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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 24. Juni 2017 | 21:09

    Toms Schnellgericht

    28.06.2012

    Radikal anders

    Der 2011 verstorbene Konrad bzw. Conrad Schnitzler und/oder sein Weggefährte Dieter Moebius stehen im Mittelpunkt aller fünf im Folgenden vorgestellten (Wieder-) Veröffentlichungen. Von TOM ASAM

     

    Schnitzler und Moebius kann man von Beginn an nicht auf den Status des Musikers reduzieren. Unter dem Einfluss des musikinteressierten Aktionskünstlers Joseph Beuys trafen sie Ende der 1960er Jahre in Berlin zusammen, wo sie im Subkultur-Klub Zodiac begannen, Klang zu performen, Klang zu leben, mit Klang zu provozieren. Die beiden Kluster-Alben Klopfzeichen und Zwei Osterei, die in einer einzigen Aufnahmesession, ja an einem einzigen Tag im November 1970 aufgenommen wurden, dürften in ihrer Radikalität nicht nur den »Normalo« herausgefordert haben, sondern auch viele, die sich selbst als avantgardistisch oder progressiv empfunden haben. Die Aufnahmen entstanden mit Hans-Joachim Roedelius, der zusammen mit Moebius unter dem Banner Cluster weitermachte, während Schnitzler – der in seinem Vornamen auch vom K zum C wechselte, solo Richtung elektronischer Avantgarde marschierte

     

    Elektroakustische Klopfzeichen

    Auf den beiden Kluster-Alben verzichteten die Künstler auf den Einsatz elektronischer Instrumente wie Synthesizer – wohl vor allem aus finanziellen Aspekten. Das Trio lebte seine musikalischen Freiheitsträume in elektroakustischen Improvisationen aus, wobei neben Gitarre, Bass, Cello, Flöte und Trommel auch Gerätschaften zum Einsatz kamen, die eigentlich nicht zum Musizieren gedacht sind (es ist etwa von Batterien die Rede). Wirklich beherrscht wurde zu diesem Zeitpunkt keines der verwendeten Instrumente. Die genialen Dilettanten (den Begriff gab es noch nicht) ergingen sich in lauten, brachialen Geräuschkaskaden, die mit der Psychedelik der Zeit genauso wenig zu tun hatten, wie mit sonstigen Kategorien und klanglichen Konventionen. Diese mitunter apokalyptisch anmutenden Klangattacken würde man heute vielleicht am ehesten in die Kategorie »Industrial« einordnen – doch auch dieser Begriff wurde im Zusammenhang mit Musik erst 10 Jahre später geschaffen!

     

    Auch wenn die Namen der Künstler heute geläufig sind und man gerne von einflussreichen Vertretern der Avantgarde spricht darf man nicht vergessen, dass diese beiden Alben in einer Auflage von nur ein paar Hundert Exemplaren erschienen. Spätere (inoffizielle) Nachpressungen haben sicher mehrere Käufer gefunden, letztlich bewegt man sich hier aber nach wie vor in einer kleinen Nische. Den beteiligten Künstlern ging es auch nie darum, als Musiker viele Platten zu verkaufen oder gar so etwas wie Rock- (oder auch Avantgarde-) Stars zu werden. Die Tatsache, dass alleine Conrad Schnitzler unzählige Werke nur auf Anfrage auf CDR verschickte oder, dass manche seiner Konzerte angeblich bis zu 50 Stunden dauerten, spricht Bände.

     

    Klopfzeichen und Zwei Osterei bestehen jeweils aus zwei überlangen Stücken, von denen jeweils eines mit rezitierten Texten angereichert ist. Diese wirken aus heutiger Sicht wohl noch kruder als zum Zeitpunkt der Entstehung. Hintergrund der Tatsache, dass die Texte oft irgendwo zwischen politischer und religiöser Aussage pendeln, dürfte ein weiteres Kuriosum sein. Ohne den Kirchmusiker Oskar Gottlieb Blarr wäre es wohl gar nicht zur Session im Düsseldorfer Rhenus Studio gekommen. Dieses gehörte dem der Kirche nahestehenden Schwann Verlag, bei dessen eigenem Label ams studio die Platten erschienen (Untertitel: »Werkraum für neue Kirchenmusik«!). Während in den USA Kirche und Musik vom Gospel bis zum White Metal zahlreiche Verbindungen eingingen, mit denen eine große Zahl von Gläubigen etwas anfangen kann, sieht es im deutschsprachigen Raum ja ganz anders aus. Wenn man will, kann man diese beiden Kluster-Platten also auch aus dem Blickwinkel des Sakropop betrachten.

    Textprobe:

    »Mühselig und Beladen mit Gebrechen des Aberglaubens kriechen wir zu Kreuze durch Asche von Scheiterhaufen, stehen auf und wandeln an den Krücken der Geduld, mit geschändeter Stirn zurück in die Siechenheime. Mühselig und beladen mit Unrat und Untat schlagen wir uns durch die Dschungel der Märkte, die uns rauben den Schlaf und einschläfern unsere Wachsamkeit, während die Freiheit versteigert wird…« (Kluster 1 / Klopfzeichen)

     

    Die Verschmelzung von Kunst und Musik, Kirche und Revolution geschieht hier in konsequenter Antihaltung. Vielleicht wäre da Ergebnis gänzlich unhörbar, hätte nicht die (später) Tonmeister- und Produzenten-Legende Conny Plank die perkussiv-atonalen, von jeglicher Melodie befreiten Klangergebnisse nicht durch Effekte bereichert und so etwas wie eine Form in das Formlose gebracht.

     

    Der gesteuerte Zufall

    Schnitzler, der bereits 1970 bei der ersten Veröffentlichung von Tangerine Dream beteiligt gewesen war, machte solo weiter und veröffentlichte in den Jahren 1973/4 die beiden Alben Rot und Blau. Dabei übernimmt er von Beuys den Ansatz des »erweiterten Kunstbegriffes«, bei dem der gesteuerte Zufall eine Rolle spielt. Die Regeln der Musik interessierten ihn also auch weiterhin wenig, bzw. erweiterte er sie nach Belieben. Naturverbundenheit oder Psychedelik spielen in dieser kompromisslosen Umsetzung keine Rolle.

     

    Schnitzler nutzt Synthesizer nicht zur Erzeugung eskapistischer Klangtapeten, die Verwendung ausschließlich synthetischer Klänge und Geräusche wirkt hier eher fremdartig und künstlich. Aufbau und Sound der beiden Alben ähneln sich, sodass die Vermutung besteht, dass auch hier nur eine Aufnahmesession zugrunde liegt – so genau weiß das allerdings niemand mehr! Harmonien und Melodien spielen weiterhin keine Rolle, Schnitzlers Minimalismus grenzt sich dabei nicht nur von zeitgenössischer angloamerikanischer Popmusik im weitesten Sinne ab, sondern auch von minimalistischer Avantgarde/Kunstmusik á la Reich oder Glass.

     

    Diese Alben sind nicht (nur) aus musikhistorischer Sicht von Bedeutung, sondern vor allem Ausdruck des Mutes, als Künstler und Mensch Konventionen hinter sich zu lassen, Kreativität und Individualität in den Mittelpunkt zu stellen – und nicht Produkthaftigkeit und Marktgesetze.

     

    Wir müssen mal eine Platte machen

    Vor allem von Hans-Joachim Roedelius war an dieser Stelle schon des öfteren die Rede, aber auch Dieter Moebius ist nach wie vor aktiv. Während die vier erwähnten Wiederveröffentlichungen vielleicht nicht unbedingt den geeigneten Einstieg für unvorbereitete Hörer darstellen, könnte dies ja vielleicht Moebius+Tietchens sein – wenngleich der 1944 in der Schweiz geborene Künstler auch heute noch beileibe keine »einfache« Musik macht. Auch die Geschichte hinter dieser Platte ist eine besondere.

     

    Asmus Tietchens ist nicht bloß intimer Kenner von Kluster/ Cluster (er verfasste die Linernotes zu allen oben erwähnten Wiederveröffentlichungen!) und mit Moebius befreundet, er veröffentlichte seit den 80ern auch selbst Platten in den Bereichen elektronischer/ konkreter Musik und Industrial. Nachdem sich 1976 die fünf Mitglieder des einmaligen Projekts Lilienthal nach den Aufnahmen zu ihrem Album wieder trennten, rief Moebius angeblich Tietchens aus einem bereits fahrenden Auto zu: »Wir müssen mal eine Platte zusammen machen.« 35 Jahre später gingen sie die Sache tatsächlich an. Die beiden Elektronik-Routiniers liefern eine heterogene Platte zeitgenössischer Musik ab, bei der sie aus ihrem reichhaltigen Fundus schöpfen, ohne dass das Ergebnis wie ein Resteessen oder ein aufgewärmtes Gericht daherkommt. Mal sanfte Skizze, mal rhythmische Direktheit. Zusammen über 130 Lebensjahre- aber immer noch neugierig und bereit, neue Wege zu gehen, vor diesem Duo kann man sich nur verbeugen!

     

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