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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 22. August 2017 | 16:58

    Outer Space: Akashic Record / Nazoranai: Nazoranai / Azurazia: OST. Lowering the Mediterranean, Irrigating the Sahara / Philippe Petit: Chapter II

    05.07.2012

    Klanglabor II

    KRISTOFFER CORNILS mit dem aktuellen Bericht aus dem internationalen Klanglabor: Outer Space, Nazoranai, Azurazia und Philippe Petit.

     

    Als hätte er nicht schon genug zu tun: Als ein Drittel der hochproduktiven Emeralds könnte John Elliott doch eigentlich schon ausgelastet sein. Aber nein, da wäre ja noch das Label, das er zusammen mit Editions Mego-Mitbegründer Peter Rehberg kuratiert. Auf eben jenem Label, Spectrum Spools, legt er nun Akashic Record (Events 1986-1990) vor. Nebenbei gesagt seine circa 22. Veröffentlichung unter dem Alias Outer Space – wohlgemerkt in vier Jahren! Wie seine beiden Emeralds-Mitstreiter Mark McGuire und Steve Hauschildt bewegt sich Elliott nicht in musikalisch grundsätzlich neue Bereiche vor. Die Synthies wabern und fiepen, es geht kosmisch zu – ein paar düstere Nebentöne sind nicht ausgeschlossen. Hier und da stellen sich subtile Rhythmen ein, dann verläuft doch wieder alles zu einem analogen Klangteppich aus Clicks’n‘Cuts.

     

    Der US-amerikanische Mittzwanziger schafft erneut den Spagat zwischen Retro-Ästhetik und Eigencharakteristik zu stehen, kann aber nicht an das Opus seiner Band heranreichen, aller Gastauftritte befreundeter Musiker (unter anderem Ex-Coil-Mitglied Drew McDowall) zum Trotz. Ein grundsolider sonischer Space-Trip!

     

    Goldene Mitte

    Stephan O’Malley, Oren Ambarchi und Keiji Haino – noch Fragen? Der Metal-Nerd, Labelbetreiber und Drone-Übergott O‘Malley trifft auf seinen alten Weggefährten, den umtriebigen Gitarristen Ambarchi, um gemeinsam mit ihm und der lebenden Legende der japanischen Experimentalszene einige Auftritte zu spielen. Der Auftritt in Berlin war ein intensives Erlebnis, bei dem vor allem der extrovertierte Haino mit seinen gutturalen bis kreischigen Vocals, abgefuckten Gitarrensoli und harschen Noise-Attacken herausstach. Laut O’Malley musste der 60jährige in Paris von der Security von der Bühne gezerrt werden, weil er partout nicht aufhören wollte.

     

    Dass alles so gut aufgehen würde, war jedoch der großen Namen zum Trotz noch lange nicht selbstverständlich: O’Malley nahm sich zum ersten Mal wirklich den Bass als Improvisationsinstrument vor. Ambarchi musste versuchen, zwischen dem Derwisch Haino und den erstaunlich funkigen, trotzdem aber Doom-gesättigten Bassläufen, zu vermitteln. Die Performance, die nun unter dem Titel Nazoranai veröffentlicht wird, stammt aus dem Herbst 2011, aufgenommen in O’Malleys Wahlheimat Paris. Gerade der verdeutlicht in seinen das Album begleitenden Aussagen, wie sehr er von den Improvisationsabenden gelernt hat. Tatsächlich klingt der Konzertausschnitt gar nicht mal so zerfahren und experimentell, wie es zu erwarten wäre.

     

    Für Zusammenschnitt war Ambarchi zuständig und beweist ein gutes Gespür: Langweilig werden die 70 Minuten überspannenden Tracks zumindest nicht. Als Trio Nazoranai präsentieren sich die drei Vollblutmusiker in Bestform: Der erste der vier Ausschnitte – obwohl es eine CD-Version gibt, ist die Veröffentlichung doch an Vinylverhältnisse angepasst – steigert sich aus einem minimalistischen Psych-Doom-Stück in einen atemberaubenden Klimax. Danach übernimmt O’Malleys Bass die Kontrolle, scheint es – der zweite Teil erinnert fast an die theologiebegeisterten Slow-Mo-Stoner von Om. Im folgenden, 22minütigen Stück schaukeln sich Ambarchi und Haino gegenseitig hoch. Die beiden können auf einige gemeinsame Live-Erfahrung zurückblicken und sind entsprechend eingespielt. Dass die drei Ausnahmemusiker allerdings die Goldene Mitte gefunden haben, beweist am schlagkräftigsten das abschließende Not to leave everything to the light outside of you but to be aware of the prayer »what do I want to do?« that exists inside of you, and let that go out of you as a light, or things might get worse, no? (die Tracktitel stehen deren Länge natürlich in gar nichts nach). Ebenso sehnsuchtsvoll wie spiritualistisch klingen die die hypnotischen Klänge, die die drei wie selbstverständlich aus dem Ärmel schütteln, bevor sie in ein eruptives Finale ausbrechen.

     

    Synästhetisches Ereignis

    Afrika hört nicht auf die Musikwelt in seinen Bann zu ziehen. Sei es der Tapedigger Brian Shimkovitz, der auf seinem Blog Awesome Tapes From Africa obskure Fundstücke von den Wühltischen des Kontinents ins Internet bringt oder Damn Albarns Label Honest Jon’s, auf dem die afrikanische Musikszene der Dreißiger in sorgsam aufgemachten Anthologien wiederbelebt wird. Auch Nicolas Moulin geht mit seinem Label Grautag auf Expeditionsreise.

     

    Stellvertretend für den Labelgründer reisten Vincent Epplay, Pharoah Chromium und Arnaud Maguet nach Marokko, um die hiesige Klangwelt zu erforschen. Als Inspiration für das Projekt dienten die Visionen des deutschen Architekten Herman Sörgel, der das Mittelmeer vom Atlantik abtrennen, nach Absenkung des Meeresspiegels das neu gewonnene Land zu kultivieren und Wasser in die Sahara zu leiten. Ganz so größenwahnsinnig klingt das gemeinsame Projekt von Epplay, Pharoah Chromium und  Maguet dann nicht. Zwar hat keines der vier Stücke auf dem gemeinsamen Album Azurazia eine Gesamtlänge von unter 16 Minuten, überorchestriert oder hirnverbrannt sind sie jedoch keineswegs. Auf je zwei Stücken erforschen einerseits Pharoah Chromium, andererseits Epplay & Maguet die Klangwelt Marokkos. Assoziationen von Tanger kommen auf, wie es die Beatniks oder Elias Canetti in ihren Büchern schilderten. Die exotischen Klänge der dortigen Musiktradition flechten sich in die elektronischen Soundcollagen der drei Musiker ein, behalten aber ihren Eigencharakter.  

     

    Azurazia ist ein synästhetisches Ereignis, das zwischen den Tönen Geschichten erzählt, fremde Düfte ausströmt und Bilder entstehen lässt – faszinierend!

     

    Herbe Enttäuschung

    Mit Chapter II: Fire-Walking To Wonderland legt der Autodidakt Philippe Petit den zweiten seiner Trilogie Extraordinary Tales Of Lemon Girl vor. Wusste der Franzose im ersten Teil des Kopfkino-Projekts noch, behutsam den Overkill zu umschiffen, so verfranzt er sich mit seinem neuen Album vollends. Nachdem Chapter I: Oneiric Rings On Grey Velvet neugierig auf eine Fortsetzung der literarisch und cineastisch inspirierten Trilogie gemacht hatte, sind die fünf Stücke des zweiten Teils nicht weniger als eine herbe Enttäuschung. Petit hantiert mit verfremdeten, verstimmten Instrumenten, deren Klänge kaum zuzuordnen sind. Wird da ein Klavier malträtiert oder verprügelt da doch jemand eine Katze? Über die ganzen 45 Minuten des Albums improvisiert sich der französische Künstler und Komponist durch ein völlig kontingentes Schema, füttert ab und zu ein paar elektronische Drone-Gewitter in das unmotivierte Geklimper. Die Spannung, die sich noch im letzten Album aufbaute, hat sich verbraucht. Das zweite Kapitel von Petits Großprojekt ist ebenso anstrengend wie überflüssig. Ach, und wer eigentlich dieses Lemon Girl sein soll, steht immer noch nicht fest. Vielleicht löst das der dritte Teil ja auf. Der bildet ein hoffentlich spannendes Finale.

     

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