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Dienstag, 28. März 2017 | 10:10

Grasscut: Unearth

12.07.2012

Der Tonträger als Überraschungsei

Gelungenes Songwriting, poetische Texte und ein ungewöhnlicher Rätselspaß – das sind ja drei Dinge in einem! Grasscut bieten beste Unterhaltung für das anspruchsvolle Kind im erwachsenen Pop-Fan. Von TOM ASAM

 

Schon Grasscuts Debüt 1 Inch: ½ war eine ungewöhnliche Veröffentlichung. Was vom Mojo Magazin als Elektro-Album des Monats gekürt wurde, war viel mehr. Ein Hybrid aus gekonntem Songwriting, klassischer Instrumentierung und elektronischen Soundschnipseln. Nicht nur wurden Brücken zwischen diversen Stilen geschlagen, der Hörer wurde auf eine Reise mitgenommen zum versunkenen Dorf Balsdean – als Reiseunterlagen dienten die Texte und eine beigelegte Karte. Mit Unearth knüpfen Grasscut, im Kern Songwriter, Texter und Produzent Andrew Phillips, an diese poetischen Spinnereien an. Diesmal gibt es zehn bewegende Songs, welche zehn verschiedene Orte beschreiben. Diese sind zudem als verhuschte Doppelbelichtungen ins Booklet eingearbeitet. Die erste Single-Auskopplung Pieces führt uns in eine nur zur Hälfte vollendete Hochautobahn im Osten Londons, link in the night führt nach East Coker, den Familiensitz von TS Eliot, Lights beschreibt mysteriösen Grotten von Margate. So weit, so versponnen – aber es geht noch weiter: Es gibt eine geheimnisvolle Schattenseite des Albums in Form von alternativen Song-Versionen. Diese existieren je einmal auf Kassette (inklusive Walkman) – versteckt in Kisten, die an den thematisierten Orten verbuddelt sind!

 

Musikalisch setzen Phillips und seine Mitmusiker dem etwas in Vergessenheit geratenen Genre der Indietronics oder Folktronics die Krone auf. Ordentliches Songwriter-Handwerk und verträumter Gesang treffen auf Beats und Soundschnipsel. Erst unter dem Kopfhörer offenbart sich, wie komplex hier Melodien und kleinteilige Spielereien verwoben sind. Trotz aller Komplexität und anspruchsvollem konzeptuellen Beiwerk funktionieren die Stücke aber auch als »ganz normale« Popsongs. In Reservoir – diesmal geht es um ein geflutetes Dorf an einem walisischen See – dominiert die Gitarre, während bei In a mysterious disappearance elektronische Beats auf gesampleten Jazz der Schellack-Ära treffen. In Lights besticht durch schöne Piano- Parts und We fold ourselfs bietet ein gesangliches Cyber-Duell zwischen Phillips und der 50s-Sängerin Kathleen Ferrier. Der Ideenreichtum, den Phillips auf einem Album zu Tage legt, gereicht so manchem Künstler zu einer ganzen Karriere.

 

Nun könnte man hier mit dem ja oft auch zutreffenden »weniger ist mehr« kommen, was in kommerzieller Sicht vielleicht auch zutreffen würde. Aber Grasscut muss man lieben wie sie sind. Eine derartig konsequente Verbindung aus versponnenem Künstlertum und konzentriertem Handwerk bekommt man heutzutage nicht allzu oft geboten. Ach ja, als Dreingabe gibt’s passenderweise ein Gastspiel von Robert Wyatt!

 

 

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