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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 22. August 2017 | 16:59

    Klanglabor - Von Kristoffer Cornils

    26.07.2012

    Klanglabor III

    Von nervenaufreibend bis narkotisch: KRISTOFFER CORNILS liefert den dritten Bericht aus dem internationalen Klanglabor ab. Diesmal mit Peter Adriaansz, Jim Coleman, Kiko C. Esseiva, Willits + Sakamoto und Christian Fennesz

     

    Ein paar Worte nur, schon ist die Neugier geweckt, wird die Assoziationsmaschine angeschmissen: »Là, sur le mur, il est écrit«, »Dort, an der Mauer, steht es geschrieben«, hört man eine Frauenstimme über den Hintergrundlärm einer Straßenkulisse sagen. Der wird urplötzlich abgeschnitten, es bleibt die Ungewissheit. Drôles d’Oiseaux setzt ein Rätsel an den Anfang, dann kommt das retardierende Moment: Es passiert erst mal gar nichts. Oder zumindest: sehr wenig. Denn Kiko C. Esseiva nimmt sich für sein drittes Album gehörig Zeit. Vier Tracks auf einer Gesamtlänge von fast 50 Minuten, so gut wie alles wird von collagierten Feldaufnahmen bestritten. Musique concrète in Reinform.


    Wenig Neues oder Umwerfendes hört man auf Drôles d’Oiseaux, ein wenig Stoff zum Sinnieren und Imaginieren liefert die langsam dahin rollende Geräuschwalze doch. Das hat mal was von Amazonas-Dokumentation, mal kreiert der Kompositeur mit den schweizerischen und spanischen Wurzeln eine beklemmende Horrorshow. Ein zähflüssiger kleiner Film, der sich da aus wenigen Drones, verzerrten Klängen und Feldaufnahmen zusammen findet. Nicht wirklich spannend, aber sehr atmosphärisch.

     

    Liebäugelei mit der Suspense

    À propos Spannung: Auf die schien Peter Adriaansz abgezielt zu haben. Sein Album Three Vertical Sweels versammelt auf einer Gesamtlänge von rund einer Stunde zwei verschiedene Projekte, die sich sehr ähnlich, auch wenn sie mit zum Teil verschiedenen Instrumenten umgesetzt wurden. Three Vertical Swells aus dem Jahr 2010 besteht aus drei Kompositionen, bei denen Adriaansz Hammondorgel, Streicher, Gitarren und einige Perkussionsinstrumente zusammen laufen lässt. Der Titel hätte nicht besser gewählt sein können: Die drei Tracks, zwischen acht und zehneinhalb Minuten lang, schwillen – vertikal, tatsächlich, immer auf einer Ebene. Adriaansz ist fasziniert von mikrotonalen Intervallen, Tonabständen also, die kleiner sind als der in der westlichen Welt schon als dissonant empfundene Halbtonschritt. Und er macht mehr als genug Gebrauch davon.


    Das hat leider zur Folge, dass sich vor allem Three Vertical Swells gar nicht vom Fleck zu bewegen scheint, allem gelegentlich eingesetzten perkussiven Geklapper zum Trotz. Im zweiten Teil, dem 2008 entstandenen Music For Sines, Percussion, E-Bows & Variable Ensemble sieht das kaum besser aus. Mehr noch als die erste halbe Stunde werden die fünf Sätze von Sinuswellen dominiert – nicht gerade ohrenschmeichelnd und garantiert entsetzlich langweilig. Da ist es eine Wohltat, wenn die Streicher ihre mikrontonalen Bewegungen vollführen oder ein Tasteninstrument in den nervenaufreibenden Klangbrei poltert und das Ganze rhythmisch auflockert. Adriaansz‘ Liebäugelei mit der Suspense, dieser beinahe statischen Collage, die alle Nackenhaare aufstehen lässt – sie ist leider alles andere als spannend.

     

    Die großen Gefühle

    Da könnte man denn fast mit den Augen rollen, wenn Jim Colemans Tree seinen Auftakt nimmt. Auch da fiept das Cello der Gastmusikerin Kirsten McCords für ein paar Sekunden einen kläglichen, schmerzhaften Ton – bis der erlösende Basslauf kommt. Nein, Coleman geht die Dinge anders als Adriaansz. Das mag daran liegen, dass er nicht nur die Universitäten betourt hat, sondern in den 90ern auch die Clubs. Im Vorprogramm von ikonischen Acts wie Sonic Youth, Helmet, Henry Rollins, Iggy Pop und den Red Hot Chili Peppers. Nachdem sich seine Band Cop Shoot Cop 1996 auflösten, tingelte er solo durch alle Sphären und Pseudonyme, die nur in Reichweite waren. Mit Trees legt er nun ein überraschend zurückhaltendes Album vor.


    Klassische Einflüsse und Instrumentierung sind da, andererseits entfalten sich die Tracks zu epischen Ambient-Soundscapes. Immer wieder wendet sich das Blatt im Laufe der zehn Stücke: Euphorische, von schallenden Bläsern unterfütterte Parts weichen unvermittelt kalter, trister Elektronik, die wieder von brummenden Bässen weggeräumt wird, über denen filigrane Gitarrenmelodien schweben. Trees ist ein Album, das ganz bescheiden die großen Gefühle ausformuliert. Unmerklich manchmal, an anderen Stellen brachial. Das von Coleman im Selbstverlag veröffentlichtes Album darf nicht übersehen werden. Dafür ist es viel zu brillant.

     

    Sehnsuchtsvolle Aufbruchsstimmung

    Bei einem Wort wie »brillant« ist man schnell bei Ry?ichi Sakamoto. Der japanische Komponist war einer der Köpfe hinter dem Yellow Magic Orchestra, das gerne als die asiatische Antwort auf Kraftwerk betitelt wurde. Danach legte er eine beeindruckende Solokarriere hin, verlor aber nie das Interesse an Kollaborationen und Remix-Projekten. Zuletzt nahm der Österreicher Christian Fennesz Improvisationen des Pianisten durch die Mangel, auf Ancient Future kleidet Christopher Willits die reduzierten Klänge Sakamotos in ein neues Gewand. Der Multimedialkünstler Willits und der Japaner veröffentlichten bereits vor vier Jahren eine Kollaboration. Mit ihrem neuen Album übertreffen sie Ocean Fire jedoch bei Weitem


    Eine sehnsuchtsvolle Aufbruchsstimmung durchzieht die sechs Kompositionen. Ancient Future heißt das Album und es gibt keinen Titel, der besser passen würde. Das behutsame Spiel Sakamotos, das hier und da ins Dissonante abrutschet, wird mit statischem Rauschen und verwaschenen Loops umrahmt. Daneben treten jazzige Klänge und dezente Beats. Genau die Musik, zu der man sich in den 53. Stock eines Tokioter Wolkenkratzers wünscht, mit einem Whisky in der Hand und den Kopf voller Gedanken. Schließlich soll die melancholische Musik, die manch käsigen Anachronismus in Form von loungigem Retro-Futurismus durchläuft, das Schicksal abbilden, den Verstehens- und Vervollständigungsprozess dessen, was unser Leben ist. Ein hoch gegriffenes Ziel, das aber von Durchlauf zu Durchlauf mehr und mehr wie ein erreichtes scheint. Ebenfalls: Brillant. Und, das muss man in Hinsicht auf die Diskografie beider Musiker sagen: Mal wieder.

     

    Einmal durch das OEuvre

    Noch nicht genug von Sakamoto: Parallel zum Release von Ancient Future kann der eine weitere Veröffentlichung in seiner Diskografie verbuchen. Obwohl er doch eigentlich gar nicht so viel zu dem Soundtrack des japanischen Films AUN – The Beginning and the End of all Things  beigetragen hat. Aber der bereits oben erwähnte Christian Fennesz konnte es sich nun nicht nehmen lassen, einige ältere Stücke einer gemeinsamen Kollaboration wiederzuverwenden. Nicht dem erst kürzlich erschienenen, etwas mau ausgefallenen Album flumina, sondern dem fünf Jahre zurückliegenden Cendre entnahm der österreichische Gitarrist und Klangkünstler drei Tracks. Untermalt hat er mit denen und einem Dutzend neueren Stücken eine bildgewaltige wie ruhige Story, irgendwo zwischen Sci-Fi-Utopie und bedrohlicher Zukunftsvision. Zum Neugier weckenden Trailer und den düsteren Stills im Booklet des Soundtracks passt die Musik Fennesz‘ perfekt. Aber kann AUN – The Beginning and the End of all Things auf sich gestellt überzeugen?


    Jein. Zwar versammelt die CD einige Tracks, denen die einlullende Leichtigkeit von Fenneszletzter Platte zu eigen ist und hier und dort zeichnet sich die Gravität ab, die Alben wie Black Sea zu den Meisterwerken gemacht hat, die sie sind. Und doch haben die 15 Kompositionen eher einen Querschnittcharakter. Ein fünfzehnteiliger Trip durch das Œuvre dieses großartigen Musikers, der mit dem Gedanken daran kompiliert wurde, die visuelle Vorlage zu komplimentieren. Über die mehr als 50 Minuten mögen sich die sanften, narkotischen Drones, diese erstaunlich warme Laptop-Musik mit ihren manipulierten Gitarrenparts nicht unbedingt zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen, so grandios sie auch im Einzelnen sein mögen. Ein Problem, das viele Filmscores durchzieht? Sicherlich. Und im Vergleich ist Fennesz noch eigenwillig genug, um hervor zu stechen. Ein wirklich großer Wurf ist ihm trotzdem nicht gelungen. Der könnte ja vielleicht mit einem neuen Album kommen: Die wiederholt aufblitzenden genialen Momente lassen einiges erwarten.

     

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