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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 23. August 2017 | 02:32

    Franco Falsini: Cold Nose / Head Boggle: Head Boggle / Merzbow & Marhaug: Mer Mar / Mikhail: Xenofonia

    29.03.2012

    Avantgarde-Tour

    Gehirnaktivitätenmucke, Verstandsverschreckung, Schrottgejaule und Expat-Collagen. KRISTOFFER CORNILS leitet eine kleine Tour durch die Avantgarde. Es geht rückwärts, querwärts, abwärts und überallwärts, soviel sei versprochen.

     

    Rückwärts

    Das Editions Mego-Sublabel Spectrum Spools legt Franco Falsinis zuerst 1975 erschienenes Album Cold Nose neu auf. Der italienische Musiker hatte die drei Kompositionen mit einer Gesamtlänge von etwas mehr als 32 Minuten anlässlich eines Films verfasst, den bis dato kaum jemand gesehen haben dürfte. Damit der Musik des ehemaligen Sensations‘ Fix-Frontmanns nicht dasselbe Schicksal blüht, wurde das Album kurzerhand ausgegraben, nach Falsinis Wünschen entsprechend neu gemastert und steht nun auf sattem Vinyl zur Neuentdeckung bereit. Soviel ist sicher: Die Rückwärtsgewandtheit hat hier ein Ende. Es ist verblüffend, wie aktuell Cold Nose nach fast 40 Jahren klingt. Auf mantrahafte Arpeggi legen sich psychedelische Gitarrenlicks, warme Bassläufe und sphärische Synthieflächen, gegen Ende hin stellt Falsini sogar seine gesanglichen Qualitäten unter Beweis. In nur drei Kompositionen nimmt Falsini nicht nur einiges von dem vorweg, was kurze Zeit später als Ambient Music Verbreitung fand, er zeigt sich auch als Stifterfigur für Bands wie Barn Owl, wenngleich als eine vergessene. Vielleicht liegt die Zeitlosigkeit ja darin begründet, dass Falsini nur dann zu seinen Instrumenten griff, wenn sein Hirn genug Alpha- und Thetawellen produzierte, ergo hochkreativ war? Wie auch immer der Fall liegt, Cold Nose gehört dringend wiederentdeckt!

     

    Querwärts

    Wenn es ein musikalisches Pendent zum Messie gibt, dann ist es vielleicht Derek Gedalecia alias Head Boggle. Mal schnappt er sich ein Analog Banjo, mal ein Harpsichord Rococo, um Ambiantmusique oder Wassermusic zu schaffen. Quer durch ein Potpourri von Instrumenten, Soundschnipseln, Synthiedaddeleien und Feldaufnahmen geht es auf Head Boggle. Der Name ist natürlich Programm: Die bizarren Collagen tun ihr Möglichstes, um die Synapsen zu verscheuchen. Die Ahnung eines straighten Beats wie auf Digital Disco oder das jazzige Drumming auf Ambiantmusique lässt auf mehr Auszeit für die Wahrnehmung hoffen, als dies de facto der Fall ist: Gedalecia reißt im nächsten Moment schon wieder scheinbar wahllos an den Hebeln und lässt die Knöpfe rotieren. Das ist einerseits schön für das Kopfhörererlebnis. Denn wenn sich eine Tonspur von links nach rechts und wieder zurück und seitwärts und querwärts und – also, wenn der richtige Head Boggle-Effekt einsetzt, vermittelt die Musik räumliche Tiefe. Das beste Beispiel dafür ist der 7minütige Track Wassermusic, der enorm davon profitiert, das Gedalecia neben aller Detailversessenheit auch die größeren Strukturen seiner Kompositionen in den Blick nimmt. Auf der zweiten Seite – standesgemäß erscheint das Album auf Vinyl – zeigt sich Head Boggle zurückhaltender, es steht dem Projekt besser an. Denn die ausgeklügelten Arrangements erzeugen nur dann wirkliche Spannung, wenn Gedalecia die verschiedenen Fäden auch wirklich fest in der Hand hat. Strukturzwang steht ihm letztlich besser als kreuz und quer die Möglichkeiten seiner Instrumentensammlung auszutesten, so scheint es. Head Boggle beschert seiner Hörerschaft ein sicherlich interessantes, aber stellenweise unzusammenhängendes klangliches Erlebnis, das alle Kanäle der Sinneswahrnehmung durchlaufen will.

     

    Abwärts

    Die japanische Noise-Koryphäe Merzbow ist nicht gerade für Subtilität bekannt. So verwundert es auch nicht, dass seine neueste Kollaboration direkt durch den Ohreneingang runter ins Rückenmark geht. Schließlich hat er zusammen mit Lasse Marhaug jede Menge Schrott bearbeitet, und das nicht im metaphorischen Sinne: Die beiden lassen altes Metall kreischen, legen bratzig-wabernde Synthies drauf und jagen das Paket durch eine Vielzahl von Effektgeräten. Dementsprechend gestaltet sich Mar Mer als Waterboarding für die Nervenstränge. Die harschen Noiseattacken bewegen sich tatsächlich am Rande des Erträglichen. Man stelle sich vor, an einen Stuhl gefesselt 40 Minuten dabei zuhören zu dürfen, wie eine betagte Religionslehrerin mit quietschender Kreide die verschiedenen Göttinnen und Götter des Shintoismus aufzählen. Bei Mar Mer handelt es sich also um nicht mehr und nicht weniger als ein grandioses Noise-Album. Während Merzbow zusehends abgesackt war – jedes Konzept erschöpft sich früher oder später, daran ändert eine Veröffentlichungsquote von geschätzt einem Dutzend Alben pro Jahr nichts, im Gegenteil – zeigt er sich hier wieder von seiner aggressivsten und destruktivsten Seite. Vielleicht mag das ja auch seinem Kollaborationspartner Marhaug geschuldet sein, der ähnlich notorisch wie der Japaner Platte um Platte ans Tageslicht fördert. Mit Mar Mer ist den beiden ein wirklich ausgewogenes, spannendes Noisealbum gelungen, das reichlich Verstörungspotenzial in sich birgt, wo sich sonst allenthalben höchstens in Effekthascherei ergangen wird.

     

    Überallwärts

    Bei Mikhail handelt es sich um einen modernen Hans Dampf – Performance Art, Musik und politischen Aktionismus versucht der griechisch stämmige Künstler unter einen Hut zu bringen. Das bescherte ihm immerhin eine Nominierung für den renommierten Qwartz Award, doch ging sein zweites Album Orphica nicht als Gewinner hervor. Mit Xenofonia legt er nun ein weiteres, umfangreiches Projekt vor, mit dem er sich viel vorgenommen hat. Zum Beispiel eine Lanze zu brechen für die Musik seines Heimatlandes, die, so Mikhail, bis vor hundert Jahren noch unberührt geblieben war von allen musikalischen Entwicklungen, die sich in Westeuropa vollzogen. Ob man sein Projekt in Griechenland nun frenetisch feiern wird, muss sich noch zeigen – dass der Künstler seiner Herkunft den Rücken gekehrt hat, könnte dabei einen Wermutstropfen bedeuten. Denn Mikhail ist, wie er im Song Deserter (!) (zeimbekiko) selbst singt „lost on foreign shores“ und residiert mittlerweile in London. Idealer Nährboden allerdings für Studien zum Thema der Fremdheit, die auch Xenofonia – zu Deutsch ungefähr: fremder Klang – durchexerziert. Sei es die von der Heimat oder selbstverschuldete Realitätsabnabelungen durch Technologien. Die Thematik spiegelt sich natürlich musikalisch wider – barocke Instrumentierung und Chorpassagen treffen im Rahmen eines avantgardistisch-konzeptualistischen Albums auf Technobeats. Bei so viel hohem Anspruch, so vielen in alle Richtungen laufenden Referenzen überrascht das Album doch eher mit verhältnismäßig leichter Kost. Nicht, weil Mikhail ein Massenprodukt als Kunstwerk verkaufen wollen würde, Xenofonia ist ein wunderbares, durchdachtes und intelligent arrangiertes Album. Aber so wirklich fremd scheint dieser Klang nicht. Die einzelnen Komponenten fügen sich organisch ineinander, die elektronischen Spielereien und Harpsichord-Harmonien stellen nicht den Widerspruch dar, den ihr Zusammenprall wohl verursachen sollte. Und irgendwie erinnern nicht nur die mal geknurrten, mal zittrig-dünn vorgetragenen Vocals Mikhails in Melodieführung und Phrasierungen an eine gewisse isländische Künstlerin, die schon vor langer Zeit damit anfing, Tradition, Pop und elektronische Musik in den Mixer zu werfen. Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte der gebürtige Grieche tatsächlich auf der Björk-Compilation Army Of Me: Remixes And Covers, der Einfluss der App-vernarrten Sängerin ist offenkundig.  Sonderlich progressiv wirkt das gute Dutzend Songs auf Xenofonia vor dieser schier übermächtigen Folie nicht mehr. Obwohl sich Mikhail also überallwärts bewegt, E- und U-Musik, Tradition, Klassik und Moderne in den Dialog bringt, das dahinterstehende Konzept geht nicht so recht auf. Xenofonia ist ein grandioses Album, dem man vielleicht einen exotischen Touch nicht ableugnen kann, das aber nicht das einhalten kann, was sein Urheber versprochen hat.

     

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