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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 02:12

    Dirk Steinhöfel: P. B. Shelleys Die Wolke

    02.04.2012

    Weltenentdecker

    Fast zweihundert Jahre alt ist das Gedicht The Cloud – und im Unterschied zum Ursprungsland England hierzulande wenig bekannt. Als wichtiges Beispiel der Lyrik der Romantik umfasst es nicht allein Naturphänomene, sondern implizit auch die menschliche Existenz, in ihrer Großartigkeit wie ihren Schrecken. Von beidem hat sich Dirk Steinhöfel in seiner eigenwilligen Visualisierung von P.B. Shelleys Die Wolke anregen lassen und eine weitere neue Welt geschaffen. Sein Bruder Andreas Steinhöfel hat den Text ebenso eigen neu ins Deutsche übersetzt. Von MAGALI HEISSLER

     

    Das Gedicht ist nicht übermäßig lang: 84 Zeilen hat es, verteilt auf sechs ungleich lange Strophen. Sein Inhalt aber enthält die ganze Welt. Die Erzählerin Shelleys, das lyrische Ich, ist die titelgebende Wolke, ein verführerisches Sujet. Steinhöfel lässt sich von Anfang an nicht von Oberflächenphänomenen bezaubern. Er setzt das physikalisch-himmlische Phänomen in ein menschlich-erdgebundenes um. Statt den verrätselten Wegen eines Gebildes aus Luft und Feuchtigkeit zeigen seine Bilder einen kleinen Jungen, der sich, mit einem altmodischen Koffer in der Hand, auf die Spur der vier Elemente begibt. Er will sie einfangen, das verraten die vier Weckgläser, die sich zusammen mit anderen, ein wenig geheimnisvollen Gegenständen in seinem Koffer befinden. Der Junge unternimmt seine Reise aber nicht nur als Jäger und Bezwinger der Welt, sondern als Beobachter. Als dieser lernt er das Staunen und Betrachterinnen und Betrachter des groß angelegten Bilderbuchs im besten Sinn, staunen mit ihm.

     

    Feuer, Wasser, Erde, Luft

    Präsentiert wird das Ganze mit wenigen Ausnahmen als Fotoalbum. Fotos des reisenden kleinen Helden und seiner vielfältigen Begegnungen mit den Elementen, Sepia-getönt, mit altmodisch gezackten Rändern oder in Bilderrahmen, liegen auf den Seiten, hängen an Wänden, geordnet, ungeordnet, übereinander, aufgefächert, als wäre man eben dabei, in einer Schachtel mit alten Bildern zu stöbern. Allein diese scheinbar ungezügelte Anordnung verleiht dem Ganzen schon Dynamik. Handlungsreich sind dann die Geschehnisse auf den Fotos. Die Begegnung mit den Elementen nämlich, in ihren unterschiedlichen Zuständen, in ihren ureigenen Räumen, vom Meeresboden bis fast zum Himmel hinauf. Wenn es sein muss auch als Naturgeister, niemals vergisst Steinhöfel, dass er einen eigentlich romantischen Text umsetzt. Immer wieder sprengen die Ereignisse den Rahmen der kleinen und größeren Bilder, alles drängt, so, wie der kleine Entdecker, Forscher, Baumeister drängt. Denn das ist er auch, er sammelt Teile von etwas, das eine Maschine werden soll, mit Röhren, Druckmessern, Räderwerk, Seilen. Diese Gegenstände und mit ihnen Fundstücke aus der Natur, Steine, Muscheln, Blumen und Seetang finden sich zwischen den Fotos, aber auch Spielzeug, Reste von Schnüren, Haken. Auch sie sind Zeugnisse des großen Unternehmens. Die ewige Bewegung wird unterbrochen durch träumerisch-lyrische Ruhemomente, Herbstszenen, Szenen im Mondlicht, unwirklich anmutenden Momente unter Wasser, endlos scheinendes Sommerglück auf einer Wiese, eine Hand ausgestreckt zum Himmel.

     

    Das dunkle Herz der Romantik

    Am Ende gelingt das große Unternehmen nicht, der kleine Reisende kehrt unverrichteter Dinge nach Hause zurück. Ein anderes Kind macht sich auf den Weg. Scheitern und Neubeginn, der ewige Kreislauf ist der Kern der Textvorlage. Er ist auch Kern menschlicher Existenz und Erkenntnis. Der Mensch kann sich die Welt nicht unterwerfen, er kann sie nicht einmal vollständig erfassen. Die Unsicherheit und Brüchigkeit der Verhältnisse spiegelt sich auch in den Bildern, Bruchstücke finden sich hier, Teile statt Ganzem, Zerstörtes, Zerbrochenes, Gerissenes. Lose Fäden flattern immer wieder ins Bild, trotz der vielen Knoten, die geknüpft wurden. Ketten, Fäden, Schnüre, Seile in unterschiedlichen Stärken sind ein auffälliges Motiv. Hinter dem Unfertigen, Brüchigen lauert Unheimliches bis hin zum echten Grauen. Naturgeister steigen brüllen auf, zerstörerische Stürme wüten, die Strahlen des viel besungenen silbernen Mondlichts werden zu tödlichen Speeren. Das Kind im Mittelpunkt ist Mensch und Geist zugleich, es macht todbringende Momente durch und lebt doch weiter, bis seine Reise zu ende ist.

    Die insgesamt düstere Farbgebung wie die Schreckensmomente zeigen die Seite der klassischen Romantik, die gern übersehen wird, ihr dunkles Herz. Steinhöfels Bilder, die ihre Entstehung übrigens ausschließlich der Computergrafik verdanken, fangen die unheimliche Atmosphäre erschreckend genau ein. Seine Visualisierung enthält jene Angstmomente, die wir z.B. aus den Geschichten Tiecks oder auch E.T.A. Hoffmanns kennen.

    Der Text ist von Andreas Steinhöfel neu und bei aller Treue zum Original neuartig übersetzt. Er ist den Bildern grundsätzlich untergeordnet, er ist in Stücke zerrissen, es gibt viele Seiten ganz ohne Worte. Eben weil es eine eigenwillige Neuübersetzung ist, ist es schade, dass der Text nicht am Ende zum Nachlesen in Gänze abgedruckt wurde.

     

    Ein ganz besonderes »Bilder-«buch und eine ganz besondere Neuübersetzung eines Klassikers.

     

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