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    Freitag, 28. April 2017 | 12:13

    Woog Riots: Post bomb chronicles / Mark Stewart: The politics of envy

    12.04.2012

    Pop und Politik

    Information overload und gefräßiger Kapitalismus, Wutbürger und Revolutionen – wo bleibt der Sound zum Zeitgeschehen? Von TOM ASAM

     

    Das Duo Woog Riots tritt an, sich mit »existentiellen Fragen zum Leben in der digitalen Krisenmoderne« auseinanderzusetzen. Als funky Agit-Pop, »wunderbar gespiegelt aus der Erfahrung von vier Jahrzehnten Popkultur, in der die Electro-Minimal-Ansätze von The Young Marble Giants ebenso Spuren hinterlassen haben wie Jonathan Richman, Bikini Kill und der Dance-Punk von DFA« beschrieb der leider viel zu früh verstorbene Martin Büsser das Vorgänger-Album PASP aus dem Jahre 2008. Auf Post bomb chronicles kommt es dank der Zusammenarbeit mit Florian Malicke zu vermehrtem Einsatz von Sequenzern und Computerbeats. Zwischen New Order und den B 52s liegt die Basis, man hört hier aber auch viele Anklänge an deutsche Popgeschichte von Harmonia und Kraftwerk über die NDW zu den Chicks on Speed.

     

    Der Titel des Albums ist inspiriert vom 1965 veröffentlichten Buch Dr. Bloodmoney or how we got along after the bomb von Philip K. Dick. Etwa zur gleichen Zeit stellte Marshall Mc Luhan fest, dass das Medium die Botschaft ist, Warhol sprach von den »15 minutes of fame«, die jedem zukommen würden und Alvin Toffler sprach bald vom »information overload«. Sowohl die Musik als auch die Themen, die hier verhandelt werden, sind so gesehen eigentlich ein alter Hut, angekommen sind sie aber auf breiter Ebene erst in den letzten Jahren. Das Internet-Zeitalter macht überdeutlich, was Mc Luhan oder Warhol vor bald 50 Jahren formulierten – und es ermöglicht (theoretisch) einer breiten Masse von Hörern die Soundzitate einer Band wie Woog Riots mit einem Grinsen im Gesicht wahrzunehmen. Wer hatte in den Tagen, als ein Jonathan Richman oder Krautrockbands Neuland betraten, schon die Möglichkeit, das wahrzunehmen? Hat es aufklärerisches Potential, wenn Woog Riots attestieren, dass nach der Pop-Art nichts mehr passierte, ein Überfluss an Wahlmöglichkeiten bestehe, nicht nur die Mode sich ständig wiederholt und sie dem Hörer nahelegen, Marx mal wieder zu lesen? Natürlich nicht, das dürfte Silvana Battisti und Marc Herbert auch bewusst sein. Dafür ist Post Bomb chronicles ein kurzweiliger retrofuturistischer Ausflug (nicht nur) für Spex-Abonenten.

    Der ungelenke, stark akzentbelastete englische Sprechgesang gehört auf Musiker-Seite hier ebenso zum guten Ton, wie die Nerd-Brille beim potentiellen Hörer. Der sympathisch-kauzig ausgestellte DIY-Gestus hat dabei eigentlich keine große Aussagekraft mehr, erinnert höchstens angenehm an Zeiten, als Subkultur keine Beimischung zu Marketing-Konzepten war und Wörter wie »Kult« nicht in Powerpoint-Präsentationen auftauchten. Heute kann (bzw. muss) jedermann jede Art von Sound ohne großen Aufwand aus seinem Wohnzimmer heraus produzieren – jeder hat sein »Projekt« am Laufen und seine 15 Minutes of Fame am Glühen.

     

    Mark Stewart ist Gründungsmitglied der Pop Group. Die 1978 in Bristol gegründete Band war stark beeinflusst durch Funk, Reggae und Jazz und verstand unter Punk eher James Chance and the Contortions als Sex Pistols. Wenngleich The Pop Group kommerziell nicht zu den großen Nummern dieser kreativen Ära zählt, ist der Einfluss von Stewart und seinen Mitstreitern auf Post-Punk und später auf den sogenannten Bristol-Sound unbestritten. Als Stewart sich 1981 von der Band trennte, zog er nach London und kam bei Adrian Sherwoods neu gegründeten On-U Label unter, spätere Veröffentlichungen erschienen auf Mute Records.

     

    In Bristol, dem alten Sklavenhafen und der Heimat vieler karibischer Einwanderer ging es zu Zeiten der Pop Group hoch her. 1980 fand ein großer anti-police-riot statt. Die Legende besagt, dass die politische engagierte Pop-Group ein Mitglied ausschloss, weil es nicht an einer Demo teilnehmen wollte. Nun ist Stewart zurück, und viele halten ihn für den richtigen Mann, um das passende musikalische Statement in Zeiten arabischer Revolutionen, Occupy-Aktivitäten und Finanzkrisen abzuliefern. »Mark Stewart has led the attack on conformist reality. Mark is a constant inspiration and a true thief of fire«, heißt es aus dem Hause Primal Scream, Daddy G (Massive Attack) nennt ihn schlicht »My Hero.« Sowohl Primal Scream als auch Daddy G sind an dem Album The politics of envy beteiligt, aber auch: Lee »Scatch« Perry, Richard Hell, Clash/PIL-Klampfer Keith Levene und einige mehr. Da liegt die Erwartungs-Latte gewaltig hoch!

     

    »Im not impressed by your decadence« legt der Opener Vanity Kills, bei dem Kennth Anger am Theremin(!) zu hören ist, los. Es folgt Autonomia mit Bobby Gillespie, ein Song über den 2001 bei den Protesten in Genua getöteten Carlo Giuliani, der gewisse Rage against the machine-Anklänge aufweist. Weiter geht’s mit Gang War und Lee Scratch Perry – und man versucht langsam, das Ganze musikalisch zu verorten. Und siehe da: Erstaunlicherweise klingt das nicht – wie derzeit bei so vielen Bands – nach glorreichen Postpunk-Tagen, was hier naheliegen würde. Der wilde Stilmix von politics of envy lässt einen sofort an den Begriff Crossover denken – und die Zeit Anfang/Mitte der 90er, als dieser fester Bestandteil war im Zusammenhang mit der Playlist in der local Indiedisco. Punk-Rock, Dub, Dance und Industrial zusammengeschweisst zu Tracks, die damals wunderbar reingepasst hätten zwischen Urban Dance Squad, Rage Against the Machine, Chilli Peppers, Waltari – und meinetwegen Killing Joke oder Mano Negra. Texte sind im Booklet leider keine abgedruckt, aber Slogans wie »corporate cocksuckers« oder »sanity sucks« kriegt man auch so mit. Ob das hier der Sound zur Gegenwart sein kann, bleibt fraglich. Was aller Ehren wert und um Abwechslung bemüht ist, verpufft aber leider letztlich irgendwie ohne allzu großen Eindruck zu hinterlassen.

     

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