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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 10:51

    Megan Frazer: Von Wahrheit, Schönheit und Ziegenkäse

    04.06.2012

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    Dass man sich mit knapp siebzehn Gedanken über die Zukunft macht, ist normal. Dass sich dabei herausstellt, dass Gedanken über die Vergangenheit wichtiger sind, weniger. So etwas bringt beträchtliche Konflikte in der Gegenwart. Aus der Grundkonstellation hätte ein guter Jugendroman werden können, hätte Megan Frazer in ihrem Debütroman Von Wahrheit, Schönheit und Ziegenkäse etwas weniger auf die Farbe Rosa Rücksicht genommen. Von MAGALI HEISSLER

     

    Dara besucht die vorletzte Klasse einer vornehmen Privatschule. Sie ist eine sehr gute Schülerin und recht beliebt, allerdings gibt es ein Problem. Dara ist zu dick. Findet sie. Vor allem aber findet es ihre Mutter. Und da liegt Daras zweites Problem. Das Wort der Mutter ist Gesetz. Ohne Mutters Lenkung geht in Daras Leben gar nichts. Dara jedoch hat keine Ahnung, wie und ob sie sich überhaupt zur Wehr setzen kann. Früher hat sie sich doch mit ihrer Mutter prima verstanden, damals, als sie ein süßes kleines Mädchen war und eine Kinder-Miss-Wahl gewonnen hat.

    Als sie für ein Schulprojekt ihr Dicksein kritisch vorstellt, wird ihr erster Ansatz zur Gegenwehr umgehend als psychische Störung diagnostiziert. Dara wünscht sich weit weg. Zu Hilfe kommt ihr ein Familiengeheimnis, über das sie als Kind einmal zufällig gestolpert ist. Tatsächlich hat sie eine ältere Schwester, die ihre Eltern aus der Familie verbannt haben. Die Gründe hat Dara nie erfahren. Mit ungewohnter Entschlossenheit findet sie heraus, wo ihre Schwester lebt und macht sich auf, sie zu besuchen.

    Was sie findet, ist eine völlig neue Welt. Rachel lebt auf einer Farm im ländlichen Massachusetts, sie betreibt eine Ziegenzucht und eine Käserei. Darüber hinaus hat die Farm aber noch eine besondere Geschichte, mit der Dara nie gerechnet hätte.

     

    Ein Häppchen von allem und jedem

    Konflikte gibt es reichlich in diesem Jugendbuch. Es geht nicht nur um Mutter-Tochter-Verhältnisse, um Familiengefüge und Geschwisterproblematik, Frazer wartet auch noch mit Fragen zu Schönheitsidealen am Beispiel von Miss-Wahlen, erster Liebe und alter Liebe, Selbstfindung, Psychotherapie und Homosexualität auf, weiblicher und männlicher. Vermischt wird das alles mit handelsüblicher Teenager-Romantik à la USA, interessanten – wenn auch nicht in diesem Zusammenhang – Details zur Ziegenhaltung und Herstellung von Ziegenkäse, sowie ein paar Rezepttipps vornehmlich zur politisch korrekten vegetarischen Ernährung. Hat man die 380 Seiten dieses Buchs hinter sich gebracht, hat man mehrere Welten umsegelt. Gelandet ist man leider nirgends so recht.

    Hier fehlt einfach der Fokus. Die auftretenden Personen sind allesamt liebenswürdig, negative Charakterisierungen liegen der Autorin deutlich nicht. Sie versucht es mit der Mutterfigur, aber diese gerät nur stereotyp kaltherzig, der Vater schwächlich. Die Konflikte der Vergangenheit werden nicht aufgenommen, weil die Autorin viel zu sehr damit beschäftigt ist, ihre Hauptfigur, an der sie sichtlich hängt, in immer neue Kostüme zu stecken und zurück auf die Bühne zu schicken, am Ende wieder auf die einer Miss-Wahl.

     

    Make your own kind of music?

    Befreiend für Dara wird die Entdeckung des Klassikers Make your own kind of music von Cass Elliot. Es wäre dem Buch gut bekommen, hätte sich die Autorin Gedanken darüber gemacht, was dieses ganz persönliche Lied denn sein soll. Genau besehen singt Dara eben kein eigenes Lied, sondern nimmt ein altes auf. Sie singt es auf ihre Weise, aber im vorgegebenen Rahmen, dessen Grenzpfähle auch nicht einen Millimeter verrutschen. Am Ende weiß sie, was sie studieren wird, ihre Eltern werden das Studium bezahlen. Sie hat ein neues Heim gefunden, sie muss sich nicht durchschlagen, sie ist nicht allein. Der Ablauf, den die Autorin gewählt hat, ist blanker Hohn angesichts des Liedtexts, auf den mehrfach stolz verwiesen wird. Hohn ist auch, wenn in einem Roman aus dem Jahr 2009 eine Frau ihr Aussehen unverändert danach bemisst, was ein Mann ihr sagt. Der neue Mann in Daras Leben findet sie schön, also findet sie sich auch schön. Ein anderer Mann rät ihr, ein wenig abzunehmen, auch das wird befolgt.

    Sanfte Hinweise auf den de facto grausamen Umgang mit Homosexuellen genügen ebenfalls nicht, vor allem, weil die Autorin geradezu obsessiv Leiden ihrer Figuren mit Positiva abpuffert. Owen, der schwule Gleichaltrige, den Dara auf der Farm trifft, wurde zwar von seinen Eltern aus dem Haus geworfen, hat aber in der Kleinstadt wenig Probleme, auf der Farm ein neues Zuhause, eine Collegezukunft, die seine Eltern zähneknirschend dann doch finanzieren, sieht zudem hinreißend aus und wird Daras bester Berater in Schönheitsfragen. Rachels Leben entspräche dem Plot am ehesten, aber sie ist Nebenfigur. Sie durchlitt, was Dara nur in Ansätzen zugemutet werden darf. Hier fehlt einfach schriftstellerischer Mut. Authentisch ist im Übrigen keine der Figuren.

     

    Herausgekommen bei der ganzen Mühe ist ein Romänchen, in dem Probleme zu Problemchen heruntergeschrieben wurden. Ein Windhauch im Himbeersaftglas. Gibt es von der Sorte Jugendbuch nicht schon mehr als genug?

     

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