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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 10:57

    Susan Kreller: Elefanten sieht man nicht

    19.03.2012

    Helfen schwer gemacht

    »Hinsehen und handeln«, heißt es immer wieder, Zivilcourage wird laut gefordert, beherzt eingreifen, wenn Unrecht geschieht. Wie das Helfen aber genau aussehen soll, davon wird eher nicht gesprochen. Und schon gar nicht davon, wie man eingreifen soll, wenn man offenbar die Einzige ist, die überhaupt hingesehen hat, sich alle anderen aber blind und taub stellen. Susan Kreller hat in ihrem Debütroman Elefanten sieht man nicht eine sehr junge Heldin vor eben dieses Problem gestellt und aus der extremen Situation einen ganz außergewöhnlichen Roman gemacht fand MAGALI HEISSLER.

     

    Seit dem tragischen Tod ihrer Mutter verbringt Mascha die Sommerferien regelmäßig bei ihren Großeltern. Die Siedlung mit ihren blitzsauberen Häuschen, den penibel gepflegten Gärten hinter korrekt gezogenen Zäunen, die punktgenau die Lebenseinstellung ihrer Bewohnerinnen und Bewohner widerspiegeln, bieten wenig Reiz für eine Dreizehnjährige. Wenn die freundlichen, meist älteren Nachbarinnen dann noch fragen, ob man denn schon einen Freund hätte, ist es wirklich Zeit zur Flucht. Als Fluchtort aber kann nur den Spielplatz am Rand der Siedlung herhalten, wo die Kleinen und Allerkleinsten zu finden sind, keine Alternative für Mascha. Trotzdem sitzt sie stundenlang dort im Spielhaus, denn da hat sie wenigstens ihre Ruhe. Ruhe haben heißt, die Lieder von Leonard Cohen hören. Cohen ist der bevorzugte Musiker ihres Vaters. Wenn Mascha die Songs hört, hat sie immerhin das Gefühl, ihrem Vater nahe zu sein, der unverändert auf sich konzentriert trauert.

     

    Im Spielhaus lernt Mascha auch Julia und Max kennen, neun und sieben Jahre alt. Eigentlich sind die beiden zu jung, um sich mit ihnen anzufreunden, aber sie haben eine Art, die sie seltsam und älter wirken lässt. Mascha wird neugierig. Das Geheimnis aber hätte sie lieber nicht aufgedeckt. Trotzdem will sie etwas unternehmen. Mit dem Entschluss aber steht Mascha auf einmal so verlassen da, wie sie sich es nie hätte träumen lassen.

     

    Waiting for the miracle to come

    Kreller ist es tatsächlich gelungen, dem Thema elterlicher Gewalt einen neuen und aufregenden Aspekt abzugewinnen. Sie geht der Frage nach, was passiert, wenn eine entschlossen ist, einzugreifen, aber nirgendwo Unterstützung findet. Beim Erzählen bleibt sie konsequent im Denken der dreizehnjährigen Ich-Erzählerin. Ihr Mitleiden, ihr Mitleid, Zorn, Hilflosigkeit und die Einsamkeit derer, die sich gegen alle stellen, weil sie es müssen, treten unmittelbar aus den Zeilen hervor.

     

    Kreller lässt kein gutes Haar an den Erwachsenen, die sich nicht nur um Julia und Max, sondern auch um Mascha zu kümmern hätten. Tatsächlich erzählt die Geschichte von Missbrauch verschiedenster Art. Nicht nur die brutal geschlagenen Geschwister, sondern auch Mascha ist der Gewalt von Erwachsenen ausgesetzt, die sich in ihrem Fall in emotionaler Vernachlässigung ausdrückt.

     

    Erschreckend konsequent zeichnet Kreller die Zwangslagen, in die Mascha gerät, weil sie hilflos handeln muss. Sie will nicht auf ein Wunder warten, das ihre neuen Freunde irgendwie irgendwann befreit. Sie handelt und macht das Falsche, aber ein »richtig« gibt es in ihrer Situation nicht mehr. Damit wird eine äußerst anspruchsvolle moralische Frage aufgeworfen und komplex diskutiert. Und das ist nicht das einzige moralische Problem, das aufgeworfen wird. Jugendliche Leserinnen und Leser werden hier herausgefordert und rundum ernst genommen.

     

    Die Poesie der Realität

    Sprachlich-stilistisch überzeugt das Buch gleichfalls. Die Stimmung des stillen Sommers, dessen Wärme und Ruhe immer bedrückender werden, je mehr sich die Situation für Mascha und die anderen Kinder zuspitzt, die Lethargie, die Ausreden der Erwachsenen, denen bald ein fauliger Geruch anhaftet, wie den verrottenden Pflanzen, die aus den immer sauberen Beeten entfernt wurden. Viel Raum nehmen die Träume und Albträume der Kinder ein, ihre Ängste und die kleinen Glücksmomente, die sekundenlang auffunkeln. Das Motiv des titelgebenden Elefanten wird geschickt eingeflochten, vom Motto des Buchs über seine Bedeutung für das am schlimmsten betroffenen Opfer, Max, bis zur Entschleierung der Legende vom Elefantenfriedhof am Ende.

    Überhaupt schreibt Kreller gegen so manche Legenden an, die in Büchern für junge Teenager leben. Wer Gutes tut, macht hier trotzdem Fehler, wer in der Klemme sitzt, wird nicht von einem wohlmeinenden Erwachsenen herausgezogen, wer anderen hilft, erntet nicht ganz selbstverständlich Freundschaft, sondern Abwehr und Abneigung, sogar von denen, denen man helfen wollte. Maschas Gefühle werden gewaltig durcheinandergewirbelt und mit ihnen die Gefühle der Leserin. Hier ist nichts konventionell. Dass das alles noch punktgenau und oft sogar poetisch formuliert ist, macht die schroffen Kanten, an denen sich die Protagonistin im übertragenen Sinn ihre blaue Flecken und blutige Finger holt, nur noch spürbarer.

    Schön und stimmig auch die Ausstattung, vom Layout bis zum Cover und Schutzumschlag.

     

    Dieser kleine Roman gilt zurzeit noch als Geheimtipp. Man kann nur innig hoffen, dass er aus seinem Eckchen schleunigst herauskommt und ein breites Publikum erreicht.

     

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