Die Band tunng gehört zu jenen Truppen, die seit Jahren Folk auf neue Ansätze abklopfen. Reichhaltiges Instrumentarium, Samples und elektronische Spielereien sorgen für Überraschungen zwischen klassischer Folk-Schönheit und noisigem Gezirpe. Der Frontmann von tunng, der Londoner Mike Lindsay feierte vor fünf Jahren einen Jahreswechsel auf Island. Dabei verliebte er sich nicht nur in Land und Leute im allgemeinen, sondern auch noch in eine spezielle Frau. Der Kontakt blieb bestehen, und 2010, nachdem tunng auf dem Iceland Airways Festival gespielt hatten, reisten Mike und Harpa (so der Name der Frau) in ein kleines Fischerdorf am Ende der Inselwelt. Nun hatte es ihn endgültig erwischt und er kehrte bald mit dem Plan zurück, ein Album aufzunehmen, mit den Leuten, die Lust hatten und dem Instrumentarium, das er leihen konnte.
Mit Blick auf den verschneiten Cheek Mountain unter wolkenverhangenem Himmel fing Mike an zu improvisieren. Nach und nach fand sich wie von selbst eine Musikerschar, darunter die Teenager Oskar, Spezialist für Pedal-Effekte und der Akkordeonspieler Asta. In Reykjavik fand das Projekt seinen Abschluss, unter anderem mit einem nach einem Pub benannten Männerchor und Mixer Gunni Tynes von der isländischen Band Mum. Herausgekommen ist bei diesem Liebestrip verständlicherweise keinesfalls ein von Winter, Düsternis und Fernweh geprägtes Album, sondern der musikalische Ausdruck des Gefühls, fern der Heimat in einer umwerfenden Umgebung auf nette Menschen zu treffen, mit denen man auf einer Ebene kreativ und unbeschwert arbeitet. Tunng Fans erkennen Lindsay als Cheek Mountain Thief wieder, das Soloprodukt wirkt im Vergleich etwas harmonischer und weniger weird einerseits, offenbart allerdings weniger Ohrwurm-Momente als beispielsweise Good Arrow aus dem Jahre 2007. Im Spannungsfeld London-Reykjavik dürfte noch manch toller Song entstehen.