Goldene Mitte
Stephan O’Malley, Oren Ambarchi und Keiji Haino – noch Fragen? Der Metal-Nerd, Labelbetreiber und Drone-Übergott O‘Malley trifft auf seinen alten Weggefährten, den umtriebigen Gitarristen Ambarchi, um gemeinsam mit ihm und der lebenden Legende der japanischen Experimentalszene einige Auftritte zu spielen. Der Auftritt in Berlin war ein intensives Erlebnis, bei dem vor allem der extrovertierte Haino mit seinen gutturalen bis kreischigen Vocals, abgefuckten Gitarrensoli und harschen Noise-Attacken herausstach. Laut O’Malley musste der 60jährige in Paris von der Security von der Bühne gezerrt werden, weil er partout nicht aufhören wollte.
Dass alles so gut aufgehen würde, war jedoch der großen Namen zum Trotz noch lange nicht selbstverständlich: O’Malley nahm sich zum ersten Mal wirklich den Bass als Improvisationsinstrument vor. Ambarchi musste versuchen, zwischen dem Derwisch Haino und den erstaunlich funkigen, trotzdem aber Doom-gesättigten Bassläufen, zu vermitteln. Die Performance, die nun unter dem Titel Nazoranai veröffentlicht wird, stammt aus dem Herbst 2011, aufgenommen in O’Malleys Wahlheimat Paris. Gerade der verdeutlicht in seinen das Album begleitenden Aussagen, wie sehr er von den Improvisationsabenden gelernt hat. Tatsächlich klingt der Konzertausschnitt gar nicht mal so zerfahren und experimentell, wie es zu erwarten wäre.
Für Zusammenschnitt war Ambarchi zuständig und beweist ein gutes Gespür: Langweilig werden die 70 Minuten überspannenden Tracks zumindest nicht. Als Trio Nazoranai präsentieren sich die drei Vollblutmusiker in Bestform: Der erste der vier Ausschnitte – obwohl es eine CD-Version gibt, ist die Veröffentlichung doch an Vinylverhältnisse angepasst – steigert sich aus einem minimalistischen Psych-Doom-Stück in einen atemberaubenden Klimax. Danach übernimmt O’Malleys Bass die Kontrolle, scheint es – der zweite Teil erinnert fast an die theologiebegeisterten Slow-Mo-Stoner von Om. Im folgenden, 22minütigen Stück schaukeln sich Ambarchi und Haino gegenseitig hoch. Die beiden können auf einige gemeinsame Live-Erfahrung zurückblicken und sind entsprechend eingespielt. Dass die drei Ausnahmemusiker allerdings die Goldene Mitte gefunden haben, beweist am schlagkräftigsten das abschließende Not to leave everything to the light outside of you but to be aware of the prayer »what do I want to do?« that exists inside of you, and let that go out of you as a light, or things might get worse, no? (die Tracktitel stehen deren Länge natürlich in gar nichts nach). Ebenso sehnsuchtsvoll wie spiritualistisch klingen die die hypnotischen Klänge, die die drei wie selbstverständlich aus dem Ärmel schütteln, bevor sie in ein eruptives Finale ausbrechen.