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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 26. Mai 2017 | 07:34

    Randnummern, Underdogs und Grenzgänger (IV)

    29.11.2012

    Glam, Mathe und Lethargie

    Glam-Rock-Epigonen, verfrickelte Post-Punks und Im-Bett-Gebliebene: Hauptsache interessant! Findet KRISTOFFER CORNILS – und nimmt im vierten Teil seiner Betrachtungen von Randnummern, Underdogs und Grenzgängern verquere Phänomene aufs Korn.

     

    Als Roxy Music, Gary Glitter und T.Rex mit flamboyantem Rock und androgyner Ästhetik aneckten, hatte Pop Levi alias Jonathan James Mark Levi noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt. Gut vier Dekaden nach dieser Zeit voll Glanz und Glitter will der mittlerweile 35jährige Engländer das Genre mit seiner eigens angerührten Medicine – so der Titel seines vierten Albums – reanimieren. Dazu grabscht er sich schnell einen Strawberry Shake und schwingt sich auf sein Motorcycle 666. Jedes Police $ign wird im hyperfidelen Uptempo generös links liegen gelassen, das Auto-Tune voll hochgezogen und die Beats knallen wie auf Hochglanz polierte Fehlzündungen durch die übersättigte Produktion. Rock solid? Weit gefehlt, Levi schlägt mit seinem dadaistischen Weirdo-Pop spätestens nach drei Songs auf dem rock bottom auf. Affektiert, aufgesetzt und total übertrieben. Und wie das eben so ist mit der Medizin: Ab einer gewissen Dosis endet es zwangsläufig tödlich. Glam Rock darf – und sollte wohl auch – weiterhin in Frieden ruhen.

     

    Das schottische Trio PAWS gibt sich da schon etwas dezenter, auch wenn das farbverknallte Cover ihres Debütalbums Cokefloat! etwas anderes vermuten lässt. Wer nun aus dem Titel eine Anspielung auf weißes Pulver mit egoaufplusternden Nebeneffekten herauslesen will, hat sich ebenfalls geschnitten: Sowohl Artwork als auch Albumname sind einem Comicstrip Jessica Penfolds entlehnt, die in ihrem Coffee Shop wohl hin und wieder den klebrigen Mix aus Cola und Speiseeis servieren dürfte, der sich eigentlich hinter dem Begriff verbirgt. Alles ganz harmlos also und von daher nah an der Musik der Briten angesiedelt: Die klingen auf den 13 Tracks milde hysterisch, dezent slackerhaft und stets süßlich. Simple, aber wirkungsvolle Gitarrenlicks treffen auf stimmungsvolle Hooklines, die leicht angezerrt aus dem Lautsprecher wabern. Das Trio steckt eben tief im US-amerikanischen Indie-Rock der 90er Jahre, vor allem Pavement können als Paten im Geiste herangezogen werden, wenngleich PAWS doch um einiges zackiger agieren. Nicht weiter schlimm, aber eben auch nicht weiter umwerfend: Cokefloat! ist ein glattes Album, das ohne Höhepunkte auskommt und trotzdem für wohlige Gefühle sorgt. Wenn der Frühling wieder ausbricht, wäre ein Griff zu dieser Platte nur gerechtfertigt.

     

    Mit schniekem Indie-Rock reüssieren auch Die! Die! Die! auf ihrem mittlerweile vierten Album. So ganz können sie sich zwar nicht entscheiden, ob sie mit krachigem Post-Punk mit arty Kante à la Les Savy Fav und Konsorten die Überholspur für sich beanspruchen wollen oder doch ihrer poppigen Seite freien Lauf lassen. Dabei wäre Letzteres vielleicht sogar die bessere Entscheidung. Denn dass Die! Die! Die! atmosphärische Riffs und wunderschöne – und eigentlich überhaupt nicht eingängige – Gesangsmelodien am besten stehen, beweisen Smasher wie der absolute Höhepunkt Trinity mit seinem nahezu ätherischen Refrain oder der nachfolgende Midtempo-Schunkler Seasons Revenge. Zwei Songs, die herausstechen, die eine Investition in dieses Album aber zu einer lohnenswerten machen. Zähnefletschende Frickelnummern wie Erase Waves und No One Owns A View können mit ihrer unterschwelligen Aggressivität hingegen wohl eher live überzeugen – in beinahe zehn Jahren Bandgeschichte hat sich neuseeländische Trio in dieser Hinsicht einen eindeutigen Ruf erspielt. Dürfte schwitzig werden! Nichtsdestotrotz: Was ist anderes von einem Album namens Harmony zu erwarten, wenn nicht, dass in seinen Songs in der Ruhe die Kraft liegt?

     

    Three Second Kiss haben ähnlich wie PAWS ihre Wurzeln in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts – tatsächlich gründete sich die Band 1996 in Bologna – und sind genauso wie Die! Die! Die! für vertracktere Sounds und Rhythmen zu haben. Den Referenzrahmen stecken Proto-Math- beziehungsweise Post-Rock-Bands wie Slint und Shellac (mit denen Three Second Kiss bereits auf Tour waren) ab, den trockenen, erdigen Sound erweitert das Trio um exotische Klänge, wie sie auf ihrem Label Africantapes gang und gäbe sind (man denke beispielsweise an Hazel-Rah. Die Gitarrenlicks winden sich wie wilde Dornenranken, das Schlagzeug zittert nervös dahin und die Vocals suchen ihren Weg zur Transzendenz über den Pfad der Meditation zu finden. Das führt meistens jedoch dazu, dass Three Second Kiss minutenlang auf der Stelle trippeln und den Ausweg aus der eigenen Verkopftheit vor lauter Raffinesse nicht mehr zu erkennen scheinen. Tastyville steht sich nicht immer, aber immer öfter selbst im Weg. All die vertrackten Sounds ebnen sich schnell selbst zu einer ermüdenden Gleichförmigkeit ein und potenzielle Hits wie das grungige Don’t Dirt My Heart werden mit zu viel Virtuosität zugeschüttet. Schade.

     

    Noch mehr 90er-Fame gefällig? Gerne doch: Leslie Winer ging nicht nur als Model in die Annalen der Popkultur ein, sondern konnte auch als Poetin und Musikerin moderaten Erfolg für sich verbuchen. Auf das offiziell 1993 erschienene Album WITCH ließ sie jedoch herzlich wenig folgen – vor Kurzem. Denn das sich in den Dunst der Anonymität (psst, nicht weitersagen, aber: Die haben was mit Touch Records zu tun!) kleidende Kollektiv um das Kassettenlabel The Tapeworm – auf dem vor zwei Jahren Aufnahmen Winers aus dem Jahr 1994 erschienen – und das daran angeschlossene Geschwisterlabel The Wormhole, welches den Fokus auf CD- und Vinyl-Releases legt, macht sich daran, den Output der Künstlerin der Öffentlichkeit nachträglich zugängig zu machen. &c. versammelt Aufnahmen, die bis in die 1980er Jahre zurückreichen und das Verdikt eines NME-Schreibers verständlich werden lassen, der Winer als »grandmother of trip hop« bezeichnete. Deren Liebe zu entspannten Rhythmen und der räumlichen Tiefe des Dub ist den 19 Tracks der streng limitierten CD deutlich anzuhören – nicht weiter verwunderlich, hat Winer doch in der Vergangenheit unter anderem mit Jah Wobble kollaboriert, eben dem jungen Wilden, der gemeinsam mit John Lydon aus dem Sex Pistols-Bannkreis ausbrach, um Public Image Ltd. zu gründen. Erstaunlich nur, dass die angeblich so alten Aufnahmen ein dermaßen klares High-Fidelity-Finish aufweisen. Musikalisch zumindest klingen sie aber wie aus der Zeit gefallen, greifen hier und dort Drum’n’Bass-Referenzen auf, spielen mit verrappten Vocal-Samples, fahren karge Chords und dicke Basslines auf. Schade nur, dass selbst Winers rauchige Stimme über die 80 Minuten der Sammlung nicht so ganz zu fesseln weiß. Zwischen der überwältigenden Vielzahl der Tracks blitzt zwar hin und wieder eine Perle wie die Power-Ballade John Says auf, eine strengere Vorauswahl der Tracks hätte dieses Release aber erst zu einer runden Sache gemacht.

     

    Kommen wir von einer, die sich mit ihrer Musik lange nicht mehr an die Öffentlichkeit gewagt hat, zu einem, der am liebsten gar nicht erst das Bett verlassen würde: Edmund Davie bezeichnet den schluffigen Casiotone-House-Bodenabsatz, den er unter dem Pseudonym oMMM fabriziert, schließlich gern als Bedcore. Nach langer Veröffentlichungspause meldet er sich nun mit Re-Animator Volume 1 zurück, das sowohl auf Kassette als auch in digitaler Form erhältlich ist. Auf stolzen 24 Tracks breitet Davie seine musikalische Vision des Bedcores innerhalb von 50 Minuten aus. Die schließt kratzige Lo-Fi-Beats ebenso wie harsches Knarzen und nervenaufreibende Synthie-Lines mit ein. Nicht unbedingt etwas für schwache Nerven, schließlich erinnert Re-Animator Volume 1 teils stark an die Merzbeat-Ausflüge des japanischen Krachkultstars Merzbow, ohne jedoch diesem in Sache sonischer Dichte nachzueifern. Davie zelebriert einen viel schrottigeren, flacheren Sound – und findet genau darin seine eigene Stimme. Ein Album, das tatsächlich wie geschaffen für einen verkaterten Wintermorgen scheint – wenn es sich halt einfach nicht lohnt, das Bett zu verlassen und nichts außer einem redundanten, kratzbürstigen Sound die Gesamtsituation besser beschreiben könnte. Lethargie pur. Muss auch mal sein!

     

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