Seine Mutter ist Sängerin bei einer kleinen Band und tourt durch Europa, der verwitwete Großvater braucht Betreuung, weil er an einer leichten Form von Demenz leidet. Da er Gärtnermeister war, wird Ben kurzerhand Lehrling bei ihm, obwohl er sich viel lieber und viel öfter Motoren widmet, als Pflanzen und Blumen. Freizeit verbringt er samt Großvater auch in der Dorfkneipe mit einer Handvoll anderer Männer, die noch im Dorf leben.

     

    Außer ihnen gibt es noch Anna, die den Laden betreut, sowie einen kriegstraumatisierten Flüchtling aus Russland, mit dem sie zusammenlebt. Der wichtigste Mann im Dorf ist Maslow, der Besitzer der Kneipe. Sein Herzenswunsch ist es, aus Wingroden wieder einen bedeutenden Ort zu machen. Alle Versuche aber schlugen bislang fehl. Nun hat Maslow eine neue Idee, die größte von allen. Für ihre Verwirklichung braucht er Ben, aber der ist nicht begeistert davon. Als unvermutet Lena auftaucht, ändert sich das. Während Maslow schon vom Gelingen seines verrücktesten Plans überzeugt ist, denkt Ben vor allem an Lena. Dann passiert ein Mord und das ist der Anfang einer Geschichte, die sich nicht einmal Maslow hätte ausdenken können.

     

    Kunststoff mit Zuckerguss

    »Ich hasse mein Leben«, lässt Lappert seinen Protagonisten gleich am Anfang sagen. Es wundert einen wenig, zieht man den jugendlichen Überschwang ab. Ben sitzt in der Falle. Er lebt mit einem 82jährigen, den er fast rund um die Uhr betreuen muss, der Rest der Dorfbewohner gehört überwiegend der Elterngeneration an. Ben als Gärtnerlehrling muss zwar nur zu Prüfungen in der nächstgelegenen Stadt erscheinen, Kontakt zu Gleichaltrigen hat er nicht. Seine Mutter, immer auf einen Durchbruch als Sängerin hoffend, verschiebt ihr Kommen wieder und wieder. Ben ist einsam. Er vermisst seine Eltern, besonders seinen Vater. Afrika, wo sein Vater umkam, ist sein Traumland, er bastelt an einem alten VW-Bus, mit dem er sich eines Tages dorthin auf den Weg machen will.

     

    Zugleich ist Ben aber durchaus zufrieden mit seinem Dasein und den Freiheiten, die er darin genießt. Zum Widerstand, zur Gegenwehr, allein zum Widerspruch kommt es nie. Er ist friedlich, defensiv, nachgiebig bis zur Selbstaufgabe. Der Hass des Anfangssatzes klingt nur markig, im Lauf der Geschichte stellt sich heraus, dass Ben zu einem so starken Gefühl gar nicht fähig ist. Ben ist eher ein Plüschteddy als ein Protagonist, zu gut, um wahr zu sein.

     

    Übergroß sind auch die wichtigsten übrigen Figuren. Lappert verteilt Skurriles, ein Klecks da, ein Happen dort, statt zu charakterisieren, die Figuren werden rasch zu Typen. Es gibt ein wenig Komik, viel Dekoration, aber keine Reibung. Es liest sich schön, es ist alles sehr, sehr nett. Herz gibt es auch, jedoch ebenso künstlich und zuckrig, wie der Rest.

     

    Auf Katzenpfötchen

    Die Geschichte ist ein Traum stracks aus dem nächsten professionell dekorierten Schaufenster, von einem Hochglanz-Werbeplakat herunter oder von der Kino-Leinwand. Nicht wenige Szenen scheinen für die laufende Kamera arrangiert. Insgesamt wirkt die Geschichte wie ein künstlich belebtes Bild.

     

    Eigentlich enthält die Geschichte alle Ingredienzen für einen Jugendroman, in dem über Themen diskutiert wird, die wichtig sind für Jugendliche, aber der Autor schreibt zielstrebig an den Problemen vorbei. Die Verantwortungslosigkeit der Mutter, die einem knapp Siebzehnjährigen die Fürsorge für einen alten Mann aufbürdet, der Einfluss des leicht größenwahnsinnigen Nostalgikers Maslow, Bens immer noch starke Trauer um seinen Vater, die schwierige Frage der ersten Liebe, nichts davon wird durchgesprochen. Alles dient nur anmutigst zur Dekoration. Das wird besonders fragwürdig, wenn etwa der Tschetschenien-Krieg anklingt.

     

    Lena mit ihrer Mission, über die man gut diskutieren könnte, wird nur zu einer weiteren Figur, die im Leben des braven Ben eine Gott-gleiche Funktion bekommt. Das Problem, das Lena Ben stellt, ist unfair und de facto höchst ärgerlich. Die Lösung, die der Autor bietet, betont nur Bens Einsamkeit und seine völlige Hilflosigkeit, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen. Sie macht ihn keineswegs erwachsen und reif, auch wenn das so dargestellt wird.

     

    Die Verliebtheit zwischen Ben und Lena ist gleich dermaßen zart beschrieben, dass man sich fragt, in welchem Jahr dieses Buch eigentlich entstanden ist. Wie um die anderen Probleme tanzt der Autor auf Katzenpfötchen um die Frage Sex herum. Wichtig ist ohnehin nur die große Liebe, die dann aber wieder direkt aus dem Kino stammt, und eben nichts mit dem Leben zu tun hat.

     

    Überzeugend gestaltet ist eigentlich nur die Figur des Großvaters und die Beziehung zwischen Ben und ihm. Aber auch diese ausgezeichnet gelungene Darstellung zerstört der Autor in einem zwar zum ganzen Zuckergebäck passenden, aber eben kitschigen Schluss. Am Ende haben wir Ben in der vertrauten Position, immer noch in Wingroden, immer noch von Afrika träumend, immer noch dabei, punktgenau zu erfüllen, was andere von ihm wollen, und überdies freundlich wartend, dass sich Lena irgendwann besinnt. Den Siebzehnjährigen möchte ich sehen!

     

    Lieb gemeint, nett erzählt, aber wirklich kein Thema.

     

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