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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 10:53

    Seita Parkkola: Wir können alles verlieren. Oder gewinnen

    23.05.2012

    Galgenmännchen auf Finnisch

    Freiheitsdrang und Träume können riskant sein. Wie riskant, muss der 12jährige Taifun erfahren, der zu seinem eigenen Besten in eine besondere Schule geschickt wird, dem Haus der Möglichkeiten. ANDREA WANNER war gespannt auf das finnische Jugendbuch.

     

    »Ich heiße Taifun und bin zwölf.« Unspektakulär beginnt der 12jährige seine Geschichte und stellt gleich klar: »Ich bin sicher kein schlechter Junge. Aber ein guter bin ich auch nicht.« Die Frage, was gut und was schlecht ist, steht zunächst offen im Raum. Klar ist, dass Taifun in eine Schule soll, die als letzte Möglichkeit für schwierige Kinder und Jugendliche gilt. Was danach kommt, ist der Knast. Was also hat er getan und was wird er aus seiner Chance machen. Neugierig begleitet man den leidenschaftlichen Skater auf seinem Weg in die neue Bildungsanstalt.

     

    Eine Besserungsanstalt

    Was Taifun erwartet, übertrifft seine schlimmsten Erwartungen. Es geht um seine »Möglichkeiten«, um seine »Zukunft«. Was geschieht, ist, dass ihm zunächst sein Skateboard abgenommen wird, sein wahrgewordener Traum vom Fliegen. Was folgt, ist die Unterbringung in einer Klasse, die aus verschworenen Denunzianten zu bestehen scheint und ein ausgeklügeltes Bestrafungssystem, das ebenso perfide wie effizient ist und an die berüchtigten Bootcamps erinnert, in denen es letztlich um die Umerziehung der Schwierigsten geht, darum, ihren – bösen – Willen zu brechen. Dazu dient auch das, was Taifun bisher als harmloses Spiel kannte: Galgenmännchen. Was es damit im Haus der Möglichkeiten auf sich hat, ist allerdings etwas ganz anderes.

     

    Was Taifun getan hat, um dort zu landen, erscheint lächerlich harmlos. Er ist ein paar Mal am Bahnhof in Züge eingestiegen. Nicht um wirklich auszureißen, sondern um das Gefühl der Freiheit zu genießen – und vielleicht ein bisschen, um seinem schwierigen Alltag zu entfliehen. Der ist geprägt vom Streit seiner geschiedenen Eltern, einem hilflosen Vater, der im Schatten seiner neuen Partnerin steht, und einer lebensuntüchtigen Mutter, die Brautkleider näht und von einem Leben träumt, das zu beginnen sie nicht den Mut hat.

     

    Nur eine Parabel

    Die finnische Autorin Seita Parkkola schafft eine packende Exposition. Sie entwirft das Schicksal eines Jungen in einer nicht näher definierten Zukunft, das aus den Bahnen zu geraten droht. Zumindest sieht das die Gesellschaft so. Der Drang nach Unabhängigkeit und Freiheit muss in Grenzen gehalten werden. Niemand verkörpert dieses restriktive Erziehungssystem so wie die neue Freundin von Taifuns Vater, Ira Frost, die gleichzeitig die Schulpsychologin im Haus der Möglichkeiten ist.

     

    Als erfahrener Leser sollte man an dieser Stelle bereits misstrauisch werden. »Taifun«, also »Wirbelsturm« lautet der Name des Helden, seine Gegenspielerin Ira »Frost« vereinigt eisige Kälte im Nachnamen mit dem aus dem Lateinischen stammenden »Zorn«: eine, wie sich noch herausstellen wird, Kinder hassende Person, die aus ihrer eigenen Tochter Mona ein kleines Monster gemacht hat. Warum sind diese Namen so mit Bedeutung aufgeladen? Spät wird klar, dass die Spannung um das Schicksal eines Jungen verwendet wird, um allgemeine ethische Grundsätze und Erziehungsvorstellungen zu diskutieren. Taifuns Geschichte dient als ein Beispiel. Und so wundert es nicht, wenn sie schnell ins Fantastische abdriftet.

     

    Wer sich auf Taifun und seine Geschichte einlässt, stolpert mit Gänsehaut in ein Horrorszenarium, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint, bis – ja, bis India auftaucht. Auch sie weniger ein Mädchen aus Fleisch und Blut sondern eine Idee, der Gegenentwurf zu jenem freiheits- und individualitätsraubendem System, in das Taifun geraten ist.

     

    Wie geht man mit so einem Buch um? Es zieht einen magisch in ein vermeintliches Abenteuer, wartet mit Spannung und Grusel auf, weckt Emotionen- und lässt einen irgendwann fallen. Schade, denn eigentlich kann Seita Parkkola erzählen. Sie entwirft in knappen Sätzen ungewöhnliche Szenarien, die man nicht so schnell vergisst. Aber sie warnt an keiner Stelle davor, dass sie das realistisch Begonnene, das dann merkwürdig viele Ungereimtheiten aufweist, nicht auflösen kann. Komisch, dass man Taifun trotzdem am Ende ungern aus dem Blick verliert und ihm alles Gute für seine Zukunft wünscht – wie auch immer die aussehen mag, in einem System, das solche Schulen möglich macht.

     

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