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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 01. Mai 2017 | 04:22

    Toms Schnellgericht I

    31.05.2012

    Pop-Geographie

    Musik transportiert uns an Plätze unserer Imagination oder zurück an Orte und Zeiten, die mit mehr oder weniger schönen Erinnerungen verbunden sind. Bei folgenden Neuerscheinungen ist jeweils im Bandnamen bzw. Albumtitel eine Richtungsanweisung für den Gedanken-Trip eingearbeitet. Von TOM ASAM

     

     

    Europe heißt das neue Album einer Band, die zwar von London aus agiert, mit der – gerne auch mal Ukulele-bewaffneten – Sängerin Elizabeth Collins eine Australierin in ihrer Mitte haben. Diese Tatsache dürfte erklären, warum ein prominenter Musiker und Popexperte ihr 2010er Debut mit einem ausführlichen Essay bedachte. Robert Forster, der sich mit den stets den europäischen Kulturgeist beschwörenden (australischen) Go Betweens unsterblich gemacht hat, ist auch ein begnadeter Autor. Eine Sammlung seiner Huldigungen an alte und neue Popplatten, die er regelmäßig für The Monthly schreibt,  kann man mit dem Kauf des Buches The 10 Rules of Rock and Roll erwerben. Wenn Forster Allo Darlin, von denen hier die Rede ist, lobt, sollte das schon Kaufanreiz genug sein. Wie zu erwarten hören wir schöne Popsongs, die irgendwo in den 60s fußen und sich in einer zeitlosen Gegenwart anbieten, graue Tage aufzupeppen. »Like a less moody Belle & Sebastian«, meinte die New York Times – und liegt goldrichtig.

     

    Nichts weniger als The Soul of Spain wollen uns – äh, nun – Spain vermitteln. Diese Platte wartet nun nicht mit Folklore auf, sondern hört sich im Anschluss an Europe so gut an, wie Spanien eben nach Europa passt. Kopf dieses Spaniens ist Josh Haden (Gesang, Bass), Sohn des Jazz-Bassers Charlie Haden, der zwischen 1995 und 2001 schon drei Alben veröffentlichte. Die Tatsache, dass es dabei gerne mal hieß »file under Slowcore«, kann man eher vernachlässigen, obwohl es augenfällig ist, dass auch Codeine, die man zu den Top-Namen dieses Nischen-Genres zählen darf, diese Tage mit einem Boxset aufwarten. Hadens flehende Stimme und sein warmes, prägnantes Bassspiel wissen zu überzeugen, die Songs stimmen auch. Anspieltipp: Because the Sun – könnte auch von Mark Lannegan sein. Empfehlenswerter Indierock mit Popappeal und feinen Blueswurzeln.

     

    Weiter geht’s zu den Orkney Inseln mit The Magnetic North und der Orkney Symphony. Diese ist eine Ode an heimatliche Verbundenheit, die sich in der musikalischen Umsetzung einer alten Geschichte widmet. Betty Corrigal, ein Orcadian girl, wurde vor knapp 250 Jahren aus ihrem Dorf verstoßen – weil sie schwanger wurde von einem Seemann, der vor Anker gehen wollte, wo es nicht genehm war. Angeblich erschien Betty dem Singer-Songwriter Erland Cooper im Traum, woraufhin der sich anschickte eine Truppe zusammenzustellen um die tragische Begebenheit seiner Heimat angemessen zu vertonen. Er wird unterstützt von seinem Band-Mate (bei den empfehlenswerten Erland and the Carneval) Simon Tong und Sängerin und Orchester-Arrangeurin Hannah Peel (The Broken Wave). Neben träumerischen Anweisungen war ein Buch aus den 1930ern mit dem Titel Orkney. The magnetic North ein weiterer Kompass für die die künstlererische Verknüpfung von Folklore, Poesie und Geographie. In der Kirche Hoy Kirk wurde mit dem Stromabank Pub Choir aufgenommen, dessen Mitgliederzahl fast schon die Hälfte der Inselbevölkerung darstellt. The Magnetic North entführen uns zum Dwarfie Stane, einem großen neolithischen Felsen, von dem eine gefährliche Kraft ausgeht oder (mit Unterstützung eines weiteren talentierten Orcadian: Kevin MCKormack aka Half Cousin) zum Yesnaby Kliff, von dem sich schon so manch verzweifelte Wesen gestürzt hat. So unbekannt uns diese verwunschenen Flecken Europas sind, so bekannt sind die Emotionen, die The Magnetic North in der Lage sind zu erwecken. Ihr betörender, erhabener Pop ist geheimnisvoll und vertraut zugleich und weckt die universelle Sehnsucht nach Weite und Nähe, nach Verreisen und Heimkommen. Hier ist nichts zu spüren von der Schwere eines Konzeptalbums, folkloristische Einflüsse werden wie symphonische Anwandlungen geschickt eingewoben in ein äußerst eigenständiges Klangbild. Es ist im Pop halt wie beim Reisen: abseits der groß wahrgenommenen Pfade finden sich immer wieder die schönsten Momente. Ganz großes Kino!

     

    Wo eine Huldigung an ein Insel, da auch ein Gewässer. Die Italiener Bad Love Experience schicken uns in den Pacifico, wobei dies auch das italienische Wort für »friedlich« ist. Das Album beschäftigt sich mit den Gedanken an eine perfekte Stadtgesellschaft, wobei Songtitel wie Devil in town, rotten roots oder samba to hell deutlich machen, dass es es nicht immer und überall pacifico zugehen kann. Die Lebhaftigkeit der Traumstadt zeigt sich in der graphischen Umsetzung des Covers der amerikanischen Künstlerin Sanya Glisic. Musikalisch ist der Pop von BLE auf die beiden Standbeine Folk und Psychedelic gebaut. Die Umsetzung ist äußerst ambitioniert und ausgefeilt. Die Italiener setzten während der Produktion über 30 verschiedene Instrumente ein, trotzdem wirkt das Album nicht überladen oder effekthascherisch aufgeblasen. Denn sie wissen, was sie tun – nicht zufällig wurde BLE schon einmal für einen Soundtrack-Beitrag für den Italienischen Oscar, die David Di Donaello Awards, nominiert.

     

    Der Titel Radio Beirut – Sounds from the 21 Century, macht klar wo  unsere Exkursion landet. In einer Stadt, die zumindest im 20. Jahrhundert einmal so pacifico und magnifico war, dass man vom Paris des Nahen Ostens sprach. Doch auch wenn die Region durch harte Zeiten ging und geht, rückt libanesische Hauptstadt zunehmend wieder in den Fokus der Wahrnehmung. Eine neue Generation von Künstlern sucht nach Anerkennung. Für Musiker gibt es jedoch kaum Auftrittsmöglichkeiten, Marketing- und Label-Strukturen sind kaum vorhanden. Dagmar Golle, Musikjournalistin und Moderatorin beim Bayerischen Rundfunks, hat Beirut mehrfach bereist. Die Weltmusikspezialistin stellt auf Radio Beirut aktuelle Beiträge der alternativen Musikszene der Metropole zwischen Orient und Westen vor. Arabische Melodieführungen treffen hier auf Rock, Elektrobeats und Jazzeinflüsse. So zum Beispiel bei Mashrou´leila, der neuen Popsensation der jungen Beiruter Szene, die sich aus sieben ehemaligen Studenten der Amerikanischen Universität von Beirut zusammensetzt. Wir begegnen den Chehade Brothers, in Jerusalem aufgewachsenen palästinensischen Brüdern, die wegen ihren Bärten gerne  die arabischen ZZ Top genannt werden, musikalisch aber durch ihren filigranen Umgang mit fast allen klassischen arabischen Instrumenten auffallen. Weniger wegen seines Aussehens, als aufgrund seiner Popularität wird Komponist und Produzent Zeid Hamdan der Micheal Jackson des Libanon genannt. Er kehrte nach einem Aufenthalt in Frankreich während des Bürgerkriegs Anfang der 90er nach Beirut zurück und legte wichtige Grundsteine für die heutige Musikszene. Er ist unter anderem mit seinen Bands Soapkills und den rockigen The New Government vertreten. Radio Beirut ist ein wunderbarer musikalischer Städtetrip, der Lust auf mehr macht. Gut zusammengestellt und mit informativen Linernotes ausgestattet. So muss das sein!

     

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