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    Sonntag, 30. April 2017 | 16:37

    Papier Tigre: Recreation / Tomat: 01-06 June

    15.03.2012

    Klangliche Stroboskoplichter & solitäre Jamsessions

    Es müssen ja nicht immer die Noise-Drone-Doom-Neoklassisch-Ambient-Schubladen bedient werden, wenn man sich etwas abseits der Konventionen austoben möchte. KRISTOFFER CORNILS über die nervenzerreibenden Avant-Punks von Papier Tigre und den warmen, kongenialen Improvisations-Pop des Italieners Tomat.

     

    Das französische Trio Papier Tigre gibt von der ersten Sekunde an Vollgas: Schräge Gitarrenriffs, heiseres Krächzen und hektisch-vertracktes Drumming gewittern los und scheinen kaum damit aufzuhören, auf sämtliche Nervenstränge einzudreschen. Ihr drittes Album Recreation dürfte sich immer noch nicht für die viertelstündliche Yoga-Sitzung vor Arbeitsbeginn eignen, verfolgt es doch den gewissen Trademark-Sound, der von Bands wie Q And Not U und Les Savy Fav vorformuliert wurde: Tanzbarer Punk trifft auf Kunsthochschulenmentalität. So ganz hip ist das eigentlich nicht, fast sogar schon etwas konventionell und rückwärtsgewandt – der treibende Bass in Afternoons erinnert zum Beispiel stark an einen bestimmten Fugazi-Song aus dem Jahr 1988. Aber durchgedreht bleibt es, und wie.

     

    Papier Tigre übertreiben es dabei ein wenig, oder besser: Treiben es auf Dauer doch zu bunt, um substanziell mithalten zu können oder noch wirklich etwas wie eine künstlerische Message hinter den klanglichen Stroboskoplichtern erkennen zu lassen. Die Verschrobenheit wirkt schnell aufgesetzt, die dissonanten Melodien bemüht und das Gesamtpaket trotz aller runtergeeiferten Tonleitern ziemlich eintönig. Die Tour de Force, auf die Papier Tigre ihre Hörerschaft schickt, bricht nur selten aus ihrem selbst verpassten Korsett aus. Eine schöne Verschnaufpause vom Hochgeschwindigkeitspunk auf Teenage Lifetime findet sich auf Recreation leider viel zu selten, als dass man dem Album wirklich eine Ausgewogenheit zuschreiben könnte. Bemühte Weirdness ist eben immer noch langweilig.

     

    Tomat, mit vollem Namen Davide Tomat heißend und unter anderem bei N.A.M.B. und Niagara aktiv, hat sich ein paar Tage in seinem Studio eingeschlossen und dort stundenlang improvisiert. Vom 1. bis zum 6. Juni letzten Jahres hockte er über seinen Gerätschaften, wie der Titel seiner Platte verrät. Am 7. war der Tag der Entscheidung gekommen, Tomat siebte seine stimm-, synthie- und gitarrenbasierten Tracks aus und hatte 36 verschiedene Endprodukte, von denen es elf auf 01-06 June geschafft haben. Es ist ein absonderlicher Mix aus kosmischen Drones, eingängigen – obwohl bis zur Unmerklichkeit verschwommenen – Beats und poppigen Gesangsmelodien, der das Album bestimmt. Wären Animal Collective weniger in die Hooklines der Beach Boys vernarrt, hätten ihre Kinderfolk-Phase endgültig abgeschlossen und würden sich stattdessen auf noch elektronischeren Pfaden bewegen, sie könnten eventuell so klingen. So allerdings steht Tomat als singuläres Phänomen da und kombiniert entspannt-sphärische Soundscapes mit der hinreißenden Zuckersüße des Pop. Selbst epische Brocken von neuneinhalb Minuten Länge vergehen wie im Fluge. Nur zum Ende hin machen die Ohrwürmer eher meditativen Klängen Platz, tritt der Gesang in den Hintergrund und die Klänge etwas verschrobener.


    Kaum zu glauben, dass dieses Album zu gut 90% aus bearbeiteten Stimmsamples zusammengesetzt, Resultat einer megalomanischen, solitären Jamsession ist. Dafür klingt es zu perfekt, dafür greifen die einzelnen Teile zu gut ineinander über. Dem kann man schlecht mit Genrezuschreibungen beikommen, lose Begriffe wie Elektro-Pop, Chillwave, Hypnagogic irgendwas, Ambient oder sonst wie greifen zu kurz. Tomat ist Tomat, er hat seinen ganz genuinen Sound gefunden. Die historische Dimension, die er den einzelnen Tracks gibt – jedem Song ist ein Datum zugeordnet, nach Wikipedia-Recherche auch ein Ereignis wie zum Beispiel das Ende der Sojus-Mission im Jahre 1980 – mag als Bonus vielleicht für netten Partytalk gereichen, wichtiger aber ist: 01-06 June ist ein absoluter Geheimtipp, ein großartiges Album, clever arrangiert und intelligent von vorn bis hinten durchkomponiert. Ein potenzieller Anwärter für das Album des Jahres, definitiv.

     



     

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