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Dienstag, 28. März 2017 | 10:13

Keith Fullerton Whitman: Occlusions / Thomas Köner: Novaya Zemlya / Emanuele de Raymondi: Büyükberber Variations / Marielle V Jakobsons: Glass Canyon

21.06.2012

Klanglabor

Der neueste Bericht aus dem Klanglabor: KRISTOFFER CORNILS hört die neuen Alben von Keith Fullerton Whitman, Emanuele de Raymondi, Marielle V Jakobsons und Thomas Köner.

 

Keith Fullerton Whitman ließ bereits auf seinem letzten Album, Generators, gehörig die Sau raus – alles im streng limitierten Rahmen natürlich, denn ähnlich vieler seiner Kollegen entdeckt der vielseitige Synthienerd die Reduktion als primäres Stilmittel für sich. Wie bei Generators handelt es bei seiner neuen LP Occlusions um einen Live-Mitschnitt, aufgenommen mit dem billigsten Equipement, wie Whitman etwas angriffslustig mitteilt. Sowieso scheint er auf einen Affront hinzuarbeiten. Als »eine Art« Tanzmusik seien die beiden Stücke auf Occlusions zu verstehen, behauptet der Künstler, der unter seinem Alias Hrvatski bewiesen hat, dass er zu konventionellen Beats durchaus fähig ist. Auf eine Art ist das natürlich Quatsch, auch wenn das eine oder andere »Woooh!« seitens des Publikums (oder, wer weiß, vielleicht johlt da Whitman selbst?) auf ein ekstatisches Happening hinweisen: Bei so vielen Regelmäßigkeitsvermeidungsstrategien, wie sie auf den je knapp 18 Minuten aufgefahren werden, ist es unmöglich, dass jemand zu dem Lärmfeuerwerk tanzen könnte. Mit Ausnahme der Hirnzellen. Die dürften aber im Quadrat springen, denn Occlusions ist ein Mindfuck par excellence. Selten war Whitman so aggressiv, inkonsequent und hyperaktiv. Das Ergebnis ist nervig, anstrengend und übertrieben, ein absoluter Rausschmeißer für die Konzentration. Und trotzdem: In dem improvisierten Soundblock lassen sich hier und dort klare, faszinierende Momente finden. Beinahe unhörbar, ein bisschen durchgeknallt und unter dem Soundschutt mit genialen Zwischentönen gespickt – ein Album für seltene Momente.

 

Geheimtipp

Auch Emanuele de Raymondi will sich nicht ganz in den digitalen Wahnsinn stürzen. Wie Whitman hat der Italiener am renommierten Berklee College of Music in Boston studiert. Seitdem hat sich der Komponist mit Theater-, Film- und Orchester-, wie auch mit elektronischer Musik beschäftigt. Mit Releases ist er bisher kaum aufgefallen, die Büyükberber Variations werden ihm hoffentlich einige Aufmerksamkeit verschaffen. Wie der Titel bereits vermuten lässt, befasst sich de Raymondi auf dem Album mit Fremdmaterial: Improvisationen von Oguz Büyükberber, dem Klarinettisten, der in seinen Werken traditionelle orientalische Musik und westlichen Jazz verschmelzen lässt, dienen dem Avantgarde-Künstler als Ausgangsmaterial für ein kongeniales Album. De Raymondi zerlegt Büyükberbers Melodien auf zehn Tracks in ihre Einzelteile. Auf repetitiven elektronischen Patterns mit krautigem Touch baut er aus einzelnen Noten des türkischen Musikers ganze rhythmische Figuren, lässt aus monotonen Clicks’n’Cuts exotische Tonfolgen aufsteigen oder loopt einzelne Themen, setzt sie schief aneinander oder versetzt sie gegeneinander. Er bringt sie in einen Dialog, der vorher so nicht bestand. Bei der Bearbeitung nimmt sich der Komponist alle größtmöglichen Freiheiten, schafft es aber, ein rundes Ganzes abzuliefern. Nicht nur kann er den ursprünglichen Charakter von Büyükberbers Musik erhalten, er webt ihn auch in seine ganz eigene Vision mit ein. Ihm gelingt damit ein von vorne bis hinten absolut überzeugendes, mysteriöses und hypnotisches Album. Absoluter Geheimtipp!

 

Wohlig-psychedelisch

Das Spannungsverhältnis zwischen elektronisch produzierten Sounds und Unplugged-Klängen nutzt auch Marielle V Jakobsons auf ihrem ersten Album auf dem US-amerikanischen Students Of Decay-Label. In dessen Backkatalog (man denke zum Beispiel an En) passt sich ihre Mischung aus Synthesizer-basierten Drones und Soundscapes auf der einen und Violine auf der anderen Seite bestens ein. Jakobsons bemüht sich redlich, den Projektor für das vielbeschworene Kopfkino in Gang zu halten. Über die elegisch jammernden Purple Sands durch die LSD-verseuchten Cobalt Waters geht es den schweißtreibenden Weg den Dusty Trails entlang mit Endziel Shale Hollows, die von einem düsteren Dröhnen erfüllt sind. Auf Glass Canyon klingen vor allem die synthetischen Sounds etwas angestrengt, nach forcierter Härte und manchmal kreischt das Saiteninstrument dann doch etwas zu affektiert in den Mix hinein. Eine wohlig-psychedelische Berg- und Talfahrt mit unheimlichen Momenten beschert Marielle V Jakobsons ihrer Hörerschaft trotzdem

 

Trostlose Klanglandschaft

Man kann Jon Wozencroft eigentlich nur beneiden. Nicht nur, weil sich seit 1982 auf dem von ihm gegründeten Label Touch die Crème de la Crème der europäischen Musikszene die Klinke in die Hand gibt. Sondern auch, weil der Grafikdesigner es sich nicht nehmen lässt, die Cover seiner Veröffentlichungen noch selbst zu gestalten – was offensichtlich einige Weltreisen zum Nebeneffekt hat. Neben den etwas abstrakteren Arbeiten zu Hildur Guðnadóttir und Oren Ambarchi verschlägt es Wozencroft auch gerne mal an die entlegenen Ecken dieser Welt auf der Suche nach dem perfekten Foto. Das Cover von Thomas Köners Novaya Zemlya strahlt jedoch nicht die einlullende Wohlfühligkeit aus wie noch das der letzte Kollaboration von fennesz + sakamoto auf Touch.

 

Durch ein regenbesprenkeltes Zug- oder Autofenster lässt sich nur eine schemenhafte, graue Landschaft erkennen. Ein Bild, en passant aufgenommen, eigentlich wirkt es viel zu hektisch für die massiven, statischen Drones Köners. Der 1965 geborene, intermedial arbeitende Künstler schraubt sich wieder kurz vor der Grenze des kaum noch Wahrnehmbaren durch die Klangwelt. Die mächtigen Bässe rollen durch eine trostlose Klanglandschaft. Das verschwommene Wozencroft-Cover, es passt bei genauerem Hinhören doch bestens zu Novaya Zemlya. Wie man zuerst die Augen zukneifen und etwas näher an das Bild herangehen muss, um einen Eindruck zu bekommen, so schält sich auch erst langsam die Landschaft des »neuen Lands«, wie der Name der titelgebenden russischen Doppelinsel übersetzt werden kann, aus den rabenschwarzen Klängen.

 

Die drei Tracks fordern ein wenig Konzentration und die Bereitschaft dazu, die Augen zu schließen und in Bildern zu assoziieren. Wenn das gegeben ist, soll Thierry Charollais auch mit seinem Kurzessay zum Album Recht behalten: »Die Musik Thomas Köners zu hören bedeutet, dass es ein »Vorher« und ein »Nachher« gibt. Wohlbehalten kommt man nicht davon.« Es gibt kein Entrinnen, hat man erst die Klanglandschaft des Polarkreises betreten, die Köner mit unvergleichlicher Intensität auf seinem neuen Album eingefangen hat.

 

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