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    TITEL kulturmagazin
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    Patrycja Spychalski: Ich würde dich so gerne küssen

    23.04.2012

    Schwebezustand

    Flirt, Verliebtheit, Liebe, wer weiß schon so genau, wo das eine anfängt, aufhört und das andere beginnt. Im Handumdrehen ist man hineingerutscht in dieses Gewirr aus mehr oder weniger fassbaren Gefühlen für einen anderen Menschen. Es ist Spielerei und Spiel, plötzlich ganz realistisch, im nächsten Augenblick flüchtig wie ein Windhauch. Manchmal wünscht man sich, der ungewisse Zustand möge für immer anhalten, manchmal will man Entscheidungen und klare Verhältnisse. In ihrem ersten Roman Ich würde dich so gerne küssen versucht Patrycia Spychalski eben diesen Zustand zwischen Träumen und Wachen zu beschreiben. Von MAGALI HEISSLER

     

    Frieda trifft Jeffer am Tag ihres siebzehnten Geburtstags. Sie ist mit Maja unterwegs, ihrer etwas älteren Freundin und das genaue Gegenteil der stillen, fast schüchternen und noch ein wenig kindlichen Frieda. Maja weiß, wo etwas los ist, was man anzieht, sagt, kennt die Szene. Und sie kennt Jeffer, den Gutaussehenden, Geheimnisvollen, viel Umschwärmten. Frieda weiß nicht, wie ihr geschieht, als Jeffer ausgerechnet sie mit zu sich nach Hause nimmt.

    In seiner kleinen Wohnung macht Frieda Bekanntschaft mit einer neuen Welt. Das ist vor allem die der inzwischen klassischen Rockmusik. Es ist Jeffers Welt.

    Jeffers Welt ist auch die Band, Partys, Berlin bei Nacht und seine belastete Beziehung zu seiner Mutter. All das lernt Frieda kennen. Nur eines nicht, Jeffer. Er zieht sie an, stößt sie weg. Haben sie eigentlich eine Beziehung? Ein Verhältnis haben sie nicht. Sind sie Freunde oder ein Paar? Was zählt, die Gegenwart oder die Vergangenheit? Oder geht es um eine Zukunft?

    Frieda versucht, einen Weg durch die neue Welt zu bahnen, die sich als Dschungel entpuppt, der Dschungel des Erwachsenwerdens.

     

    No sex, some drugs, but Rock*n roll!

    Spychalskis Geschichte spielt in Berlin, nicht nur Schauplätze in Kreuzberg lassen sich recht genau verorten. An ihrer Liebe zur klassischen Rockmusik gibt es auch keine Zweifel, sie schafft damit aber auch Atmosphäre und benutzt sie als Hinweis zur Entschlüsselung ihrer bewusst rätselhaft angelegten männlichen Hauptfigur. Jeffer träumt vom Freiheit, wie man in den 1970ern träumte. Er scheint nie im 21. Jahrhundert angekommen zu sein. Überhaupt scheint er eher Gast zu sein, er ist verschlossen, immer ein wenig fern. Ein Kosmos für sich.

    Friedas Schüchternheit hat sie zu einer Beobachterin werden lassen, sie agiert selten, reagiert eher. Ihre Zurückhaltung lässt Jeffer aufmerksam werden, es stellt sich heraus, dass sie in manchem verwandte Seelen sind.

    Auch der kleine Altersunterschied von ca. zwei Jahren, der Frieda ein wenig weltfremd erscheinen lässt, zieht ihn an. Er mag keine Einmischungen, von Frieda ist nichts davon zu erwarten.

    Frieda öffnet die Begegnung wider Erwarten die Augen für die Komplexität von Beziehungen. Sie lässt sich auf das halsbrecherische Abenteuer ein, während eines Urlaubs ihrer Eltern heimlich zu Jeffer zu ziehen und ihre Zeit ausschließlich mit ihm zu verbringen. Sie schwänzt die Schule, vergisst ihre Bekannten und vor allem Maja. Jeffer und sie reden, tagelang, nächtelang, hören stundenlang Rockmusik, sehen Filme, rauchen Kette, wie in den Siebzigern, wenn auch ihr Alkoholkonsum mäßig bleibt. Sie träumen. Will sie Sex? Frieda weiß es nicht. Jeffer wechselt die Persönlichkeit, wie ein Chamäleon, Freund, Kumpel, Welterklärer, Trostsucher, von einem Moment zum nächsten.

     

    Wer bin ich, wer bist du?

    Frieda erzählt die Geschichte, es ist ihre. Sie beobachtet, oft gut und genau, aber sie ist nicht erfahren genug, das, was sie sieht, auch zu deuten. Dabei bleibt die Leserin ebenso im Dunkeln, wie die Erzählfigur. Das ist sehr mutig, sehr erfrischend für ein Jugendbuch, macht es aber zu einer Lektüre, die nicht für jede geeignet ist.

    Jeffer ist ein echter Wurf, nicht nur für ein Jugendbuch. Warum er handelt, wie er handelt, worin sein Problem besteht, muss man beim Lesen selbst erschließen. Warm und bindungsscheu, aufmerksam und ungesellig, freundlich und hart, fürsorglich und selbstherrlich, er besteht nur aus Widersprüchen.

    Meist überzeugend wiedergegeben sind die Interaktionen aller auftretenden Personen untereinander. Gleich, ob es um das Treffen von Freundinnen, Gespräche mit Eltern oder das Kennenlernen neuer Bekannter geht, Spannung und Glaubwürdigkeit herrschen vor.

    Auch Friedas Unsicherheit, ihre Ängste, Wünsche, Träume, als sie sich in dem Spinnenetz aus Gefühlen gefangen sieht, sind bestechend genau geschildert.

    Ein wenig aufgesetzt wirkt ihre Leidenschaft fürs Filmen, die etwas zu spät eingeführt wird, und auch ihr Entschluss am Ende. Dass die Schulschwänzerei offenbar gar nicht sanktioniert wird, verstärkt ein gewisses Moment des Unrealistischen, das in der Geschichte immer wieder einmal aufblitzt.

    Das auf den ersten Blick romantische Titelbild lenkt vom eigentlichen Inhalt ab, erweist sich am Ende aber doch als passend. Zwei Jugendliche sitzen am Meer, der junge Mann hat den Arm um das Mädchen gelegt, aber sie sitzen aufrecht und ihre Blicke gehen geradeaus zum Horizont, sie haben beide etwas anderes vor Augen.

    Aufs Ganze gesehen ist Friedas (und Jeffers!) Geschichte ein frischer Wind unter den Jugendromanen dieses Frühjahrs.

     

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