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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 22. August 2017 | 16:57

    En: Already Gone / The Pirate Ship Quintet: Rope For No-Hopers / Sankt Otten: Sequencer Liebe / Senking: Dazed / Helm: Impossible Symmetry

    07.06.2012

    Erkundungstour

    KRISTOFFER CORNILS begibt sich wieder auf Erkundungstour in experimentellen Bereichen. Er findet die dahin treibenden En, das geerdete The Pirate Ship Quintet, die zeitvergessenen Sankt Otten, den unterernährten Senking und den oszillierenden Helm.

     

    Mit Already Gone legt das Duo En bereits sein zweites Album vor. Maxwell August Croy und James Devane nehmen den Faden dort wieder auf, wo sie mit ihrem Debüt The Absent Coast vor zwei Jahren aufgehört hatten und präsentieren verspulte Ambient-Drones und Feldaufnahmen von der Seeseite des Lebens. In seinen besten Momenten spielen sich die sorgfältig ins Dahintreiben versetzten Klangteppiche auf Augenhöhe mit Genregrößen wie Stars Of The Lid auf, manchmal dümpelt das Album jedoch etwas zu verträumt vor sich hin, paddelt auf der Stelle. Einen schönen Soundtrack für Fernweh nach maritimen Regionen haben sie trotzdem geschaffen.

     

    Aus ähnlichen Bereichen kommen The Pirate Ship Quintet dem Namen nach ebenfalls, jedoch werfen sie das Rope For No-Hopers aus und betreten den Boden der Tatsachen. Das Septett – denn auch da führt der Name hinters Licht – präsentiert eine Variante von Post-Rock, die nicht brandneu sein dürfte, bei genauem Hinhören aber seine Feinheiten offenbart. Auf einen Fuhrpark von Effektgeräten setzt die Band, um die es nach einer EP vor fünf Jahren ziemlich windstill war, nicht. Mit Cello, Trompete und Vocals, die sich weit hinten im Mix abspielen, findet die Band die perfekte Ergänzung zum energetischen Standardinstrumentarium – organisch, nicht prollig klingt das. Kein frickeliger Gefälligkeits-Post-Rock, sondern ein geerdetes Album mit düsterer Note und emotionaler Sprengkraft.

     

    Die großen Gefühle beherrschen auch das neue Album von Sankt Otten . Sequencer Liebe heißt es passenderweise und die grundlegende Frage lautet: Kann denn Liebe Synthie sein? Ja, sie kann! Und zumindest im Fall des gleichnamigen Tracks ist sie zuckersüß. Obwohl sich die Referenzen für die Musik des Duos überwiegend in den 1970er Jahren auftun, handelt es sich auch bei dem sechsten Album nicht um instrumentale Krautrock-Comedy: Sankt Otten sind tatsächlich zeitvergessen, zollen ihrem Lieblingssound Tribut, ohne sich das Pathos der Nostalgie zu erlauben. Sequencer Liebe spricht jedenfalls nicht davon, dass früher alles besser war. Auch, wenn den kosmischen Klängen manchmal etwas Spannung abgeht, haben die beiden Osnabrücker Musiker wieder ein liebe- und humorvolles Werk abgeliefert, das nebenbei noch erfolgreich eine Lanze für den Einsatz E-Drums bricht.

     

    Mit Senking betritt dann ein reiner Produzent das Feld. Einer, der sich bereits im Bereich des Dub Technos einen Namen gemacht hat und jetzt auf dem renommierten Label Raster Noton den Nachfolger zu seiner tweek EP aus dem Vorjahr präsentiert. Nur zwei Songs von gut je sieben Minuten Länge finden sich auf der schlicht aufgemachten 12“. Die warten jedoch mit einer Menge Spielereien, Klangexperimenten und Sprachsamples auf. Das perfekte Hörerlebnis scheint auf Dazed immer zum Greifen nah, aber ein ziemlich schmalbrüstiger Bass gibt den Tracks nicht genug räumliche Tiefe. Etwas unterernährt klingt der Sound Senkings auf seiner neuen EP, der Griff zum beeindruckenden Backkatalog des Kölners lohnt sich eher.

     

    Was die Veröffentlichungsrate von Luke Younger angeht, sticht dieser in seinem Genre eher durch Spärlichkeit hervor. Während die Diskografien seiner Dark Ambient- und Drone-Kolleginnen und -Kollegen kaum überschaubar scheint, legt er mit Impossible Symmetry erst das fünfte Studioalbum seines Projekts Helm vor. Obwohl seine gemeinsame Arbeit mit Steven Warwick ruht, Birds Of Delay also schon seit einiger Zeit nicht von sich hören haben lassen, war Younger nichtsdestotrotz nicht untätig. Die fünf neuen Tracks, die ihren Ursprung in Live-Improvisationen haben und im Studio des in London ansässigen Künstlers verfeinert wurden, fügen sich nahtlos aneinander an, sind fangen aber verschiedene Stimmungen ein und zeigen sich musikalisch wirklich abwechslungsreich. Noch ein Garant dafür, der Helm auszeichnet und dass Impossible Symmetry aus der Flut der Neuerscheinungen hervorsticht. Vom bedrohlich dröhnenden Opener Miniatures über die nervös-hypnotischen Beats von Liskoje yö, die basslastigen Arcane Matters und Stained Glass Electric schlägt Younger einen Bogen, der mit den warmen Drones von Above All And Beyond einen faszinierenden Abschluss findet. Helm oszilliert zwischen den Stimmungslagen und hat mit seinem fünften Album einen Anwärter für das Album des Jahres in seiner Sparte geschafft.

     

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