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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 02:13

    Sabine Ludwig: Painting Marlene

    19.12.2011

    Das Bildnis

    Sabine Ludwig hat mit Painting Marlene ein Jugendbuch geschrieben, das LIA DOLFUS nicht aus der Hand legen wollte und sie mindestens vier Mal überzeugte, den Täter nun aber wirklich entlarvt zu haben.

     

    Marlene ist fast 18, lebt in Berlin mit ihrer Mutter zusammen und hat gerade das Abitur hinter sich, als sie erfährt, dass ihr Vater, ein freischaffender Künstler, gestorben ist. Von ihrer Mutter, Kunstlehrerin am Gymnasium, fühlt sie sich zunehmend eingeengt und überbehütet, und so beschließt sie kurzerhand in die Wohnung des verstorbenen Vaters zu ziehen. Ihre besten Freunde Rike und Georgie helfen ihr beim Umzug in die wenig einladende Bahausung des Vaters, die zugleich sein Atelier war. Seine Bilder, so die vage Aussage der Mutter, seien bei einem Galeristen. Ihr ist ein einziges Bild geblieben, das ihr Vater malte, aufgebahrt auf einer Staffelei, bedeckt von einer Folie. Ein Portrait von ihr, das er anfertigte, als sie sich das letzte Mal sahen. Es war einer der Tage, an dem Marlene wutentbrannt seine Wohnung verlassen hatte.

     

    Flügge werden für Anfänger

    Marlene, die zum Leidwesen der Mutter nach dem Abi erst mal nur jobben will, kämpft, fortan auf sich gestellt, gegen die Antriebslosgkeit den Nebenjob in der Bäckerei durchzuziehen, gegen die bürokratischen Fallen, die ihr das Leben plötzlich stellt, zum Beispiel in Form des netten Herren der Gebühreneinzugszentrale, oder aber gegen den aufdringlichen Hausmeister, der unter ihr wohnt, und der sich die abgebrühtesten Dinge einfallen lässt, um einen Blick auf die junge Frau - am liebsten halb bekleidet - werfen zu können.

     

    Viel größere Probleme bereitet Marlene allerdings das Gefühlsleben. So versucht sie auf der einen Seite, den Tod des Vaters immer wieder durch schöne, dann wieder sie wütend werden lassende Erinnerungen zu verarbeiten, andererseits ist sie verliebt. Ausgerechnet in den Außenseiter, den Einzelgänger, in den, den keiner versteht: Jasper. Jasper ist Musiker, Künstler, legt nachts als DJ auf, und er hat ein Auge auf Marlene geworfen. Das Näherkommen fällt den beiden jedoch schwer, und Marlenes Impulsivität macht es dem geradlinigen Jungen da nicht gerade einfacher.

     

    Außer Kontrolle

    Marlene hat plötzlich das Gefühl, dass sich ihr Portrait verändert hat. Ihr Blick darauf ist nun nicht mehr »sanft und schön«, wie ihr Vater sie gesehen und gemalt hat, sondern wirft dem Betrachter lüsterne Blicke zu. Immer häufiger passieren Dinge, die Marlene aus der Fassung bringen. So liegt ihr geliebter Teddybär, den sie beim Umzug verlorengegangen glaubte, plötzlich unter ihrem Kopfkissen, gerade als sie und Jasper sich das erste Mal anzunähern versuchen. Marlene rastet aus, schmeißt Jasper aus der Wohnung. Sie hört auf, regelmäßig zu essen, sie zieht sich mehr und mehr zurück. Die Mutter findet kaum noch einen Zugang zu ihr. Als zu allem Überfluss die Geliebte des Vaters vor der Türe steht, und Marlene dadurch das anschließende Date mit Jasper - mal wieder - versaut, beschließt sie, dem Tod des Vaters und dem Verschwinden seiner Bilder auf den Grund zu gehen. Marlene findet seine Bilder im Keller, alle mit einem Messer zerstört.

     

    Das Portrait verhüllt sie mit einem Laken, aber es verändert sich immer stärker, und treibt Marlene in den Wahnsinn. Als sie nach einem Sturm ihre Wohnung betritt, funktionieren ihre Lampen nicht, ihr Schlafzimmerfenster ist offen und zerbrochen. Sie verletzt sich daran, bricht zusammen. Ihre Mutter, in ihrer Verzweiflung nun doch die Person, die sie um Hilfe bittet, päppelt sie auf, und gesteht, dass der Vater sich umbrachte. Im Schock der Nachricht entdeckt Marlene Zeichnungen der Mutter in deren Zimmer: Portraits von Marlene. Sie sieht in ihr die, die sie in den Wahnsinn treiben will, und flieht. Sie verdächtigt jeden, der malen kann, sie aus der Wohnung treiben zu wollen, sieht sich verfolgt, vergrault alle. Bis auf den, der das Portrait nun anfängt wieder »schön« zu malen.

     

    Atemlos durch fremde Leben

    Painting Marlene ist ein 379 Seiten starkes Werk an Spannung, die bereits mit dem Prolog überzeugend aufgebaut wird, und erst mit den letzten Worten des Epilogs Ruhe einkehren lässt. Mitten in das Leben der jungen Marlene geworfen, durchlebt der Leser mit ihr die Achterbahnfahrten aller kleinen Höhen und tiefsten Tiefen, in einem Tempo, das kaum Zeit zum Atmen lässt.

     

    Das Besondere an Painting Marlene ist, dass es nicht nur aus Marlenes Sicht, sondern auch aus der der Mutter, des Hausmeisters und der psychotischen, verklärten Sicht des Täters geschrieben ist. Diese Vorgehensweise potenziert die Spannung, ebenso die Verwirrung des Lesers. Denn bei jedem neuen Abschnitt ist man sicher, dem wahren Täter nun auf der Spur zu sein, nur um im nächsten eines Besseren belehrt zu werden.

     

    Painting Marlene wird für Leser ab 14 Jahren empfohlen. Ganz ehrlich: Hätte ich dieses Buch gelesen, als ich 14 war, ich hätte mehr als nur eine Nacht schlecht geschlafen! Aber ich bin sicher, dass die heutige Generation der 14jährigen dieses Buch besser verkraften. Und vor allem eins: Es lieben!


     

    Anmerkung:

    Sabine Ludwig, Jahrgang ´54, lebt in Berlin und wurde 2010 als »Lesekünstlerin des Jahres« ausgezeichnet. Die erfolgreiche Autorin und Übersetzerin, die sich auf Kinder- und Jugendbücher spezialisiert hat und zugleich als Rundfunk- Redakteurin mit brillianten Formaten wie dem »Ohrenbär« einen Namen machte, überzeugt durch einen klaren, authentischen Sprachstil.

     

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