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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 02:13

    Agnes Hammer: Nacht, komm!

    09.01.2012

    In Bedrängnis

    Lissy Winterhart, die gebeutelte Heldin aus Herz, Klopf! ist zurück, stachelig, bissig, abweisend und zugleich ängstlich, mitfühlend und liebebedürftig, wie eh und je. Begegnungen mit anderen Menschen verlaufen unverändert heftig, Lissys Bemühungen um Kontrolle, auch ihrer selbst, scheinen immer noch zum Scheitern verurteilt. Diesesmal schlägt auch noch die Liebe zu, die ganz große, und Lissy steht in all ihren Verstrickungen plötzlich mit dem Rücken zur Wand. Sie hat sich zu viel zugemutet. Das gilt allerdings auch für die Autorin, fand MAGALI HEISSLER nach der Lektüre von Agnes Hammers Jugendthriller Nacht, komm!

     

    120 Sozialstunden und auch noch in einem Altersheim. Lissy hält das für Sklavenarbeit, typisch für ihren (vielgeplagten) Bewährungshelfer, ihr so etwas aufzuhalsen. Aber sie hat Frieden geschworen und ist entschlossen, sich daran zu halten. Dass sie deswegen Miss Sunshine spielen muss, steht ja nicht im Vertrag. Die Mitarbeiterinnen im Altersheim sind skeptisch. Das ist nicht neu für Lissy, macht es ihr aber nicht leichter, sich zu beherrschen. Gut, dass es Nele gibt, Schwester Nele, jung, munter, freundlich. Genau das, was Lissy braucht, um aufzutauen. Sie ist hell erfreut, als Nele sie ins Schwimmbad einlädt. Endlich einmal weg von Geldsorgen, Elternsorgen, den eigenen Unvollkommenheiten. In der Sonne liegen, träumen, einen Nachmittag mal sein, wie alle anderen.
    Dass dann auch noch Daniel auftaucht, reizend, gut aussehend, scheint endlich ein Wink des Glücks zu sein. Klar, dass Lissy mit ihm geht, als das Gewitter kommt. Klar, dass ein Verhältnis daraus wird und klar, dass Lissy es für Liebe hält.

     

    Der Rest der Welt ist dafür umso bedrückender: Lissys Mutter ist immer noch einkaufssüchtig, obwohl sie die bestellten Waren nicht bezahlen kann, ihr Vater lebt als Alkoholiker auf der Straße. Die Arbeit im Altersheim gefiele Lissy gar nicht so übel, wäre sie nicht dem unablässigen Misstrauen des Personals ausgesetzt. Und dann ist Nele tot und nicht mehr nur das Personal des Heims betrachtet Lissy misstrauisch. In kürzester Zeit ist die Polizei geneigt, sie für eine Mörderin zu halten. Der Sommer der Fußball-WM 2010 wird so richtig heiß für Lissy.

     

    Überfrachtete Milieustudie, gelungene Charakterstudien

    Liest man diesen Roman als ›Thriller‹ wird man eher enttäuscht sein – zu verhalten wird die eigentliche Krimihandlung präsentiert. Das scheint nicht mit Rücksicht auf die eher junge Zielgruppe geschehen zu sein, sondern weil Hauptfigur Lissy unter den Händen der Autorin tatsächlich ihre eigenen Wege geht. Sie ist eine so eigenständige Figur geworden, dass der Umstand, dass sie auch noch in einen Kriminalfall verwickelt wird, seltsam aufgesetzt erscheint. Das eigentliche Thema ist, ob und wie Lissy es gelingen wird, ihre Aggressivität und gleichzeitige hohe Empfindsamkeit so zu beherrschen zu lernen, dass sie nicht einfach mehr ausschlägt, wie die Zeiger eines völlig irritierten Messgeräts.
    Eigentlich träumt Lissy von einer ganz normalen Familie, etwas, das ihre Familie ihr nicht bieten kann. Sie reagiert darauf mit Zorn und Abwehr, einige ihrer Probleme mit Autoritäten, einschließlich der Polizei, sind selbst verschuldet. Der Kriminalfall verstärkt den Druck nur, lässt ihrem Kampf dann aber streckenweise etwas grobschlächtig wirken, etwa der Gegensatz zwischen Daniels wohlanständiger Familie und den Obdachlosen um Lissys Vater. Hier wird es auch ein bisschen moralisch, die einen geraten vor lauter Parteinahme ein wenig zu gut, die anderen zu schlecht.

     

    Lokalkolorit

    Es gibt viel Lokalkolorit, das Ganze ist stark an die Topographie Düsseldorfs gebunden, wer jedoch nicht von dort stammt, fragt sich bald, ob die sich häufig wiederholenden Namen von Buslinien ein Indiz für die Aufklärung des Mordfalls sein sollen (sie sind es nicht). Leserinnen, die Regionalkrimis schätzen, werden sehr erfreut sein. Die Unterrichtseinheit über Heine, für die Lissys Freundin Material braucht, ist etwas gewaltsam in die Handlung eingebaut und betont den Touch des politisch Korrekten, der die Geschichte streckenweise einnebelt. Die Fußball-WM, die wohl die angeheizte Stimmung hätte steigern sollen, fügt sich eher nicht in das Ganze ein, sondern streckt es unnötig. Die gedichtartigen Sätze am Anfang jeden Kapitels sind für sich genommen durchaus gut zu lesen, die düstere Nachtstimmung und die Ereignisse im heißen Düsseldorf passen trotz einiger Nachtszenen und Lissys emotionaler Dunkelheit nicht recht zusammen.
     
    Ein bisschen Krimi, viel mehr aber Charakterstudie einer bemerkenswerten Gestalt, Lissys, nämlich, hält dieser Roman nicht, was er verspricht, wartet aber streckenweise mit Überraschungen auf, die die Lektüre durchaus lohnend machen.

     

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