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Kurzpässe

19.04.2012

Let`s get rocked!

Punk-, Post-, Math-, Hard-… ROCKMUSIK mit ihren vielen Bindestrichspielarten weiß auch im zweiten Quartal 2012 bestens zu unterhalten. Von DAVID EISERT

 

More! More! More! Angesichts einer Spielzeit von nicht ganz 29 Minuten ist hier eher less more. Der Wahlhamburger Dave Laney hat gemeinsam mit Florian Brandel und Manuel Wirtz 13 kurze, prägnante, rohe Punk- und Hardcoresongs eingezimmert. Zusammen ergibt das das dritte Album von Auxes. Die Stücke sind angenehm unproduziert, wuchtig und auf den Punkt gespielt. Ein wenig Biafrasche Nervosität, etwas Rocket From The Crypt Groove, ein paar schrille Gitarren der Wipers. Dazu ein schönes Sonic Youth tributige Coverartwork. Passt, wackelt, hat Luft und lässt sich doch glatt zweimal pro Stunde anhören.

 

Ebenfalls aus dem Hause Gunner Records kommt die 2.0er Version des Dan Webb and the Spiders Debüts Oh Sure aus dem Jahre 2010. Neu gemastert und um 4 weitere Tracks gepimpt bringt man es nun auf gut 35 Minuten Spielzeit. Damit ist man im Vergleich zu Auxes ja fast schon Progrock. Was natürlich nur ein Scherz ist. Die Band aus Boston spielt den fast schon typischen Ostküstenmix aus Indie- und Melodicpunk-Rock. Treibende Riffs, klare Grooves und hitverdächtige Mitshoutrefrains. Aber eigenständig genug, um nicht zu nahe bei den allgegenwärtigen Gaslight Anthem zu stehen. Die gewollt nachlässige Garagenproduktion und die tolle Stimme von Dan Webb, mit der er seine persönlichen Texte vorträgt, lassen Oh Sure genauso relevant und wichtig erscheinen wie bei der Erstveröffentlichung.

 

Nun zu was komplett anderem. It’s ladies time. M.i.p.V. (Musicas interminaveis para Viagem) ist ein Duo bestehend aus zwei jungen Frauen aus Brasilien. Und weil man sich im unübersichtlichen Brasilien nicht zwangsläufig über den Weg läuft, fand man erst im fernen Berlin zueinander. Seit 2009 in Deutschland befindet sich die Gitarristin Laura L. im musikalischen Dialog mit der Schlagzeugerin Marie Leão. Mit II erscheint jetzt das, nun ja, zweite Album der beiden. Experimentelle Instrumentalmusik ist das Spielfeld des Duos. Post-, Ambient- oder Trip-Rock von fragil über sphärisch bis massiv. Charakteristisch ist Laura L.s unverzerrtes Gitarrenspiel. Wo männliche Kollegen gerne die Distortionfunktion ihrer Amps bis zum Exzess strapazieren, reichen hier ein paar zerlegte Mollakkorde, um für Atmosphäre zu sorgen. Mit Medo A Morte gibt es sogar einen Track mit Gesang. Die deutsche Sängerin Miss Vergnügen steuert die Vocals bei. II ist ein spannendes und hörintensives Album geworden, dessen Reiz wegen ein paar Redundanzen nach hinten raus etwas nachlässt.

 

 

Und wieder ein Erstlingswerk: Antlered Man ans London haben auf Giftes 1 and 2 ihre bisherigen 7“ Eigenproduktionen zusammengefasst und mit ein paar neuen Kompositionen auf Albumlänge ergänzt. Dem Quartett eilt der Ruf, eine phantastische Liveband zu sein, voraus. Im Studio dagegen sind sie detailverliebt und sprühen nur vor Ideen. Es hilft, wenn man auf mehrdimensionale Songstrukturen und vielfach gebrochene Arrangements steht. Wem dagegen das Riff von Breaking The Law schon zu komplex ist, der sollte schnell weiter scrollen. »Progressiv aber mit ganz fett geschriebenem Rock dahinter«, trifft den Sound der Briten ganz gut. Wobei es sich meist um mehr als nur einen Sound dreht. Keine Idee scheint abgedreht genug zu sein, um sie nicht auszuprobieren. System Of A Down ohne den Metalaspekt oder The Tea Party ohne den Doors-Touch fallen mir als entfernte Referenzen ein. Angenehm anstrengend zu hören und garantiert top-forty freie Zone.

 

In eine ähnliche Kerbe schlagen Wallace Vanborn aus Belgien. Lions, Liars, Guns & God ist deren zweiter Streich. Auf internationalem Niveau produziert von David Bottrill (u.a. Tool, Muse, Placebo) spielt das Trio eine ungeduldige, treibende, explosive Mischung aus Stoner und Melodic Rock. Im Gegensatz zu den Antlered Man scheute man sich aber nicht vor dem, was einen Hit ausmachen kann. Hooklines und griffige Licks finden sich zwischen tonnenschweren Riffs und einer dröhnenden Rhythmussektion. Der Sound schreit förmlich nach weit aufgerissenen Verstärkern und Ärger mit den Nachbarn. Biffy Clyro und die Queens of the Stone Age findet man selber auch ziemlich geil. Gegen The Cult und Black Sabbath (White River) haben die Drei bestimmt auch nichts. Besonders der Gesang erinnert mich hin und wieder an Ian Astbury (Ruthless oder Enemy of Serpentine). Wer die Konzerte im Mai besucht, sollte sich auf ne amtliche Dröhnung einstellen und vielleicht beim Ohrenarzt des Vertrauens nach Präventionsmaßnahmen fragen.

 

Dieser jugendlichen Vitalität möchte ich zum Abschluss die geballte Erfahrung eines exzessiv gelebten Lebens entgegensetzen. Jeffrey Lee Pierce, dem 1996 verstorbenen Roots, Blues, Punk, Americana Genie, wird mit The Journey Is Long vom J.L.P. Sessions Project zum zweiten Mal die musikalische Ehre erwiesen. Cypress Grove, der mit Jeffrey zu späteren Gun Club Zeiten gespielt hat, führt auch hier jede Menge alte Weggefährten zusammen, die im Geiste des großen Low Life Liebhabers musizieren. Man kann sich das Ganze als riesige Jazzsession mit jeder Menge Schnaps vorstellen. Wine is fine but Whiskey is quicker! Dabei geht man aber nicht den einfachen Weg und hat ein paar bekannte Songs neu aufgenommen. Was hier geboten wird, ist durchgängig neu und ungehört. Cypress Grove hat beim Altglas weg bringen ein paar Tapes mit nicht ausgearbeiteten Songideen von Jeffrey Lee gefunden. Dieses Material ist von den alten Kumpels (Nick Cave, Mark Lanegan, Barry Adamson, Lydia Lunch, um nur ein paar Namen zu nennen) fertig komponiert worden und lässt die Flamme von Jeff auch 16 Jahre nach seinem Tod so schummrig und vernebelt leuchten wie zu Lebezeiten. Schön aufgemachtes Digipack mit 20 Seiten Booklet, dessen Erlöse an die Jeffrey Lee Pierce Stiftung gehen werden.

 

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