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Francesco Gungui: Ich mag dich wie du bist

07.11.2011

Verschwommene Sicht

Mit sechzehn ist es höchste Zeit, die Kinderstube zu verlassen. Das ist jedoch nicht nur unbequem, sondern kann auch verflixt weh tun, da so manche kindliche Illusion einem scharfen Blick nicht standhält. Kein Wunder, dass manche Jugendliche sich vor solchen Erfahrungen drücken. Francesco Gungui führt in seinem umfangreichen Roman Ich mag dich, wie du bist leider nicht nur seine Heldin auf verschlungene Wege durch den Dunst, sondern auch die Leserinnen. MAGALI HEISSLER folgte ihnen eher kopfschüttelnd durch das vielfach künstlich eingenebelte Labyrinth.

 

Alice, kurz: Ali, aus Mailand ist süße sechzehn und keineswegs ungeküsst, aber ohne festen Freund. Sie hat einen besten Freund, Luca, der bis vor kurzem ihr fester Freund war. Sie hat ihn schleunigst wieder zum besten Freund gemacht hat, ohne genau sagen zu können, warum. Ebenso wenig erklären kann sie, wieso sie sitzengeblieben ist. Sie ist einfach aus dem Schulleben herausgerutscht, hat das Interesse daran verloren. Ihre Familie, Mutter, Vater und der kleine Bruder gehen ihr nur noch auf die Nerven. Alles ist ihr zu anstrengend. Was sie will, ist, die versprochenen Ferienwochen mit Freundinnen auf Sardinien abzuhängen, keine Pflichten haben, an nichts denken.

Das schlechte Zeugnis allerdings bedeutet das ‚Aus’ für die Sardinienfahrt. Ali schmollt. Als sie dann noch erfährt, dass sie, wie immer im Sommer, Familienurlaub im Wohnwagen in Apulien verbringen soll, ist sie tief beleidigt. Wie kann man sie nur behandeln, wie ein kleines Kind!

Am Strand von Salento ist das Leben zuerst genauso öde, wie Ali es sich gedacht hat. Die begeisterten SMS ihrer Freundinnen aus Sardinien tragen zu ihrer Laune nicht bei. Ihr einziger Trost sind Jammereien via Email an Luca in Mailand. Durch einen Zufall trifft sie Jugendliche eines anderen Campinglatzes. Zu ihrer Überraschung ist auch ein Mädchen darunter, das sie aus Mailand kennt. Und Daniele, ein aufregender Junge mit Rasta-Locken, einem Frettchen namens Dr. Marley sowie Ansichten über das Leben, die Ali neugierig auf mehr machen. In kürzester Zeit ist sie vom gelangweilten, beleidigten Teenager zu einem Mädchen geworden, das alle Hände voll damit zu tun, die neuen Freunde, ein wachsendes Partyleben, Ansprüche der Eltern in puncto Schularbeiten sowie das Familienleben zu jonglieren. Und Luca.

 

Im Schneckentempo

Es geht gemächlich zu in Gunguis Jugendroman. Seine Ich-Erzählerin erspart einer nichts, keinen Gedanken, keine seelische Regung. Das macht das Buch fast zu einer Dokumentation des unablässigen Hin und Her, all der Zweifel, Unentschlossenheiten, Unsicherheiten einer Sechzehnjährigen. Ali breitet ihr Leben aber nicht nur vor den Leserinnen aus, sondern auch vor Luca, von dem sie sich einfach nicht lösen kann. Er ist der einzige, der sie versteht, er heitert sie auf, gibt ihr etwas zum Nachdenken, zeigt ihr, wo sie sich verrannt hat. Das hat Gungui sehr gut eingefangen. Allerdings verliert er sich auch darin, es gibt viele Wiederholungen. Als Ali und Luca einige Wochen getrennt sind, werden auch wortwörtlich ihre Emails wiedergegeben, einschließlich der Beschreibungen für jedes einzelne gesetzte Emoticon. Ali setzt eine Menge davon.

Die Detailverliebtheit macht das Lesen streckenweise ermüdend und eintönig, denn Ali berichtet von jeder Begegnung gleichermaßen ausführlich. Auch die Beziehungen zu Eltern und Geschwistern sind davon nicht ausgenommen. Gut wiedergegeben ist damit die verbreitete Einstellung von Sechzehnjährigen, der Mittelpunkt des Universums zu sein. Gungui verpaßt aber immer wieder den Moment, diese Einstellung, die Ali mehr schadet als nützt, rechtzeitig zur Diskussion zu stellen. Lucas diesbezügliche Attacke kommt überraschend, sie schockiert nicht nur Ali. Sie ist der eigentliche Wendepunkt der Handlung, klingt aber aufgesetzt und geht bald im weiteren Wortschwall Alis unter. Schließlich besteht ihr Sommerleben aus Sonne, Strand, Partys, Mädchengezicke und Flirten. Auch hier schwankt der Autor ständig zwischen dem ausgezeichnetem Beobachter und der Wiedergabe stromlinienförmiger, vorzugsweise Film und Fernsehen entlehnten Verhaltensweisen von Teenagern.

 

Hallo-wach-Nudeln

Während sich die Beziehung zu Daniele zu verfestigen scheint, entdeckt Ali, dass man sich nicht immer auf erste Eindrücke verlassen kann. Die neuen Blickwinkel erschrecken sie, ihr Mitgefühl ist aber geweckt worden und macht die pubertierende Egoistin allmählich zu einem jungen Menschen mit verträglichem Sozialverhalten. Auch ihre Familie, vor allem die Mutter und der kleine Bruder Fede profitieren davon. Die ordentliche Portion ‚Hallo-wach-Nudeln’, die ihr Daniele nach einer gründlich durchzechten Nacht kocht (das Rezept klingt appetitlich), möchte man aber gern dem Autor servieren. Ihm fällt leider nichts anderes ein, als diesen Sommerroman mit einem Happy End auszustatten, das man höflicherweise nur konventionell nennen kann. Ali entscheidet sich für das Bewährte. Von der mühsam errungenen ersten Selbständigkeit bleibt keine Spur. Sie hängt weiterhin an ihrem Vordenker und Aufpasser. Nur die Liebe lässt uns leben.

Süß, romantisch, verhalten prickelnd wie ein Softdrink am Strand an einem warmen Augustabend, aber im Ausblick leider genauso künstlich rosarot, wie das vom Strahler angeleuchtete Zeltdach über der Tanzfläche des schlichten Familiencampingplatzes, versickert die Geschichte im Herkömmlichen.

 

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