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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 19:37

    Molope, Kagiso Lesego: Im Schatten des Zitronenbaums

    07.05.2012

    Vergangen, aber nicht vorbei

    Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen Lebensbedingungen, für die sie stand, nahezu vergessen. Kagiso Lesego Molope führt die Leserinnen in ihrem knapp gehaltenen Jugendbuch Unter dem Zitronenbaum an der Seite der dreizehnjährigen Tshidiso in die schwierige, aber hoffnungsvolle Endphase der offiziellen Apartheid 1989/90. Von MAGALI HEISSLER

     

    Der Zitronenbaum des deutschen Titels steht vor dem Eckhaus, in dem die Tshidiso wohnt. Das Geäst des dicht belaubten Baums bietet Tshidiso einen geschützten Platz, von dem aus sie die Welt um sie herum betrachtet. Diese Welt ist zunächst die enge Nachbarschaft in der Township von Johannesburg, in der Tshidiso aufwächst. Die Nachbarinnen und Nachbarn beäugen sie mit Misstrauen und Abwehr, denn der Haushalt, in dem sie lebt, gilt als seltsam. Es ist ein reiner Frauenhaushalt, bestehend aus drei Schwestern, eine davon Tshidisos Mutter. Die drei kümmern sich nicht im mindesten um das, was sich gehört, sie leben das Leben unabhängiger, selbstbestimmter Frauen, zahlen dafür aber mit Ausgrenzung. Das ändert sich erst, als mit den politischen Umwälzungen auch die sozialen Verhältnisse im Land anders werden. Zur Überraschung aller beschließen Tanten und Mutter, daß Tshidiso in Zukunft eine Schule besuchen wird, in der Mädchen aller vier nach den Apartheidsgesetzen festgelegten ‚Rassen’, schwarze, weiße, farbige und asiatische, gemeinsam unterrichtet werden. Tshidiso ist außer sich, vor Freude und Angst gleichermaßen.

     

    Neuer Anfang - alte Wunden

    Der Anfang ist hoffnungsvoll. Die neue Schule ist eine katholische Schule, das dazugehörige religiöse Bekenntnis nimmt Tshidisos Familie problemlos an. Wenn eine neue Zeit anbricht, muss man sich eben neu orientieren. Die eigenen Überzeugungen gibt man deswegen nicht auf, richtig denkt, wer ergänzend denkt, nicht ausschließend. Einer der vielen Winke in Richtung Apartheid, die die Autorin ebenso einfallsreich wie hemmungslos in ihrer Geschichte verankert.

    Ein weit größeres Problem ist die Verpflichtung, im Unterricht, wie auf dem gesamten Schulgelände englisch zu sprechen. Diese eherne Schulregel soll der Integration dienen. Unsere Heldin macht sie vor allem sprachlos, eine weitere sehr deutliche Aussage der Autorin zu diesem Thema. In ihren Mitschülerinnen entdeckt Tshidiso die Welt in einer Vielfalt, die sie bislang höchstens aus dem Fernsehen kannte. Weiße Mädchen, indische Mädchen, Mädchen, schwarz, wie sie, aber aufgemacht und frisiert wie Weiße. Auch die Schuluniform kann die sozialen und ideologischen Hintergründe nicht verdecken.

    Wegen ihrer Schüchternheit bleibt Tshidiso lange Außenseiterin, ihre Schulbank gleicht dem Zitronenbaum. Dann gibt es beim Netzballspiel einen Streit unter den Schülerinnen, ein böses rassisstisches Schimpfwort fällt aus weißem Mund, eine schwarze Schülerin schlägt im Wortsinn zurück. Die Schule reagiert hart, ebenso die Presse. Die einzige, die das Unrecht aufklären kann, ist Tshidiso. Aber es ist schwer, vom Zitronenbaum herunterzuklettern, wenn man sich so lang dort oben versteckt hat.

     

    Von draußen nach innen, von innen hinaus

    Das Spannungsverhältnis von Außen- und Innensicht bestimmt diese Geschichte, ihren Aufbau und die Charakterisierung der Hauptfiguren. Erzählt wird auf zwei Ebenen. Tshidiso berichtet als Ich-Erzählerin aus den Augen einer schüchternen und durch ihre Familienverhältnisse etwas weltfremden Dreizehnjährigen. Eine namenlose Stimme erzählt in unregelmäßigen Abständen die Familiengeschichte und gibt zugleich über Gründe und Reaktionen von Mutter und Tanten bei aktuellen Ereignissen Auskunft.

    Eingeschlossen und ausgeschlossen sind alle gleichermaßen, aus politischen Gründen, aus persönlichen Gründen, aus freier Entscheidung. Jede der auftretenden Figuren steht zugleich für einen bestimmten Typ in der Gesellschaft Südafrikas, Arbeitertöchter, Töchter von schwarzen Aufsteigern, von weißen Gewinnern der Apartheidsgesetze, von denen, die das Neue begrüßen, und denen, die es ängstlich ablehnen.

    Molopes Hauptfigur macht in ihrer Entwicklung beispielhaft Phasen der Unterdrückten durch, sich fernhalten, beobachten, reagieren, agieren und langsam selbständig werden. Sie ist dennoch sehr lebendig gezeichnet.

    Grundsätzlich ist ein bisschen viel in die doch kurze Geschichte gepackt, fast jeder einzelne Satz hat seinen eigenen Bezug zur Geschichte und Gesellschaft Südafrikas. Seien es die Vorurteile der Nachbarinnen über das Verhalten von Mutter und Tanten, Beschreibungen von Essen und Wohnung, Diskussionen unter Schülerinnen über Frisuren und Kleider, nichts davon ist unpolitisch bzw. nur vor dem Hintergrund der südafrikanischen Verhältnisse zu verstehen. Eine ungewöhnliche Art, sich an Jugendliche zu wenden. Ein kurzes Nachwort von Sonja Matheson liefert einige grundlegende Informationen zum Thema.

     

    Die beispielhafte Komplexität macht die Lektüre etwas holprig. Trotzdem ist man ausgezeichnet beraten, wenn man sich auf dieses Buch einlässt.

     

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