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Klanglabor

04.09.2012

Klanglabor IV

Zwischen Krachkultur und Jazzzeit: KRISTOFFER CORNILS liefert den vierten Laborbericht aus dem internationalen Klanglabor. Mit dabei: Mike Vainio, Harry Pussy, Russell Haswell, Filiamotsa Soufflant Rhodes, The Remote Viewers und Oren Ambarchi.

 

Ex-Pan Sonic-Mitglied Mika Vainio fügt seiner umfassenden Diskografie mit FE304 ein weiteres Album hinzu. Vainio, der bisher kaum eine experimentelle Spielart unprobiert gelassen hat, präsentiert auf sieben Tracks mit einer Gesamtspiellänge von knapp 56 Minuten einen geradezu entmenschlichten Sound. Einzelne Klänge, statisches Dröhnen und oszillierende Mehrklänge bedrängen und überlagern sich, lassen sich Raum und verklingen wieder. Als hätte Vainio die innere Dynamik eines im langsamen Strom befindlichen Eisschollenfeldes in einen sterilen Sound transformiert.

 

FE304 ist dem titelgebenden Mineral ähnlich kalt und leblos, aber auch vielseitig und irisierend. Ein Seiltanz zwischen den Polen Stille und Klang, über dem Abgrund einer großen Depression. Ein besonderes Album, dessen scheinbare Wahllosigkeit sich mit ein wenig Aufmerksamkeit schnell als grundlegendes Stilmittel erkennen lässt. Aus der klanggewordenen totalen Entfremdung wird man dann unsanft heraus befördert: Elvis‘s TV Room endet auf einem hohen Fiepen, unerträglich und eigentlich unmenschlich. Ein verstörendes Finale eines nicht minder aufrüttelnden Albums.

 

Hören auf eigene Gefahr

Vainios Album bietet mit seinem Abschluss somit die perfekte Vorbereitung auf das 1998 erschienene Let’s Build A Pussy, das von Editions Mego nun neu veröffentlicht wird. Ihr ziemlich genau einstündiges, damals postum releastes Album lassen Hairy Pussy, eine der einflussreichsten Noise-Rock-Bands der 1990er Jahre und hier bereits zum Duo geschrumpft, noch mit einem verzerrten Bellen anfangen. Ein letzter Rest Menschlichkeit, bevor die Synthies regieren.

Genauer gesagt: Es sind eigentlich nur zwei Töne, die Bill Orcutt (mittlerweile alles andere als brav, aber vergleichsweise gesitteter als Sologitarrist unterwegs und Adris Hoyos da nebeneinander laufen lassen, mal hoch- mal runterregulieren. Töne, das ist auch wieder zu euphemistisch ausgedrückt: Es sind eigentlich nur nervenzerfetzende, im wahrsten Sinne ohrenbetäubende Störsignale. Nimmt man nach gut einer Stunde – vorausgesetzt, man hält so lange durch – die Kopfhörer wieder beiseite klingt die Umgebung plötzlich fremd, wie in Watte eingepackt und vibrierend. Eine schmerzhafte, körperliche Erfahrung.

 

Ein Album, das danach fragt, wie noisig Noise wirklich sein kann und welche Auswirkungen es auf Körper und Wahrnehmung hat. Eine der größten, unerträglichsten Zumutungen der Musikgeschichte. Hören auf eigene Gefahr.

 

Sturm der Begeisterung

Im Club ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Und als die ersten Töne erklingen, verfällt das zahlreich erschienene Publikum in einen frenetischen Jubel. Kurz kommen die Attacken, heftig und eruptiv – nach vier, fünf Minuten ist alles vorbei. Sie werden glückselig aufgenommen und am Ende gehen alle mit dem leicht debilen Grinsen nach Hause, das sich nach richtig guten Gigs automatisch aufs Gesicht zaubert. Ja, so muss das ausgesehen haben, denkt man, hört man Russell Haswell zu, wie er seinem Publikum knarzige Harsh-Noise-Salven entgegenfeuert. Scandinavian Parts (Immersive Live Salvage Supplement) räumt reihenweise mit den Klischees auf.

 

In Kopenhagen, Oslo, Göteburg und Aarhus schlägt dem umtriebigen Multimediakünstler alles andere als skandinavische Unterkühltheit entgegen. So feierwillig, lautstark und amüsiert erlebt man die als nerdig verschriene Noise-Szene eher selten – und auch dass die Musik überhaupt einen solchen Sturm der Begeisterung auslösen kann, ist bemerkenswert. Das täuscht zwar nicht darüber hinweg, dass Haswell im Rahmen der Möglichkeiten der Krackkultur doch relativ konventionelle Sets abliefert und die Aufnahmequalität der einzelnen Setausschnitte etwas changiert. Es ist aber eine Freude mit anzuhören, dass Noise ein solches Potenzial birgt, einen Raum von Menschen so begeistern kann. Selbst wenn Harsh Noise eigentlich das Gegenteil will.

 

Unnötige Exzentrik

Aus einer reichhaltigen Tradition von Noise-Musik schöpfen auch Filiamotsa Soufflant Rhodes. Behauptet ein Song wie So Noise immerhin und spricht da dem Promotext des Albums zu. Die Realität sieht jedoch anders aus. Das ursprünglich als Duo konzeptionierte französische Projekt ist mittlerweile zum Quintett angewachsen und legt nun sein selbstbetiteltes, zweites Studioalbum vor. Das ist weniger krachig und queer als es wohl gerne wollte: Ein Impro-Feeling wie bei Haswell noch lässt sich kaum ausmachen und auch etwas genuin Noisiges geht der Musik der Band vollends ab. Eine leicht zerfahrene Jazz-Rock-Fusion wird über sechs Tracks schlechterdings breitgetreten, im besten Falle mal knackig rübergebracht.


Die Ambitionen mögen da sein, werden auf 40 Minuten Spielzeit aber mit unnötiger Exzentrik zugeschüttet. Auch, wenn das für die fünf Musikerinnen und Musiker mit Sicherheit kein Kompliment sein dürfte: Am packendsten sind ihre Songs dann, wenn sie auf alle Experimente verzichten und mit ätzenden Violinen- und Bläsermelodien gespickt losrocken. Oder in diesen ersten 40 Sekunden von Montroyal, wo das Rhodes-Piano aus dem Bandnamen seinen Einsatz findet – still, hypnotisch und einfach schön. Das deutliche Highlight einer ambivalenten Platte.

 

Halbgare Okayigkeit

Ambivalenz kann man The Remote Viewers nicht vorwerfen. Zwar bewegen sie sich mit ihrem mittlerweile elften Album City Of Nets im Grenzbereich von Jazz und neuer Musik, lassen aber wirklichen Wagemut vermissen. Anders als bei Filiamotsa Soufflant Rhodes wird ihnen ausgerechnet ihre Geradlinigkeit zum Verhängnis: Die sorgsam arrangierten Tracks tröpfeln unmotiviert und undynamisch vor sich hin, entfalten keinen wirklichen Charakter und langweilen stellenweise enorm. Denn es fehlt City Of Nets an Bewegung, beinahe könnte man sagen Nervosität, an Feuer und Ausgelassenheit. Auch der heftige Groove von Tracks wie Red Test und A Girl And A Gun wirkt in der Gesamtsicht schal, denn abgesehen von der Rhythmussektion passiert auf lange Frist nichts von Interesse. Die Saxofone stimmen einen schluffigen Singsang an, der mal gegeneinander versetzt und kombiniert wird, nie aber wirklich Spannungen nutzt oder gar erzeugt.

 

Zusammengenommen ergeben die zehn Tracks sicherlich nicht das schlechteste Album, sie wissen aber auch nicht zu überzeugen. In ihrer halbgaren Okayigkeit können sie leider weder den packenden Charakter des Jazz noch die verstörende Wirkung der Neuen Musik entfalten und erst recht nicht die beiden musikalischen Ansätze in so etwas wie ein interessantes Wechselspiel bringen. Nicht ambivalent, sondern erschreckend eindeutig. Eindeutig langweilig.

 

Bulldozerndes Monster

Dass Oren Ambarchi vielleicht auch bald mit jazzigen Tönen ums Eck kommt, scheint gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Zwar hat sich der Australier als Drone-Künstler einen Ruf gemacht und wurde besonders für seinen beeindruckenden Basssound gelobt. Spätestens aber mit dem im Februar erschienen Album Audience of One  fing ein neues Kapitel im Werdegang des Multiinstrumentalisten an. Ein lupenreiner Indie-Pop-Song, das großartige Salt, war darauf zu finden und stand neben einer 30minütigen Free-Rock-Nummer, der wiederum ein Cover eines Tracks von Ace Frehley (KISS) folgte. Mit dem Nazoranai-Projekt, bei dem Ambarchi als Drummer mit HAINO Keiji und Stephen O’Malley einen improvisierten, psychedelischen Doom-Sound zauberte, zeigte Ambarchi eine gänzlich andere Seite seines Schaffens.

 

Das sind nicht die einzigen Platten, bei der Ambarchi dieses Jahr mitwirkte, aber sie deuteten bereits die Richtung an, die seine neue LP Sagittarian Domain unbeirrt einschlägt. Dabei handelt es sich erneut um einen einzigen, halbstündigen Track. Der wird ganze 25 Minuten von einem dumpfen Bassgroove dominiert, der an Monotonie kaum zu überbieten ist, daraus aber seine hypnotische Energie gewinnt. Und für Abwechslung wird dann letztlich gegen Ende hin genügend gesorgt. Nachdem sich bereits verhaltene Drones und einzelne Melodien über dem kargen Locked Groove ankündigten, explodiert der Track förmlich, als die Gitarren einsetzen. Ein kleines Feuerwerk, ein orgiastischer Wendepunkt, dem wieder ein Abklingen folgt. Und während Schlagzeug und Bassline unbeirrt voranrollen, schälen sich langsam Streicher aus der wirren Gitarrenkakophonie, dieser Nachgeburt der Ekstase. Irgendwann setzt der Bass aus und dieses bulldozernde Monster von einem Track endet nunmehr auf die Streichersektion reduziert auf einer versöhnlichen, bittersüßen Note. Spätestens nach Sagittarian Domain kann man von Ambarchi so gut wie alles erwarten. Nur, das deuten die letzten Releases an, eben keine schlechte Musik.

 

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