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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 02:12

    Antonia Michaelis: Die Worte der weißen Königin

    06.02.2012

    Vertrauen, hoffen, lieben

    Gewichtige Worte und Werte von ebensolchem Gewicht findet man in diesem Buch. Was man gleichfalls findet, ist sind die Pendants, Einsamkeit, Leid, und Wut. Es ist ein Buch der Extreme und ein Buch der Gegensatzpaare. Wie Realität und Märchen. Aus diese Mischung hat Antonia Michaelis mit Die Worte der weißen Königin eine sehr dunkle Geschichte gewoben. Gut, dass die Dunkelheit einmal endet und nicht nur im Märchen. Von MAGALI HEISSLER

     

    Es beginnt idyllisch, auch wenn die Umstände wenig schön sind. Der siebenjährige Lion lebt mit seinem Vater in einem fast toten Dorf an der Ostsee. Es gibt viel Natur, alles andere ist eher spärlich gesät. Lions Mutter ist, wie viele, längst ‚in den Westen’ gegangen, er hat nie mehr von ihr gehört. Noch hat sein Vater Arbeit, aber das Geld reicht kaum zum Leben. Lions Vater hat einen kleinen Zuverdienst als Wilddieb, keine Besonderheit in der Gegend. Hasen oder Rehe interessieren Lion nicht sehr, was ihn fasziniert, sind die Seeadler. Die Seeadler ihrerseits interessieren sich für die Hühner und Ziegen, die Lions Vater gehören. Eines Tages tötet dieser zu Lions Entsetzen tatsächlich aus Zorn einen der Adler. Das ist aber nur die erste Schritt auf Lions Leidensweg.

     

    Einige Zeit später wird der Vater arbeitslos, verliert jeden Mut und wird zum aggressiven Trinker, zum schwarzen König, wie Lion, Opfer der rasenden Wutanfälle, ihn nennt. Alles Schöne scheint im Lauf der nächsten Jahre aus seinem Leben zu verschwinden. Was ihn am Leben hält, ist die Erinnerung an die Stunden in der kleinen Dorfkirche, in der eine ältere Frau Kindern vorgelesen hat. Ihrer weißen Haare wegen hat Lion sie ‚die weiße Königin’ getauft. Ihre Worte, eigentlich die Worte märchenhafter Geschichten aus alten Büchern, sind Lichtblicke und Rettungsanker für den Jungen, wenn sein Vater sich in den schwarzen König verwandelt. Sprechen kann Lion mit niemandem über sein elendes Leben. Am nächsten fühlt er sich noch den Seeadlern, von denen er einen einmal heimlich gesund pflegt.

    Lions Leben hätte fast ein brutales Ende genommen, hätte sich nicht Olin eingemischt, ein rätselhaftes Mädchen, etwa im gleichen Alter und ihm sehr ähnlich. Olin behauptet, Lions Schwester zu sein und hilft ihm zu fliehen.

     

    Die Macht der Worte

    „Worte stehlen die Freiheit“, sagte Olin einmal zu Lion, aber er widerspricht ihr sofort. „Worte können auch Freiheit machen.“ Darauf besteht er, obwohl er es zu diesem Zeitpunkt nicht erklären kann, denn noch spricht er mit niemandem außer seinem Seeadler Rikikikri. Dieses Nicht-Sprechen und Nicht Sprechen-Können wird als wichtiger Grund für die schlimme Situation von Lions Vater und damit auch für den Jungen erkennbar. Zum Sprechen gehört Vertrauen und das ist verlorengegangen. Während der Monate, die Lion in den umliegenden Wäldern verbringt, verweigert er nahezu eben das, die ihn zum Menschen macht. Er verwildert. Dieser Zustand hat Seiten, die ebenso grausam sind, wie das, was Lion mit seinem Vater erdulden musste.

     

    Da die ganze Geschichte aber höchst raffiniert als eine Art Spiegelung des Guten gegen das Böse und des Bösen gegen das Gute konstruiert ist, macht das Schweigen zugleich möglich, dass Lion die Kostbarkeit von Worten erkennen kann. Alles hat zwei Seiten, auch Lions Gefühlswelt. Er ist ein sanftes Kind, aber durch die Gewalterfahrung auch ein wütendes. Und so geschehen einige wesentliche Schlüsselereignisse im Verlauf der Geschichte ebenfalls zweimal. Mit einem einzigen Mal ist noch nichts abgeschlossen. Lion lernt, sich zu entscheiden, von wem und von welchem Gefühl er sich wohin führen lässt, und er ist nicht der einzige.

     

    Neue, reife Phantastik

    Die im Kern sehr realistische traurige Vater-Sohn-Geschichte wird als Märchen erzählt. Königin und König, hilfreiche Tiere, geistergleiche Helferinnen, höchste Gefahren und wunderbare Rettungen, magische Gegenstände und Zauberworte sind wichtige Ingredienzien. Michaelis greift dafür auf die Märchentradition aber auch auf Kinderbuchklassiker zurück. Die Worte der weißen Königin’sind die seit Generationen unsterblichen Worte von Lindgren, Kipling, St. Exupéry. Das Buch ist eine Entdeckungsreise nicht nur der Gefühle, sondern auch zu einer erklecklichen Zahl von Märchen und Geschichten für Kinder. Der Roman ist ein gelungenes Beispiel für eine neue, reife Phantastik im zeitgenössischen deutschsprachigen Kinderbuch.

     

    Erzählt wird sowohl mit der Poesie als auch der Schroffheit, die klassische Märchen auszeichnet. Ebenso entsetzlich, traurig und angsteinflößend wie echte Märchen streckenweise sind, ist auch Lions Geschichte. In einer hoch emotionalen Schlussszene, meisterlich gestaltet, verschmelzen Märchen und Realität zum letzten Mal. Die Realität bleibt zurück, ein wenig blass, ohne die Farbenpracht des Märchens, ein wenig sentimental, ohne die fantastische Überhöhung, normal eben. Was auch bleibt, ist die Poesie der alten Geschichten. Sie bringt die Realität wieder zum Leuchten.

     

    Wegen der Vielschichtigkeit, der beeindruckend wiedergegebenen alptraumhaften Sequenzen und der harten Konsequenz, die die Erzählung zu ihrem Gelingen braucht, ist das Buch eher für erfahrenere Leserinnen und Leser ab 12 zu empfehlen.

     

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