Eine durchaus ungewöhnliche Episode der Pop-Geschichte stellt Plastic Bertrand dar. Der als Sohn eines Franzosen und einer Ukrainerin 1954 in Brüssel geborene Roger Jouet gründete 1975 die Band Hubble Bubble, die man zu den ersten Punkbands zählen muss, die außerhalb Englands eine Platte aufnahmen. Allerdings existierte die Formation nicht lange, da der Bassist an den Folgen eines Autounfalls starb und man nicht weitermachen wollte. Das tat Jouet dann solo. Bereits seine erste Single, geschrieben vom Songwriter/ Produzenten Lou Deprijck, war und ist eine unsterbliche Nummer. Ca plane pour moi – übersetzt in etwa »Dieses Leben ist das meine« oder »Das haut hin für mich« ist eine zwingende Bubblegum-Gitarrenpop-Punk-Nummer mit absurdem französischen Text mit eingebauter Gutelaune-Garantie bis ins Jahr 2157. Plastic Bertrand nahm diverse Fernsehauftritte mit und schaffte es den Song bis auf Platz 8 der UK Charts zu schießen. Fast noch unglaublicher für einen französischsprachigen Quatschsong eines Nobody zu dieser Zeit: Platz 47 in den US Billboard-Charts! Innerhalb weniger Monate hauten Jouet und Deprijck ausreichend Songs raus, um noch 1978 das Album An 1 fertigzustellen.
Musikalisch würden das trotz Up-Tempo wahrscheinlich wenige als reinen Punk bezeichnen, das Vorgehen allerdings, wild zusammengeschusterte Songs zu vermischen, die sich absurdesten Themen widmen, ist schon irgendwie sehr punkig. In Le petit tortillard erzählt ein kleiner Provinz-Zug aus seinem Leben. In zwei Minuten und 12 Sekunden wird der schön bescheuerte Refrain neun Mal zum Besten gegeben, zudem lernt man das schöne Wort »sidrerodromophobia«, das die Angst vor Zügen bezeichnet, kennen. Bambino ist ein mit Gitarren und Geschwindigkeit getunte Version eines Songs, der ursprünglich von Aurelio Fierro als guaglione dargeboten wurde, in einer Version von Dalida 1956 gar ein großer Hit wurde. Eine weitere Coverversion finden wir mit dem Small Faces Song Sha La La La Lee – auch hier mit höherem Tempo dargeboten, die Gitarre tritt allerdings zugunsten eines Keyboards in den Hintergrund. Zwischen flotten Pop-Punknummern, die mal Synthies, mal Saxophon mit einbauen, gibt es mit dem ruhigen Nauif-Song oder dem gelungenen Dance Dance auch Verschnaufpausen. Letzteres weist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Song Rubber Bicuit aus dem Jahr 1956 auf, bekannt geworden auch durch den Film Mean Streets sowie die Blues Brothers. An 1 ist ein skurriles, spritziges Pop-Punk Album mit Überraschungen – und im Falle dieser remasterten Wiederveröffentlichung ergänzt um eine instrumentale sowie eine Remix-Version des Überhits. Ca plane pour moi!