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    Montag, 26. Juni 2017 | 22:55

    Hasenscheisse: a-Moll

    19.04.2012

    Goethes Griffel

    Hasenscheisse sind immer noch da. Und zurück: mit ihrem dritten Album a-Moll. Von MARTIN SPIEß

     

    Man muss keinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben, um sich darüber aufzuregen, wie viel nichtssagender Weichspül-Retortenpop sich verkauft wie Ablassbriefe – die poetischen, aufklärerischen und revolutionären Stimmen aber gar nicht oder nur von wenigen gehört werden. Ganz nach André Breton sieht man sich zuweilen einen Revolver in die Faust nehmen und in die Menge halten, weil die Republik legasthenisches Phrasengeschwurbel wie Tim Bendzko oder Silbermond rauf- und runterfeiert, als hätte Goethe höchst selbst den Griffel geführt. Der einzige Trost ist, dass Adorno das nicht mehr miterleben muss.

     

    Schluss mit stakkatoartiger Stereotypie

    Aber – ganz asterixesk – gibt es unbeugsame Musiker, die dem Mittelmaß ausdauernd Widerstand leisten. Die nicht nur wirklich etwas zu erzählen haben, sondern dazu auch in der Lage sind, ohne dabei stakkatoartig Stereotypen abzufeuern. Die ihren Songs poetische Geschichten einschreiben und sich nicht scheuen, mal absolut albern und mal maximal melancholisch zu sein. Die sich am Ende selbst nicht so ernst nehmen und dabei umso ernster werden. So wie Hasenscheisse.

     

    Zwei Alben hat die Berliner Band um den Schauspieler Christian Näthe (Soloalbum) bereits veröffentlicht: Das Debüt Für eine Handvoll Köttel (2007) noch in Eigenproduktion, den Nachfolger Für ein paar Köttel mehr (2009) dann auf dem eigenen Label K Rotten Records. Und jetzt also a-Moll, das konsequent das fortsetzt, was als »Acoustic-Guitar-Fantasy-Trash-Balladen« begann.

     

    Munteres Mäandern durch die Themen

    Der Opener Unbedingtes Ding, die erste Single des Albums, ist der Song, den man jemandem vorspielen muss, der Hasenscheisse nicht kennt. Denn er charakterisiert die Band und ihren Stil: Mit nur etwas über vier Minuten spielen Hasenscheisse sich durch Genres wie Rap, Flamenco (inklusive spanischer Lyrics) und Irish Folk. Vor allem aber macht der Song das Songwriting Christian Näthes klar: Er mäandert munter durch verschiedene Themen, assoziiert frei und besitzt die Eigenwilligkeit, seinen Assoziationen auch zu folgen. Nach englischsprachigem Rap, Flamenco und Irish Folk macht die Geschichte einen Ausflug nach Wien: »Nur der Wiener zuhause / der trinkt lieber Brause / und will das partout nicht begreifen / was die Jungs da wieder sing’ / von diesem unbedingten Ding / oder wie tut das jetzt noch mal heißen?« Und wenn man schon mal in Wien war, kann man auch gleich noch Napoleon nachschieben, der von einem seiner Soldaten per Telefon (sic!) davon instruiert wird, dass es »dort drüben in Allemagne (...) fünf Jungen [gibt] (...), die ’aben kreiert eine unglaublische Chanson, der Leute dreh’n durch (...)« Ein französischer Rap folgt, und am Ende hebt Näthe quasiphilosophisch an: »Und du suchst wie bekloppt und du rennst wie verrückt / du denkst, det unbedingte Ding, das fehlt dir noch zum Glück / Schade um die schöne Zeit, die du verschenkst / vielleicht ist det unbedingte Ding ja wat janz anderet als Du denkst«.

     

    Song Nummer zwei ist der Titel-Song a-Moll, eine fast siebenminütige Ode an den wahrscheinlich beliebtesten und gleichwohl am meisten verachteten Griff auf der Gitarre. Von Verachtung natürlich ist hier keine Spur: »Du bist zart und feminin, du klingst wie hunderte von Harfen / du bist mir oft im Traum erschien’, a-Moll ich möchte mit dir schlafen«.

     

    Politik, ironisch gebrochen

    Kein Bock und keine Zeit ist dann, wenngleich – wie so oft bei Hasenscheisse – ironisch gebrochen, der erste politische Song des Albums: »›Der Kampf geht weiter, meine Brüder‹, verkündete ich kühn / ich weiß, die Welt braucht wieder Helden – wo ist mein Superman-Kostüm? / Was? Gerade in der Wäsche? Mist! Egal, ich bin bereit / Es gibt nur ein Problem ich hab kein’ Bock und keine Zeit mehr für den Scheiß / ich bin jetzt Mitte 30 da muss man sehen wo man bleibt / Keine Zeit mehr für den Kram / ich hab außerdem ne Pizza im Ofen, die ist hoffentlich noch warm.«

     

    Zum ersten Mal auf einem Hasenscheisse-Album ist – in Feuerwasser – auch eine E-Gitarre zu hören. Ohne aber würde es auch schlecht gehen, bei einem Song, in dem es heißt: »Ohne Feuerwasser kein Rock&Roll / Harald Juhnke ist mein Held und Shane MacGowan ist mein Idol / Ohne Feuerwasser kein Rock&Roll / das gute alte ›Eins, zwo, drei, vier‹ schreit nach Ethanol«.

     

    Der Weihnachtsmann, eine abgesägte Schrotflinte und der Osterhase

    Es sind aber nicht nur die poetischen oder emotionalen, sondern vor allem die skurrilen Elemente, die Hasenscheisse auch auf a-Moll ausmachen: In Der Alte schießt der Weihnachtsmann – depressiv, weil er nur ein Mal im Jahr gebraucht wird – mit einer abgesägten Schrotflinte auf den Osterhasen, nicht ohne ihn vorher aufs Eloquenteste beleidigt zu haben: »Warum sind deine Ohren so groß? Du warst bestimmt bei der Stasi?«

     

    In Finde deine Mitte trifft der Erzähler sogar auf Gottes Sohn: »Wieder auf die Reise, mit ner Pilgerschar / Mitten auf dem Jakobsweg staunte ick, denn da / stand Jesus aufm Berg und der war voll der Rasta / hatte Loden bis zum Arsch und fragt mich: ›Haste ma n Pflaster?‹ / Dabei rieb er sich die Handgelenke und grinste breit / ‚Man muss auch immer über sich selbst lachen können in seinem Leid!«

     

    Und im Closer Hätte, hätte, hätte – eine Zelebrierung des Konjunktivs – findet sich die wahrscheinlich beste Stelle des Albums: »Wir hätten längst ein Haus am See, so’n Grundstück hat sonst keener / Peter Fox wär unser Nachbar, nur seine Hütte wär’ viel kleener / ›Peter, sag ma, wat is denn eigentlich dies’ Jahr da mit deine Orangenbäume passiert, die seh’n irgendwie n bisschen mickrig aus, findst’ nich? Haste irgendwat falsch jemacht. Und dann, als du den ersten Tag da in deenen Schuppen rüberjestolpert bist: Ick dachte, du jehst aufs Klo, aber du wohnst da ja!‹«

     

    Leben und Lebendigkeit feiern

    Der emotionale Song des Albums schließlich ist keine Ballade, sondern ein Punkrock-Song. In Monika – der von Cristians älterem Bruder Lars Näthe geschrieben ist – heißt es: »Das Gras ist feucht dort unten bei den Gleisen / die letzte Zigarette ausgemacht / Carsten hält das Ohr ans kalte Eisen / das hat ihm Gojko Mitic beigebracht / die Schiene singt: noch fünfundzwanzig Meter / das Eisenpferd rast Richtung Osnabrück / und Carsten, er steht ob an der Böschung / und zittert, zittert, zittert sich ins Leben zurück« Wie ein Befehl, das Leben und die Lebendigkeit zu feiern, mutet der Refrain dann auch an: »Tanzen gehen, tanzen gehen, jetzt erstmal tanzen gehen«.

     

    Das einzige Manko: Das Album ist zu kurz

    Älterer Bruder ist ein gutes Stichwort: Denn einer Familie gleich sind Hasenscheisse über die Jahre immer mehr Musiker geworden: Am Anfang waren es nur Vater Christian Näthe (Gitarre, Gesang) und Mutter Matthias Mengert (Gesang), dann kamen – zu Album Nummer zwei – die Söhne André Giese (Bass) und Sascha Lasch (Schlagzeug) hinzu. Und jetzt sind Hasenscheisse, mit Enkel Stephan Fuchs am Akkordeon, zu fünft. Und auch wenn es heißt: »Jemand ist ein Gentleman, der Akkordeon spielen kann, es aber nicht tut«, gewinnen Hasenscheisse dadurch noch einmal. Weil sie sich, noch mehr als auf den ersten beiden Alben, musikalisch erweitern, noch mehr ausprobieren, noch mehr rumspielen und rumalbern können.

     

    Am Ende ist das Einzige, was man dem Album vorwerfen kann, dass es mit neun Songs in knappen vierzig Minuten zu kurz ist. Wie gerne würde man länger verweilen, bevor man wieder raus muss in eine Welt, in der einem blonde Jüngelchen erklären, dass sie »nur noch kurz die Welt retten« müssen. Wenn irgendwer tatsächlich dazu in der Lage wäre, dann Hasenscheisse. Ob mit oder ohne Superman-Kostüm.

     



     

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