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Gregory Hughes: Den Mond aus den Angeln heben

05.03.2012

Gegen alle (Natur-)Gesetze

Die Wege sind weit in dieser Geschichten und das Geschwisterpaar, das sie zurücklegen muss, noch klein. Deswegen wurden die zwei mit besonderen Eigenschaften ausgerüstet, die eine davon sogar sehr besonders. Was den Kindern begegnet und was mit ihnen geschieht, ist gleichfalls ungewöhnlich, streckenweise geradezu wunderbar. Ein Wunder der Kinderliteratur ist der Debütroman von Gregory Hughes Den Mond aus den Angeln heben trotzdem nicht geworden, eher eine Geschichte, über die man sich hin und wieder wundern muss.

Von MAGALI HEISSLER

 

Robert und seine zehnjährige Schwester Marie Claire wachsen auf einem Bauernhof unweit von Winnipeg auf, sie sind Halbwaisen. Viel Geld zum Leben haben sie nicht, ihr Vater gehört zu den Farmern, die nur mit staatlicher Unterstützung über die Runden kommen. Eine glückliche Familie sind sie trotzdem. Unsicherheit bringt vor allem Marie Claire, genannt die Ratte, ihr Spitzname und ihr indianischer Name gleichermaßen. Marie Claire ist ein eigenartiges Kind. Sie ist altklug, reif und wissend über ihre Jahre hinaus, geradezu hochbegabt auf manchen Gebieten. Bereiche ihres Wissens sprengen die Grenzen der Realität, sie sieht und träumt von Zukünftigem, das dann auch sicher eintritt. Bob liebt seine Schwester, ist als normaler Teenager aber  immer wieder überfordert von ihr und ihren Ansprüchen. Sie macht ihm auch Angst, z.B. an dem Tag, an dem sie sagt, dass ihr Vater bald sterben wird. Ihre Prophezeiung erfüllt sich.

In ein Heim wollen die beiden nicht, also brennen sie durch nach New York, wo den Gerüchten nach ein Onkel von ihnen leben soll, als Dealer. Ihre Reise wird das Abenteuer ihres Lebens.

 

Brüderchen und Schwesterchen

Hughes setzt sehr breit an, der Zeit in Winnipeg, der Stadt, dem Leben mit dem Vater, den Freunden, der Umgebung wird viel Raum gegeben. Die Welt, die geschildert wird, ist grundsätzlich freundlich, der Alltag von Bob und der Ratte zugleich mit einer ordentlichen Portion Abenteuerlichem ausgestattet, so fahren sie etwa mit einem kleinen Boot zur Schule. Hughes liebt die Landschaft, die er beschreibt, und auch die Menschen vor Ort, das macht das Ganze lebendig, allerdings auch lang. Was er aber vor allem liebt, ist seine kleine eigentümlich Hauptfigur, die er den Leserinnen und Lesern aus den Augen ihres zwei Jahre älteren Bruders präsentiert. Die Ratte ist ein Wunderkind, das zudem fast alle bezaubert. Es gibt einen Erklärungsversuch für ihr Verhalten, sie leidet an einer Art Anfälle, die medizinisch nicht ganz geklärt werden können. Hughes lässt kaum etwas aus, um Marie Claires Eigenheiten in den Vordergrund zu rücken, das ist nur bedingt putzig. Bald mutiert sie zu einer Mischung aus sehr traditionellen Kinderbuch-Figuren wie etwas Porters Pollyanna oder Burnetts Fauntleroy mit dem Schuss 21 Jahrhundert, etwa in ihrer Vorliebe für Fußball und Rap. Was die Ratte vor allem ist, ist diktatorisch. Jede und jeder tanzen nach ihrer Pfeife. Das führt zu unterhaltsamen, lustigen, aber auch höchst unwahrscheinlichen Situationen, die der Autor zudem mit nicht gerade leichter Hand dahin zaubert.

Vor allem aber führt es zu einer eigentlich fatalen Bindung zwischen Bob und Marie Claire, die am Ende tragisch unauflöslich wird.

 

Ausstattungsstück

Auf den ersten Blick ist die Geschichte rundum bunt und abenteuerlich, die Fantasie des Autors scheint unerschöpflich. Sieht man näher hin, besteht sie aus Versatzstücken, gespielt wird vor Kulissen, denen man ihr Entstehen aus Sperrholz, Pappe und Farbe deutlich ansieht. Das gilt schon für das Leben in Winnipeg. Die auftretenden Indianerinnen und Indianer haben einen deutlichen Beigeschmack politischer Korrektheit, wie so manches andere Thema, etwa das Verhalten gegenüber Behinderten und Armen. New York gerät dann zum klassischen Traumort aus U-Bahn, Central Park, Fifth Avenue und ein bißchen Slum, Werbebildern ähnlicher als der Realität einer Großstadt. Ebenso ist es mit den Figuren. Freundliche Ganoven, berühmte Musiker, die unglückliche Millionäre sind, Obdachlose mit goldenem Herzen und dann auch noch Kinderheime, die insgeheim von Pädophilen geführt werden, werden zu einer am Ende unverdaulichen Mischung.

Die Geschichte fällt sicher aus so manchem Rahmen, aus einem aber nicht: sie ist höchst konventionell in ihren Aussagen. Die gelegentlich sehr unterhaltsamen Episoden, die zugrundeliegende positive Familiengeschichte und die Idee, den Zusammenhalt eines Geschwisterpaars durch Dick und Dünn darzustellen, gleichen das aufs Ganze gesehen nicht aus. So bleibt der Buchinhalt eher unbefriedigend.

Gelobt werden muss auf jeden Fall die Ausstattung, das wunderbar ausgedachte und umgesetzte Cover des Buchumschlags und des Einbands sowie das Layout bis hin zum liebevollen Lesebändchen.

 

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